Berlin! Berlin!


Der berliner Volkshumor hat in wenigen Jahrzehnten große Wandlungen durchgemacht. Bewußt ist den Berlinern dieser Humor eigentlich erst seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, seit Glaßbrenner, und aus dieser Zeit datiert sein Niedergang.

Es ist eine merkwürdige und oft beobachtete Tatsache, wie dem kernhaften Volkshumor die Literatur schadet, und wie das Lachen gleich dünner wird, wenn mans im Grammophon auffängt. Glaßbrenner hatte es noch verhältnismäßig leicht: er hörte scharf, schrieb gut, und der Weg vom Ohr bis zur Hand war bei ihm kurz. Ganz abgesehen von seiner politischen gut demokratischen Gesinnung (man darf da nicht an unsre heutigen Demokraten denken, sondern an Männer), ganz abgesehen von seiner politischen Gesinnung, hatte er wie kaum ein zweiter den humoristisch trockenen Ton der Berliner weg. Er hörte förmlich die Musik, die darin lag, dass ein berliner Eckensteher den Versuchen des Droschkenkutschers, sein gefallenes Pferd wieder in die Höhe zu bekommen, still und pomadig zusah, keine Hand aus der Tasche nahm und schließlich das fachmännische Urteil abgab: »Dies Ferd scheint hinjefallen zu sin!« – Ehe der Kutscher zu Fluch und Peitsche greifen konnte, war er schon eine Ecke weiter geschlendert ...

Das Volk war damals in seinen Worten saftiger und lebenskräftiger als heute. In den Empfindungen wird sich nicht viel gewandelt haben, denn unerschöpflich ziehen die untern Volksschichten, die auch in der großen Stadt der Natur und Mutter Grün näherstehen als alle andern, ihre Kraft aus dem Boden der Erde. Presse und Schule, Papier und Tinte mögen das Ihrige dazu beigetragen haben, Ausdrucksweise und damit den Humor blaß anzukränkeln. So richtige vollsaftige berliner Bemerkungen sind immer seltener zu hören, und wir alle kennen ja den bekannten Typ des »Berliners« im Felde, der das größte Mundwerk der Kompanie aufzuweisen hatte, und alle seine Aussprüche, auch die plattesten, so tat, als sagte er damit den besten Witz der Weltgeschichte.

Nun ist es eine bekannte Tatsache: was ein richtiger Berliner ist, stammt aus Posen oder aus Breslau. Der Zuzug aus den östlichen Provinzen ist immer sehr groß gewesen, und die Reichshauptstadt bekam dadurch ein Gepräge, das nicht wurzelecht war und immer ein wenig landfremd, wie man heute sagt. (Viele böse berliner Eigenschaften sind diesen Zugezogenen aufs Konto zu schreiben.)

Der alte Weißbierhumor ist dahin. Er war selbst noch im Proletariat kleinbürgerlich und immer ein bißchen behäbig, ja selbst noch in der kessesten Frechheit von menschenfreundlicher Gutmütigkeit. Daneben blühte schon damals ein bescheidenes Pflänzchen, der berliner Witz, ein von jenem ganz verschiedenes Gewächs; er war scharf und schneidend, blutig und manchmal roh, und es ist kein Wunder, dass mit der Ausbreitung der Großstadtmassen der berliner Humor ab- und der berliner Witz zunahm.

Dieser Witz griff an, er schonte keinen, auch den ersten »Diener« des Staates nicht, den er, hinterhältig und von der Zensur verfolgt, immer wieder mit Nadeln ins Gesäß piekte. Schrie der Getroffene »Au«, war der Lausejunge längst über alle Berge. Aus diesem Witz quoll das ganze Maß Verachtung und Hohn, Spott und Haß heraus, das sich in dem Großstadtproletarier angesammelt hatte. Die geringfügigste Gelegenheit genügte, um ein Geschoß abzufeuern, das nur darauf gewartet hatte, herausgeschleudert zu werden. Am schärfsten und schlagkräftigsten arbeitete dieser Witz, wenn es galt, gegen eine »Feunheit« zu demonstrieren, die jenem Kleinbürgertum entsprossen ist, das so gern möchte und nicht kann. So zum Beispiel in der Geschichte von dem Mann, der in der Untergrundbahn vor einer dicken Frau steht und bei einer Kurve gerade auf ihren Busen fällt. Er hat zwar das Gleichgewicht, aber nicht seine »Büldung« verloren und ist gleich mit dem in der Schule gelernten Motto des englischen Hosenband-Ordens bei der Hand: »Honny soit qui mal y pense!« (Verflucht sei, wer sich Böses dabei denkt!) – Und darauf die Dicke: »Wat hat er jesagt? Halt dir lieber senkrecht!«

Der fette, etwas ältliche Mann mit den zu weiten Hosen, der nie aus der Ruhe zu bringen ist und immer noch Rat weiß, wenn die andern schon alle wirr durcheinanderlaufen, ist eine »Marke«, die ganz unbezahlbar ist. Diese Leute pflegen nicht viel Worte zu machen: fragt man ihn, wie er dies oder jenes gedeichselt habe, so antwortet er: »Na, ick habe da son bißchen Pi-pa-po jemacht ... «, aber er rühmt sich selten seines Geschicks und setzt mit unbeirrbarer Sachlichkeit seinen Dickkopf durch. Das ist die eine Gattung. Die andre ist leicht beweglich (heutzutage Schieber) und erledigt alles Nötige mit flottem Mundwerk und flinker Erregbarkeit. Bedenken gibts da nicht.

Wirkliche Tiefe erreicht der berliner Witz manchmal auf der Basis grauesten Elends. Die Säuferphilosophie ist imstande, manchmal wirkliche Weisheiten zutage zu fördern. »Die einen machen Klamauk und die andern leben davon«, hat so einer mal gesagt.

Das Ewigweibliche spielt in diesem Kapitel eine gar kleine Rolle. Es werden Witze über dasselbige gemacht, aber selbst macht es keine, oder wenig charakteristische; und nur wenn die Flamme verglüht ist und aus der ehemals vielbegehrten Nutte eine alte Frau mit rundlichem Bauch oder eine mit klapperdürrem Gestell geworden ist, träuft von den Lippen dieser Mütter wohl hier und da ein gutes berliner Wort.

Obgleich wir ihn so nötig hätten, fehlt uns immer noch der große satirische Zeichner berliner Prägung, einer, der das Proletarierelend versteht und nun anklagend peitscht. Zille in seiner besten Zeit hat Ansätze dazu gemacht. Käthe Kollwitz schildert ergreifend, aber sie spottet nicht. Sie klagt klagend an.

Und doch ginge einem Maler der Stoff nicht aus. Wenn sich auch die Verhältnisse stark gewandelt haben, wenn auch durch den Krieg viel Gemütlichkeit verlorengegangen und viel Bitterkeit hinzugekommen ist, bleibt doch immer noch genug, um das ganze Lebenswerk eines solchen Malers sicherzustellen.

Geh in die Versammlungen, mein Lieber, und sieh dir die Gesichter an: pockennarbige und verklebte und ovale und runde und verdorbene und kindliche. Und stell dich neben das Podium und sieh in dieses Meer von Bewegung und rauschendem Volk; wie es von den Worten des Redners hin und her geschleudert wird und, paßt der ihm nicht, ironisch zwinkert und zweifelnd grinst. Geh in die kleinen Restaurants, die sich heute Bars nennen, und sieh die selbstverständliche Gassenwürde jener Damen und ihre Unbeirrbarkeit, wenn sie einen Handel abschließen, geh auf die Plattformen der Straßenbahnen und mach einem »Krach« mit: sieh zu, wie sich der aufgeregte Berliner mit dem dickfelligen zankt, und wie es der Schaffner plötzlich mit der Amtswürde bekommt und beide trennt, und wie die vierzehn Zuschauer, die da außer dir noch stehen, dem Chor der griechischen Tragödie gleich ihr Volksurteil abgeben. Sieh dir den Berliner an, wie er mit Tieren umgeht, diese teils merkwürdig naive, teils derbe Art, Tiere wie seinesgleichen zu behandeln, nur etwas von oben herunter und so, als seien sie leider von Natur aus etwas dumm und »mit der Muffe jeschmissen«. (Besonders bei Kutschern findet man das häufig.)

Zu einem großangelegten politischen Witz hat es der Berliner trotz dem neunten November noch nicht gebracht. Der bürgerliche Witz von rechts nach links ist eine klägliche Unmöglichkeit, der Witz von links nach rechts stellenweise ausgezeichnet, aber noch lange nicht genügend populär und noch immer viel zu sehr gemacht. Die politisch einsichtigen Arbeiterkreise bringen es, wenn sie irgendeinen ihrer alten Quäler in gebügelter Uniform und mit Eichenlaub sehen, allenfalls zu einem vernichtenden Hohn. Der politisch sarkastische Witz steht aber eine Stufe darüber, und den haben sie noch nicht, und er wäre uns so nötig ... !

Wohin wir steuern, ist ungewiß. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist dem Entstehen einer großen Witzära abhold. Auf der einen Seite fürchten die Bürger viel zu sehr für ihr verdienstreiches Fortkommen, als dass sie an frechen Witzen über die heiligsten Güter ihres Portemonnaies Gefallen fänden; auf der andern Seite ist der Haß nicht scharf, nicht schneidend, nicht blutig genug, um den ganz großen politischen Witz hervorzubringen. Kitzeln genügt da nicht – man müßte zuschlagen.

Und die Zensur? – Die schlimmste Zensur saß nicht am Alexanderplatz, saß nicht in den Polizeipräsidien der deutschen Städte, sie saß und sitzt im Herzen der Deutschen. Politisch gebildete Arbeiter werden ein Lied davon zu singen wissen, wie beschränkt ihre eigenen Kollegen manchmal sind, und wie schwer es ist, Widerstände und Hemmungen manchmal zu besiegen, die Schule und falsche häusliche Erziehung eingepflanzt haben.

Die politische Zensur ist scheintot und wird sich, wie wir die Brüder kennen, eines Tages schon wieder hochrappeln. Die andre Zensur aber, die weitaus gefährlichere, die, die jeder im Herzen trägt, ist wert, von jedem einzelnen erschlagen zu werden, denn sie hat unendlich viel auf dem Gewissen.

Dann, aber erst dann, werden wir einen politischen berliner Witz haben.

 

 

Iks

Freie Welt, 10.01.1920, Nr. 1, S. 4.





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