811. Humanität 1). Menschheit 2). Menschlichkeit 3).

1-3) Humanity.
1-3) Humanité.     2) Nature humaine.     3) Bénignité (charité).
1-3) Umanità.    2) Natura umana.    3) Benignità (carità).

Wenn Menschheit das ganze Wesen des Menschen ausdrückt, so bezeichnet es dasselbe sowohl von Seiten der Vorzüge der menschlichen Natur, als von Seiten ihrer Schranken, ihrer Mängel und Gebrechen. Christus hat die Menschheit angenommen, d. h. die menschliche Natur mit ihren Schwachheiten, Gebrechen und Beschwerden. "Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an." Goethe, Faust I, Kerker. Gegenwärtig braucht man Menschheit vorwiegend in dem Sinne: Gesamtheit der Menschen. Menschlich ist das, was eine wesentliche Eigenschaft des Menschen ist oder was eine solche Eigenschaft an sich trägt. Die Menschlichkeit ist der Inbegriff dieser Eigenschaften selbst. Nun hat aber die Menschlichkeit eine doppelte Seite, deren eine sich mit den höheren, die andere mit den niedrigeren Wesen berührt, zu denen der Mensch in Beziehung tritt. Von den höheren, am meisten von dem höchsten Wesen, der Gottheit, unterscheidet er sich durch seine Unvollkommenheiten. So ist irren, nach dem Sprichwort, menschlich. Von den Tieren unterscheidet sich der Mensch durch höhere Vollkommenheiten. Dem Menschlichen ist sowohl das Übermenschliche als das Unmenschliche entgegengesetzt. Man verlangt von dem Menschen etwas Übermenschliches, wenn man will, daß er nie irren und fehlen soll. Die Gefechte der Gladiatoren waren ein unmenschlicher Zeitvertreib der nie wahrhaft gebildeten Römer. "Welch erbärmlich Grauen | faßt Übermenschen dich!" Goethe, Faust I. Humanität unterscheidet sich von Menschlichkeit schon dadurch, daß es den Menschen nur von der Seite der Vollkommenheiten der menschlichen Natur bezeichnet, Menschlichkeit aber auch von der Seite seiner Unvollkommenheiten. Die Humanität ist ferner die Ausbildung aller höheren Kräfte der Seele, auch des Verstandes, in ihren Wirkungen auf die geselligen Empfindungen, während Menschlichkeit, in der Umgangssprache wenigstens, nur die geselligen Empfindungen, im engsten Sinne das Mitgefühl bei fremdem Schmerze bezeichnet. Die Menschheit erhalten wir durch die Natur, gefühlvolle Menschlichkeit und Humanität durch Bildung und Erziehung. Da die Dichtersprache das fremde Wort Humanität nicht zuläßt, so haben klassische Dichter kein Bedenken getragen, Menschlichkeit in diesem Sinne zu gebrauchen, und das mit Recht. So namentlich Klopstock; Goethe und Schiller ziehen den Ausdruck Menschheit vor, und Goethe namentlich gebraucht mit Vorliebe den Ausdruck: erhöhte Menschheit.


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