Zur Ontogenese der Symbole. Beispiele Sexualsymbolik

 

Die Kinder kümmern sich ursprünglich, solange sie die Not des Lebens nicht zur Anpassung und damit zur Wirklichkeitserkenntnis zwingt, nur um die Befriedigung ihrer Triebe, d. h. um die Körperstellen, an denen diese Befriedigung stattfindet, um die Objekte, die diese hervorzurufen geeignet sind, und um die Handlungen, die diese Befriedigung tatsächlich hervorrufen. Von den sexuell erregbaren Körperstellen (erogenen Zonen) z. B. interessiert sie der Mund, der After und das Genitale ganz besonders. »Was Wunder, wenn auch ihre Aufmerksamkeit in erster Linie durch solche Dinge und Vorgänge der Außenwelt erregt wird, die auf Grund einer noch so entfernten Ähnlichkeit an die ihnen liebsten Erlebnisse erinnern.«4) So kommt es zur ›Sexualisierung des Alls‹. In diesem Stadium benennen kleine Knaben alle länglichen Gegenstände gerne mit der kindlichen Bezeichnung ihres Genitalorgans, in jedem Loch sehen sie einen Anus, in jeder Flüssigkeit Harn und in jedem halbweichen Stoff Kot.

Ein etwa anderthalbjähriger Knabe sagte, als man ihm zum erstenmal den Donaustrom zeigte: »Wie viel Speichel!« Ein zweijähriger Junge nannte alles, was sich öffnen läßt, eine Türe, u. a. auch die Beine seiner Eltern, da er auch diese öffnen und schließen (ab- und adduzieren) konnte.  

Eine ähnliche Gleichsetzung erfolgt auch innerhalb der Körperorgane: Penis und Zahn, After und Mund werden gleichgesetzt; vielleicht findet das Kind für jeden affektiv wichtigen Teil der unteren Körperhälfte ein Äquivalent an der oberen (besonders an Kopf und Gesicht).  

Diese Gleichsetzung ist aber noch nicht Symbolik. Erst von dem Moment an, wo infolge der kulturellen Erziehung das eine (u. zw. das wichtigere) Glied des Gleichnisses verdrängt wird, gelangt das andere (früher unwichtigere) Glied zur affektiven ›Überbedeutung‹ und wird ein Symbol des Verdrängten. Ursprünglich wurden Penis und Baum, Penis und Kirchturm bewußterweise gleichgestellt; aber erst mit der Verdrängung des Interesses für den Penis erlangten Baum und Kirchturm die - unerklärliche und scheinbar unbegründete - Interessebetonung; sie wurden zu Penissymbolen.  

So wurden auch die Augen Symbole von Genitalien, mit denen sie früher einmal - auf Grund äußerlicher Ähnlichkeit - identifiziert gewesen sind; so kommt es zur symbolischen Überbetonung der oberen Körperhälfte überhaupt, nachdem das Interesse für die untere verdrängt wurde, und so dürften überhaupt alle Genitalsymbole (Krawatte, Schlange, Zahnreißen, Schachtel, Stiege usw.), die in den Träumen einen so breiten Raum einnehmen, ontogenetisch zustande gekommen sein. Es würde mich auch nicht wundern, wenn in einem Traum des eben erwähnten Knaben die Tür als Symbol des elterlichen Schoßes wiederkehrte und in dem des anderen der Donaustrom als Symbol von Körperflüssigkeiten.  

Mit diesen Beispielen wollte ich auf die überwiegende Bedeutung affektiver Momente beim Zustandekommen echter Symbole hinweisen. Diese müssen in erster Linie berücksichtigt werden, wenn man sie von anderen psychischen Produkten (Metaphern, Gleichnissen usw.), die gleichfalls Verdichtungsleistungen sind, unterscheiden will. Die einseitige Berücksichtigung formaler und rationeller Bedingungen bei der Erklärung psychischer Vorgänge kann leicht in die Irre führen.  

Man war z. B. früher geneigt zu glauben, daß man Dinge verwechselt, weil sie ähnlich sind; heute wissen wir, daß man ein Ding mit einem anderen nur verwechselt, weil gewisse Motive dazu vorhanden sind; die Ähnlichkeit schafft nur die Gelegenheit zur Betätigung jener Motive. Ebenso muß man sagen, daß die apperzeptive Insuffizienz allein, ohne Berücksichtigung der zur Gleichnisbildung treibenden Motive, die Bildung der Symbole nicht zureichend erklärt.  

 

4) ›Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes‹.

 


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