Psychoanalyse und Pädagogik. Anhang I

 

Was ist Verdrängung? Man könnte sie noch am ehesten damit charakterisieren, daß sie eine Ableugnung von Tatsachen ist. Während aber der Verlogene andere betrügt, indem er die Wahrheit verheimlicht oder nicht Existierendes fingiert, will die heutige Kindererziehung erreichen, daß die Menschen sich selbst belügen, die in ihrem Inneren sich regenden Gedanken und Gefühle vor sich selbst ableugnen.  

Die Psychoanalyse lehrt nun, daß die auf diese Art aus dem Bewußtsein verdrängten Gedanken und Strebungen durchaus nicht vernichtet, sondern im ›Unbewußten‹  aufgespeichert werden und sich im Laufe der Erziehung zu einem gefährlichen Komplex antisozialer und selbstgefährlicher Instinkte einer gleichsam parasitären ›zweiten Persönlichkeit‹  organisieren, deren Tendenzen zu den bewußtseinsfähigen meist diametral im Gegensatz stehen.

Man könnte meinen, diese Einrichtung sei zweckmäßig, da sie das sozial zweckmäßige Denken gleichsam automatisiert, und, indem sie die anti- oder asozialen Strebungen unbewußt macht, deren schädliche Wirkung verhindert. Aber die Psychoanalyse beweist, daß diese Art der Neutralisierung der asozialen Tendenzen unzweckmäßig und unökonomisch ist. Die im Unbewußten verborgenen Strebungen können nur durch das automatische Wirken gewaltiger Schutzvorrichtungen unterdrückt und verborgen gehalten werden, deren Tätigkeit zu viel psychische Energie verbraucht. Die verbietenden und abschreckenden Verordnungen der auf der Basis der Verdrängung stehenden moralischen Erziehung sind mit der posthypnotischen Suggestion einer negativen Halluzination zu vergleichen, denn so wie man bei einem hypnotisierten Individuum mit entsprechendem Befehl erreichen kann, daß es, erwachend, unfähig ist, optische, akustische oder taktile Eindrücke auch nur teilweise aufzunehmen oder sie zu apperzipieren, so wird die Menschheit heutzutage zu introspektiver Blindheit erzogen. Aber der so erzogene Mensch entzieht - gerade so wie der hypnotisierte - dem bewußten Teil seines Ichs viel seelische Energie und beeinträchtigt erheblich seine Funktionstätigkeit einerseits dadurch, daß er in seinem Unbewußten eine andere, sozusagen parasitäre Persönlichkeit ernährt, welche mit ihrem natürlichen Egoismus, ihrer Tendenz zu schonungsloser Wunscherfüllung gleichsam das Schattenbild, das Negativ all des Guten und Schönen bildet, in welchem sich die höhere Bewußtheit gefällt; andererseits dadurch, daß das Bewußtsein zum Schutz vor der Einsicht und Zurkennmisnahme der hinter der vielen Güte verborgenen asozialen Regungen seine beste Kraft vergeudet, indem es dieselben mit moralischen, religiösen und sozialen Dogmen umschanzt. Solche Schanzen sind z. B. Pflichterfüllung, Ehrlichkeit, Schadhaftigkeit, Ehrfurcht vor Autoritäten und den gesetzlichen Einrichtungen usw., mit einem Wort alle jene moralischen Begriffe, welche uns zum Respekt vor dem Recht des Anderen und zur Unterdrückung unseres Egoismus zwingen.

 


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