V.3. Aller Zusammenhang der Kräfte und Formen ist weder Rückgang noch Stillstand, sondern Fortschreitung


Die Sache scheint durch sich klar; denn wie eine lebendige Kraft der Natur, ohne daß eine feindliche Übermacht sie einschränkte und zurückstieße, stillstehen oder zurückgehen könne, ist nicht begreiflich. Sie wirkte als ein Organ der göttlichen Macht, als eine tätig gewordne Idee seines ewig daurenden Entwurfs der Schöpfung, und so mußten sich wirkend ihre Kräfte mehren. Auch alle Abweichungen müssen sie wieder zur rechten Bahn lenken, da die oberste Güte Mittel gnug hat, die zurückprallende Kugel, ehe sie sinkt, durch einen neuen Anstoß, durch eine neue Erweckung wieder zum Ziel zu führen. Doch die Metaphysik bleibe beiseite; wir wollen Analogien der Natur betrachten.

Nichts in ihr steht still; alles strebt und rückt weiter. Könnten wir die erste Periode der Schöpfung durchsehn, wie ein Reich der Natur auf das andere gebaut wurde: welche Progression fortstrebender Kräfte würde sich in jeder Entwicklung zeigen! Warum tragen wir und alle Tiere Kalkerde in unsern Gebeinen?

Weil sie einer der letzten Übergänge gröberer Erdbildungen war, der seiner innern Gestaltung nach schon einer lebendigen Organisation zum Knochengebäude dienen konnte. So ist's mit allen übrigen Bestandteilen unseres Körpers.

Als die Tore der Schöpfung geschlossen wurden, standen die einmal erwählten Organisationen als bestimmte Wege und Pforten da, auf denen sich künftig in den Grenzen der Natur die niedern Kräfte aufschwingen und weiterbilden sollten. Neue Gestalten erzeugten sich nicht mehr; es wandeln und verwandeln sich aber durch dieselbe untere Kräfte, und was Organisation heißt, ist eigentlich nur eine Leiterin derselben zu einer höhern Bildung.

Das erste Geschöpf, das ans Licht tritt und unter dem Strahl der Sonne sich als eine Königin des unterirdischen Reichs zeigt, ist die Pflanze. Was sind ihre Bestandteile? Salz, Öl, Eisen, Schwefel und was sonst an feinern Kräften das Unterirdische zu ihr hinaufzuläutern vermochte. Wie kam sie zu diesen Teilen? Durch innere organische Kraft, durch welche sie unter Beihülfe der Elemente jene sich eigen zu machen strebt. Und was tut sie mit ihnen? Sie zieht sie an sich, verarbeitet sie in ihr Wesen und läutert sie weiter. Giftige und gesunde Pflanzen sind also nichts als Leiterinnen der gröbern zu feinern Teilen; das ganze Kunstwerk des Gewächses ist, Niedriges zu Höherem hinaufzubilden.

Über der Pflanze steht das Tier und zehrt von ihren Säften. Der einzige Elefant ist ein Grab von Millionen Kräutern; aber er ist ein lebendiges, auswirkendes Grab, er animalisiert sie zu Teilen sein selbst: die niedern Kräfte gehn in feinere Formen des Lebens über. So ist's mit allen fleischfressenden Tieren; die Natur hat die Übergänge rasch gemacht, gleich als ob sie sich vor allem langsamen Tode fürchtete. Darum verkürzte sie und beschleunigte die Wege der Transformation in höhere Lebensformen. Unter allen Tieren ist das Geschöpf der feinsten Organe, der Mensch, der größeste Mörder. Er kann beinah alles, was an lebendiger Organisation nur nicht zu tief unter ihm steht, in seine Natur verwandeln.

Warum wählte der Schöpfer diese dem äußern Anblick nach zerstörende Einrichtung seiner lebendigen Reiche? Waren es feindliche Mächte, die sich ins Werk teilten und ein Geschlecht dem andern zur Beute machten? Oder war es Ohnmacht des Schöpfers, der seine Kinder nicht anders zu erhalten wußte? Nehmt die äußere Hülle weg, und es ist kein Tod in der Schöpfung; jede Zerstörung ist Übergang zum höhern Leben, und der weise Vater machte diesen so früh, so rasch, so vielfach, als es die Erhaltung der Geschlechter und der Selbstgenuß des Geschöpfs, das sich seiner Hülle freuen und sie wo möglich auswirken sollte, nur gestatten konnte. Durch tausend gewaltsame Tode kam er dem langsamen Ersterben vor und beförderte den Keim der blühenden Kraft zu höhern Organen. Das Wachstum eines Geschöpfs, was ist's anders als die stete Bemühung desselben, mehrere organische Kräfte mit seiner Natur zu verbinden? Hierauf sind seine Lebensalter eingerichtet, und sobald es dies Geschäft nicht mehr kann, muß es abnehmen und sterben. Die Natur dankt die Maschine ab, die sie zu ihrem Zweck der gesunden Assimilation, der muntern Verarbeitung nicht mehr tüchtig findet.

Worauf beruht die Kunst des Arztes, als eine Dienerin der Natur zu sein und den tausendfach- arbeitenden Kräften unserer Organisation zu Hülfe zu eilen? Verlorne Kräfte ersetzt sie, matte stärkt, überwiegende schwächt und bändigt sie; wodurch? Durch Herbeiführung und Assimilation solcher oder entgegengesetzter Kräfte aus den niedern Reichen.

Nichts anders sagt uns die Erzeugung aller lebendigen Wesen; denn so tief ihr Geheimnis liege, so ist's offenbar, daß organische Kräfte im Geschöpf zur größesten Wirksamkeit aufblühten und jetzt zu neuen Bildungen streben. Da jeder Organismus das Vermögen hat, niedere Kräfte sich selbst zu assimilieren, so hat er auch das Vermögen, sieh, gestärkt durch jene, in der Blüte des Lebens fortzubilden und den Abdruck sein selbst mit allen in ihm wirkenden Kräften an seiner Statt der Welt zu geben.

So geht der Stufengang der Ausarbeitung durch die niedrige Natur, und sollte er bei der edelsten und mächtigsten stillstehen oder zurückgehen müssen? Was das Tier zu seiner Nahrung bedarf, sind nur pflanzenartige Kräfte, damit es pflanzenartige Teile belebe; der Saft der Muskeln und Nerven dient nicht mehr zur Nahrung irgendeines Erdwesens. Selbst das Blut ist nur Raubtieren eine Erquickung; und bei Nationen, die durch Leidenschaft oder Notdurft dazu gezwungen wurden, hat man auch Neigungen des Tiers bemerkt, zu dessen lebendiger Speise sie sich grausam entschlossen. Also ist das Reich der Gedanken und Reize, wie es auch seine Natur fodert, hier ohne sichtbaren Fort- und Übergang, und die Bildung der Nationen hat es zu einem ersten Gesetz des menschlichen Gefühls gemacht, jedes Tier, das noch lebt in seinem Blut, zur Speise nicht zu begehren. Offenbar sind alle diese Kräfte von geistiger Art; daher man vielleicht mancher Hypothesen über den Nervensaft als über ein tastbares Vehikulum der Empfindungen hätte überhoben sein mögen. Der Nervensaft, wenn er da ist, erhält die Nerven und das Gehirn gesund, so daß sie ohne ihn nur unbrauchbare Stricke und Gefäße wären; sein Nutze ist also körperlich, und die Wirkung der Seele nach ihren Empfindungen und Kräften ist, was für Organe sie auch gebrauchen möge, überall geistig.

Und wohin kehren nun diese geistigen Kräfte, die allem Sinn der Menschen entgehen? Weise hat die Natur hier einen Vorhang vorgezogen und läßt uns, die wir hiezu keine Sinne haben, in das geistige Reich ihrer Verwandlungen und Übergänge nicht hineinschauen; wahrscheinlich würde sich auch der Blick dahin mit unserer Existenz auf Erden und alle den sinnlichen Empfindungen, denen wir noch unterworfen sind, nicht vertragen. Sie legte uns also nur Übergänge aus den niedern Reichen und in den höhern nur aufsteigende Formen dar; ihre tausend unsichtbare Wege der Überleitung behielt sie sich selbst vor; und so wurde das Reich der Ungebornen die große hylê oder der Hades, in welchen kein menschliches Auge reicht. Zwar scheint diesem Untergange die bestimmte Form entgegenzustehen, der jede Gattung treu bleibt und in welcher sich auch das kleinste Gebein nicht verändert; allein auch hievon ist der Grund sichtbar, da jedes Geschöpf nur durch Geschöpfe seiner Gattung organisiert werden kann und darf. Die feste ordnungsreiche Mutter hat also die Wege genau bestimmt, auf denen eine organische Kraft, sie sei herrschend oder dienend, zur sichtbaren Wirksamkeit gelangen sollte, und so kann ihren einmal bestimmten Formen nichts entschlüpfen. Im Menschenreich z.B. herrscht die größeste Mannigfaltigkeit von Neigungen und Anlagen, die wir oft als wunderbar und widernatürlich anstaunen, aber nicht begreifen. Da nun auch diese nicht ohne organische Gründe sein können, so ließe sich, wenn uns über dies Dunkle der Schöpfungsstätte einige Vermutung vergönnt ist, das Menschengeschlecht als der große Zusammenfluß niederer organischer Kräfte ansehen, die in ihm zur Bildung der Humanität kommen sollten.

Aber nun weiter? Der Mensch hat hier das Bild der Gottheit getragen und der feinsten Organisation genossen, die ihm die Erde geben konnte, soll er rückwärts gehen und wieder Stein, Pflanze, Elefant werden? Oder steht bei ihm das Rad der Schöpfung still und hat kein anderes Rad, worin es greife? Das letzte lässet sich nicht gedenken, da im Reich der obersten Güte und Weisheit alles verbunden ist und in ewigem Zusammenhange Kraft in Kraft wirkt. Schauen wir nun zurück und sehen, wie hinter uns alles aufs Menschengebilde zu reifen scheint und sich im Menschen wiederum von dem, was er sein soll und worauf er absichtlich gebildet worden, nur die erste Knospe und Anlage findet, so müßte aller Zusammenhang, alle Absicht der Natur ein Traum sein, oder auch er rückt (auf welchen Wegen und Gängen es nun auch sein möge), auch er rückt weiter. Lasst uns sehen, wie die ganze Anlage der Menschennatur uns darauf weise.


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