Vorrede

 

 Als ich vor zehn Jahren die kleine Schrift »Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit« herausgab, sollte das »Auch« dieses Titels wohl nichts weniger als ein »Anch'io son pittore« sagen. Es sollte vielmehr, wie auch der Zusatz »Beitrag zu vielen Beiträgen des Jahrhunderts« und das untergesetzte Motto zeigte, eine Note der Bescheidenheit sein, daß der Verfasser diese Schrift für nichts minder als für eine vollständige Philosophie der Geschichte unsres Geschlechts gebe, sondern daß er neben so vielen gebahnten Wegen, die man immer und immer betrat, auch auf einen kleinen Flußsteg wiese, den man zur Seite liegenließ und der doch auch vielleicht eines Ideenganges wert wäre. Die hie und da im Buch zitierten Schriften zeigen gnugsam, welches die betretnen und ausgetretnen Wege waren, von denen der Verfasser ablenken wollte; und so sollte sein Versuch nichts als ein fliegendes Blatt, ein Beitrag zu Beiträgen sein, welches auch seine Gestalt weist.

 Die Schrift war bald vergriffen, und ich wurde zu einer neuen Ausgabe derselben ermuntert; unmöglich aber konnte diese neue Ausgabe sich jetzt in ihrer alten Gestalt vors Auge des Publikums wagen. Ich hatte es bemerkt, daß einige Gedanken meines Werkchens, auch ohne mich zu nennen, in andre Bücher übergegangen und in einem Umfange angewandt waren, an den ich nicht gedacht hatte. Das bescheidne »Auch« war vergessen; und doch war mir es nie eingefallen, mit den wenigen allegorischen Worten: Kindheit, Jugend, das männliche, das hohe Alter unseres Geschlechts, deren Verfolg nur auf wenige Völker der Erde angewandt und anwendbar war, eine Heerstraße auszuzeichnen, auf der man auch nur die Geschichte der Kultur, geschweige die Philosophie der ganzen Menschengeschichte mit sicherm Fuß ausmessen könnte. Welches Volk der Erde ist's, das nicht einige Kultur habe? Und wie sehr käme der Plan der Vorsehung zu kurz, wenn zu dem, was wir Kultur nennen und oft nur verfeinte Schwachheit nennen sollten, jedes Individuum des Menschengeschlechts geschaffen wäre? Nichts ist unbestimmter als dieses Wort, und nichts ist trüglicher als die Anwendung desselben auf ganze Völker und Zeiten. Wie wenige sind in einem kultivierten Volk kultiviert? Und worin ist dieser Vorzug zu setzen? Und wiefern trägt er zu ihrer Glückseligkeit bei? Zur Glückseligkeit einzelner Menschen nämlich; denn daß das Abstraktum ganzer Staaten glücklich sein könne, wenn alle einzelne Glieder in ihm leiden, ist Widerspruch oder vielmehr nur ein Scheinwort, das sich auf den ersten Blick als ein solches bloßgiebt.

 Also mußte viel tiefer angefangen und der Kreis der Ideen viel weiter gezogen werden, wenn die Schrift einigermaßen ihres Titels wert sein sollte. Was ist Glückseligkeit der Menschen? Und wiefern findet sie auf unsrer Erde statt? Wiefern findet sie, bei der großen Verschiedenheit aller Erdwesen und am meisten der Menschen, allenthalben statt, unter jeder Verfassung, in jedem Klima, bei allen Revolutionen der Umstände, Lebensalter und Zeiten? Gibt es einen Maßstab dieser verschiednen Zustände, und hat die Vorsehung aufs Wohlsein ihrer Geschöpfe in allen diesen Situationen als auf ihren letzten und Hauptendzweck gerechnet? Alle diese Fragen mußten untersucht, sie mußten durch den wilden Lauf der Zeiten und Verfassungen verfolgt und berechnet werden, ehe ein allgemeines Resultat fürs Ganze der Menschheit herausgebracht werden konnte. Hier war also ein weites Feld zu durchlaufen und in einer großen Tiefe zu graben. Gelesen hatte ich so ziemlich alles, was darüber geschrieben war, und von meiner Jugend an war jedes neue Buch, das über die Geschichte der Menschheit erschien und worin ich Beiträge zu meiner großen Aufgabe hoffte, wie ein gefundener Schatz. Ich freute mich, daß in den neuern Jahren diese Philosophie mehr emporkam, und nutzte jede Beihülfe, die mir das Glück verschaffte. Ein Autor, der sein Buch darstellt, gibt, wenn dies Gedanken enthält, die er, wo nicht erfand (denn wie weniges läßt sich in unsrer Zeit eigentliches Neues erfinden?), so doch wenigstens fand und sich eigen machte, ja, in denen er jahrelang wie im Eigentum seines Geistes und Herzens lebte: ein Autor dieser Art, sage ich, gibt mit seinem Buch, es möge dies schlecht oder gut sein, gewissermaße einen Teil seiner Seele dem Publikum preis. Er offenbart nicht nur, womit sich sein Geist in gewissen Zeiträumen und Angelegenheiten beschäftigte, was er für Zweifel und Auflösungen im Gange seines Lebens fand, mit denen er sich bekümmerte oder aufhalf, sondern er rechnet auch (denn was in der Welt hätte es sonst für Reiz, Autor zu werden und die Angelegenheiten seiner Brust einer wilden Menge mitzuteilen?), er rechnet auf einige, vielleicht wenige, gleichgestimmte Seelen, denen im Labyrinth ihrer Jahre diese oder ähnliche Ideen wichtig wurden. Mit ihnen bespricht er sich unsichtbar und teilt ihnen seine Empfindungen mit, wie er, wenn sie weiter vorgedrungen sind, ihre besseren Gedanken und Belehrungen erwartet. Dies unsichtbare Commercium der Geister und Herzen ist die einzige und größeste Wohltat der Buchdruckerei, die sonst den schriftstellerischen Nationen ebensoviel Schaden als Nutzen gebracht hätte. Der Verfasser dachte sich in den Kreis derer, die wirklich ein Interesse daran finden, worüber er schrieb, und bei denen er also ihre teilnehmenden, ihre bessern Gedanken hervorlocken wollte. Dies ist der schönste Wert der Schriftstellerei, und ein gutgesinnter Mensch wird sich viel mehr über das freuen, was er erweckte, als was er sagte. Wer daran denkt, wie gelegen ihm selbst zuweilen dies oder jenes Buch, ja auch nur dieser oder jener Gedanke eines Buches kam, welche Freude es ihm verschaffte, einen andern, von ihm entfernten und doch in seiner Tätigkeit ihm nahen Geist auf seiner eignen oder einer bessern Spur zu finden, wie uns oft ein solcher Gedanke jahrelang beschäftigt und weiterführt: der wird einem Schriftsteller, der zu ihm spricht und ihm sein Inneres mitteilt, nicht als einen Lohndiener, sondern als einen Freund betrachten, der auch mit unvollendeten Gedanken zutraulich hervortritt, damit der erfahrnere Leser mit ihm denke und sein Unvollkommenes der Vollkommenheit näher führe.

 Bei einem Thema wie das meinige: Geschichte der Menschheit, Philosophie ihrer Geschichte, ist, wie ich glaube, eine solche Humanität des Lesers eine angenehme und erste Pflicht. Der da schrieb, war Mensch, und du bist Mensch, der du liesest. Er konnte irren und hat vielleicht geirrt: du hast Kenntnisse, die jener nicht hat und haben konnte; gebrauche also, was du kannst, und siehe seinen guten Willen an; laß es aber nicht beim Tadel, sondern beßre und baue weiter. Mit schwacher Hand legte er einige Grundsteine zu einem Gebäude, das nur Jahrhunderte vollführen können, vollführen werden: glücklich, wenn alsdenn diese Steine mit Erde bedeckt und wie der, der sie dahin trug, vergessen sein werden, wenn über ihnen oder gar auf einem andern Platz nur das schönere Gebäude selbst dasteht.

 


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 10:22:26 •
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