V.5. Unsere Humanität ist nur Vorübung, die Knospe zu einer zukünftigen Blume


Wir sahen, daß der Zweck unseres jetzigen Daseins auf Bildung der Humanität gerichtet sei, der alle niedrige Bedürfnisse der Erde nur dienen und selbst zu ihr führen sollen. Unsere Vernunftfähigkeit soll zur Vernunft, unsere feinern Sinne zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und Schöne, unsere Bewegungskräfte zur Menschenliebe gebildet werden; entweder wissen wir nichts von unserer Bestimmung und die Gottheit täuschte uns mit allen ihren Anlagen von innen und außen (welche Lästerung auch nicht einmal einen Sinn hat), oder wir können dieses Zwecks so sicher sein als Gottes und unsers Daseins.

Und wie selten wird dieser ewige, dieser unendliche Zweck hier erreicht! Bei ganzen Völkern liegt die Vernunft unter der Tierheit gefangen, das Wahre wird auf den irresten Wegen gesucht und die Schönheit und Aufrichtigkeit, zu der uns Gott erschuf, durch Vernachlässigung und Ruchlosigkeit verderbt. Bei wenigen Menschen ist die gottähnliche Humanität im reinen und weiten Umfange des Worts eigentliches Studium des Lebens; die meisten fangen nur spät an, daran zu denken, und auch bei den besten ziehen niedrige Triebe den erhabenen Menschen zum Tier hinunter. Wer unter den Sterblichen kann sagen, daß er das reine Bild der Menschheit, das in ihm liegt, erreiche oder erreicht habe?

Entweder irrte sich also der Schöpfer mit dem Ziel, das er uns vorsteckte, und mit der Organisation, die er zu Erreichung desselben so künstlich zusammengeleitet hat, oder dieser Zweck geht über unser Dasein hinaus, und die Erde ist nur ein Übungsplatz, eine Vorbereitungsstätte. Auf ihr mußte freilich noch viel Niedriges dem Erhabensten zugesellt werden, und der Mensch im ganzen ist nur eine kleine Stufe über das Tier erhoben. Ja auch unter den Menschen selbst mußte die größeste Verschiedenheit stattfinden, da alles auf der Erde so vielartig ist und in manchen Gegenden und Zuständen unser Geschlecht so tief unter dem Joch des Klima und der Notdurft lieget. Der Entwurf der bildenden Vorsehung mußte also alle diese Stufen, diese Zonen, diese Abartungen mit einem Blick umfaßt haben und den Menschen in ihnen allen weiter zu führen wissen, wie er die niedrigen Kräfte allmählich und ihnen unbewußt höher führt. Es ist befremdend und doch unleugbar, daß unter allen Erdbewohnern das menschliche Geschlecht dem Ziel seiner Bestimmung am meisten fernbleibt. Jedes Tier erreicht, was es in seiner Organisation erreichen soll; der einzige Mensch erreicht's nicht, eben weil sein Ziel so hoch, so weit, so unendlich ist und er auf unserer Erde so tief, so spät, mit so viel Hindernissen von außen und innen anfängt. Dem Tier ist die Muttergabe der Natur, sein Instinkt, der sichre Führer; es ist noch als Knecht im Hause des obersten Vaters und muß gehorchen. Der Mensch ist schon als Kind in demselben und soll außer einigen notdürftigen Trieben alles, was zur Vernunft und Humanität gehört, erst lernen. Er lernt's also unvollkommen, weil er mit dem Samen des Verstandes und der Tugend auch Vorurteile und üble Sitten erbt und in seinem Gange zur Wahrheit und Seelenfreiheit mit Ketten beschwert ist, die vom Anfange seines Geschlechts herreichen. Die Fußtapfen, die göttliche Menschen vor und um ihn gezeichnet, sind mit so viel andern verwirrt und zusammengetreten, in denen Tiere und Räuber wandelten und leider oft wirksamer waren als jene wenige erwählte, große und gute Menschen. Man würde also (wie es auch viele getan haben) die Vorsehung anklagen müssen, daß sie den Menschen so nah ans Tier grenzen lassen und ihm, da er dennoch nicht Tier sein sollte, den Grad von Licht, Festigkeit und Sicherheit versagt habe, der seiner Vernunft statt des Instinkts hätte dienen können; oder dieser dürftige Anfang ist eben seines unendlichen Fortganges Zeuge. Der Mensch soll sich nämlich diesen Grad des Lichts und der Sicherheit durch Übung selbst erwerben, damit er unter der Leitung seines Vaters ein edler Freier durch eigne Bemühung werde, und er wird's werden. Auch der Menschenähnliche wird Mensch sein; auch die durch Kälte und Sonnenbrand erstarrte und verdorrte Knospe der Humanität wird aufblühen zu ihrer wahren Gestalt, zu ihrer eigentlichen und ganzen Schönheit.

Und so können wir auch leicht ahnen, was aus unserer Menschheit allein in jene Welt übergehen kann: es ist eben diese gottähnliche Humanität, die verschlossene Knospe der wahren Gestalt der Menschheit. Alles Notdürftige dieser Erde ist nur für sie; wir lassen den Kalk unserer Gebeine den Steinen und geben den Elementen das Ihrige wieder. Alle sinnlichen Triebe, in denen wir wie die Tiere der irdischen Haushaltung dienten, haben ihr Werk vollbracht; sie sollten bei dem Menschen die Veranlassung edlerer Gesinnungen und Bemühungen werden, und damit ist ihr Werk vollendet. Das Bedürfnis der Nahrung sollte ihn zur Arbeit, zur Gesellschaft, zum Gehorsam gegen Gesetze und Einrichtungen erwecken und ihn unter ein heilsames, der Erde unentbehrliches Joch fesseln. Der Trieb der Geschlechter sollte Geselligkeit, väterliche, eheliche, kindliche Liebe auch in die harte Brust des Unmenschen pflanzen und schwere, langwierige Bemühungen für sein Geschlecht ihm angenehm machen, weil er sie ja für die Seinen, für sein Fleisch und Blut übernehme. Solche Absicht hatte die Natur bei allen Bedürfnissen der Erde; jedes derselben sollte eine Mutterhülle sein, in der ein Keim der Humanität sproßte. Glücklich, wenn er gesproßt ist, er wird unter dem Strahl einer schönern Sonne Blüte werden. Wahrheit, Schönheit und Liebe waren das Ziel, nach dem der Mensch in jeder seiner Bemühungen, auch ihm selbst unbewußt und oft auf so unrechten Wegen, strebte; das Labyrinth wird sich entwirren, die verführenden Zaubergestalten werden schwinden, und ein jeder wird, fern oder nahe, nicht nur den Mittelpunkt sehn, zu dem sein Weg geht, sondern du wirst ihn auch, mütterliche Vorsehung, unter der Gestalt des Genius und Freundes, des er bedarf, mit verzeihender, sanfter Hand selbst zu ihm leiten34).

Also auch die Gestalt jener Welt hat uns der gute Schöpfer verborgen, um weder unser schwaches Gehirn zu betäuben, noch zu ihr eine falsche Vorliebe zu reizen. Wenn wir indes den Gang der Natur bei den Geschlechtern unter uns betrachten und bemerken, wie die Bildnerin Schritt vor Schritt das Unedlere wegwirft und die Notdurft mildert, wie sie dagegen das Geistige anbaut, das Feine feiner ausführt und das Schöne schöner belebt, so können wir ihrer unsichtbaren Künstlerhand gewiß zutrauen, daß auch die Effloreszenz unserer Knospe der Humanität in jenem Dasein gewiß in einer Gestalt erscheinen werde, die eigentlich die wahre göttliche Menschengestalt ist und die kein Erdensinn sich in ihrer Herrlichkeit und Schöne zu dichten vermöchte. Vergeblich ist's also auch, daß wir dichten; und ob ich wohl überzeugt bin, daß, da alle Zustände der Schöpfung aufs genaueste zusammenhangen, auch die organische Kraft unserer Seele in ihren reinsten und geistigen Übungen selbst den Grund zu ihrer künftigen Erscheinung lege oder daß sie wenigstens, ihr selbst unwissend, das Gewebe anspinne, das ihr so lange zur Bekleidung dienen wird, bis der Strahl einer schönern Sonne ihre tiefsten, ihr selbst hier verborgnen Kräfte weckt, so wäre es doch Kühnheit, dem Schöpfer Bildungsgesetze zu einer Welt vorzuzeichnen, deren Verrichtungen uns noch so wenig bekannt sind. Gnug, daß alle Verwandlungen, die wir in den niedrigen Reichen der Natur bemerken, Vervollkommungen sind und daß wir also wenigstens Winke dahin haben, wohin wir höherer Ursachen wegen zu schauen unfähig waren. Die Blume erscheint unserm Auge als ein Samensprößchen, sodenn als Keim; der Keim wird Knospe, und nun erst geht das Blumengewächs hervor, das seine Lebensalter in dieser Ökonomie der Erde anfängt. Ähnliche Auswirkungen und Verwandlungen gibt es bei mehrern Geschöpfen, unter denen der Schmetterling ein bekanntes Sinnbild geworden. Siehe, da kriecht die häßliche, einem groben Nahrungstriebe dienende Raupe; ihre Stunde kommt, und Mattigkeit des Todes befällt sie; sie stemmt sich an, sie windet sich ein; sie hat das Gespinst zu ihrem Totengewande sowie zum Teil die Organe ihres neuen Daseins schon in sich. Nun arbeiten die Ringe, nun streben die inwendigen organischen Kräfte. Langsam geht die Verwandlung zuerst und scheint Zerstörung: zehn Füße bleiben an der abgestreiften Haut, und das neue Geschöpf ist noch unförmlich in seinen Gliedern. Allmählich bilden sich diese und treten in Ordnung; das Geschöpf aber erwacht nicht eher, bis es ganz da ist: nun drängt es sich ans Licht, und schnell geschieht die letzte Ausbildung. Wenige Minuten, und die zarten Flügel werden fünfmal größer, als sie noch eben unter der Todeshülle waren; sie sind mit elastischer Kraft und mit allem Glanz der Strahlen begabt, der unter dieser Sonne nur stattfand, zahlreich und groß, um das Geschöpf wie auf Schwingen des Zephyrs zu tragen. Sein ganzer Bau ist verändert: statt der groben Blätter, zu denen es vorhin gebildet war, genießt es jetzt Nektartau vom goldnen Kelch der Blumen. Seine Bestimmung ist verändert: statt des groben Nahrungstriebes dient es einem feinern, der Liebe. Wer würde in der Raupengestalt den künftigen Schmetterling ahnen? Wer würde in beiden ein und dasselbe Geschöpf erkennen, wenn es uns die Erfahrung nicht zeigte? Und beide Existenzen sind nur Lebensalter eines und desselben Wesens auf einer und derselben Erde, wo der organische Kreis gleichartig wieder anfängt: Wie schöne Ausbildungen müssen im Schoß der Natur ruhn, wo ihr organischer Zirkel weiter ist und die Lebensalter, die sie ausbildet, mehr als eine Welt umfassen. Hoffe also, o Mensch, und weissage nicht: der Preis ist dir vorgesteckt, um den kämpfe. Wirf ab, was unmenschlich ist: strebe nach Wahrheit, Güte und gottähnlicher Schönheit, so kannst du deines Ziels nicht verfehlen.

Und so zeigt uns die Natur auch in diesen Analogien werdender, d. i. übergehender Geschöpfe, warum sie den Todesschlummer in ihr Reich der Gestalten einwebte. Er ist die wohltätige Betäubung, die ein Wesen umhüllt, in dem jetzt die organischen Kräfte zur neuen Ausbildung streben. Das Geschöpf selbst mit seinem wenigern oder mehrern Bewußtsein ist nicht stark gnug, ihren Kampf zu übersehn oder zu regieren; es entschlummert also und erwacht nur, wenn es ausgebildet da ist. Auch der Todesschlaf ist also eine väterliche milde Schonung; er ist ein heilsames Opium, unter dessen Wirkung die Natur ihre Kräfte sammelt und der entschlummerte Kranke genest.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
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