I.3. Unsere Erde ist vielerlei Revolutionen durchgegangen, bis sie das, was sie jetzt ist, worden


Den Beweis dieses Satzes giebt sie selbst, auch schon durch das, was sie auf und unter ihrer Oberfläche (denn weiter sind die Menschen nicht gekommen) zeigt. Das Wasser hat überschwemmt und Erdlagen, Berge, Täler gebildet; das Feuer hat gewütet, Erdrinden zersprengt, Berge emporgehoben und die geschmolznen Eingeweide des Innern hervorgeschüttet; die Luft, in der Erde eingeschlossen, hat Höhlen gewölbt und den Ausbruch jener mächtigen Elemente befördert; Winde haben auf ihrer Oberfläche getobt, und eine noch mächtigere Ursache hat sogar ihre Zonen verändert. Vieles hievon ist in Zeiten geschehen, da es schon organisierte und lebendige Kreaturen gab; ja hie und da scheint es mehr als einmal, hier schneller, dort langsamer, geschehen zu sein, wie fast allenthalben und in so großer Höhe und Tiefe die versteinten Tiere und Gewächse zeigen. Viele dieser Revolutionen gehen eine schon gebildete Erde an und können also vielleicht als zufällig betrachtet werden; andere scheinen der Erde wesentlich zu sein und haben sie ursprünglich selbst gebildet. Weder über jene noch über diese (sie sind aber schwer zu trennen) haben wir bisher eine vollständige Theorie; schwerlich können wir sie auch über jene haben, weil sie gleichsam historischer Natur sind und von zu viel kleinen Lokalursachen abhängen mögen. Über diese aber, über die ersten wesentlichen Revolutionen unserer Erde, wünschte ich, daß ich eine Theorie erlebte. Ich hoffe, ich werde es; denn obgleich die Bemerkungen aus verschiedenen Weltteilen lange noch nicht vielseitig und genau genug sind, so scheinen mir doch sowohl die Grundsätze und Bemerkungen der allgemeinen Physik als die Erfahrungen der Chemie und des Bergbaues dem Punkt nahe, wo vielleicht ein glücklicher Blick mehrere Wissenschaften vereinigt und also eine durch die andere erklärt. Gewiß ist Buffon nur der Descartes dieser Art mit seinen kühnen Hypothesen, den bald ein Kepler und Newton durch rein zusammenstimmende Tatsachen übertreffen und widerlegen möge. Die neuen Entdeckungen, die man über Wärme, Luft, Feuer und ihre mancherlei Wirkungen auf die Bestandteile, auf Komposition und Dekomposition unserer Erdwesen gemacht hat, die simpeln Grundsätze, auf die die elektrische, zum Teil auch die magnetische Materie gebracht ist, scheinen mir dazu wo nicht nahe, so doch entferntere Vorschritte zu sein, daß vielleicht mit der Zeit durch einen neuen Mittelbegriff es einem glücklichen Geist gelingen wird, unsere Geogonie so einfach zu erklären, als Kepler und Newton das Sonnengebäude darstellten. Es wäre schön, wenn hiemit manche als qualitates occultae bisher angenommene Naturkräfte auf erwiesene physische Wesen reduziert werden könnten.

Wie dem auch sei, so ist wohl unleugbar, daß die Natur auch hier ihren großen Schritt gehalten und die größeste Mannigfaltigkeit aus einer ins Unendliche fortgehenden Simplizität gewährt habe. Eh unsere Luft, unser Wasser, unsere Erde hervorgebracht werden konnte, waren mancherlei einander auflösende, niederschlagende stamina nötig; und die vielfachen Gattungen der Erde, der Gesteine, der Kristallisationen, gar der Organisation in Muscheln, Pflanzen, Tieren, zuletzt im Menschen, wieviel Auflösungen und Revolutionen des einen in das andere setzten die voraus! Da die Natur nun allenthalben auch jetzt noch alles ans dem Feinsten, Kleinesten hervorbringt und, indem sie auf unser Zeitmaß gar nicht rechnet, die reichste Fülle mit der engsten Sparsamkeit mitteilt, so scheint dieses auch, selbst nach der Mosaischen Tradition, ihr Gang gewesen zu sein, da sie zur Bildung oder vielmehr zu Ausbildung und Entwicklung der Geschöpfe den ersten Grund legte. Die Masse wirkender Kräfte und Elemente, aus der die Erde wurde, enthielt wahrscheinlich als Chaos alles, was auf ihr werden sollte und konnte. In periodischen Zeiträumen entwickelte sich aus geistigen und körperlichen staminibus die Luft, das Feuer, das Wasser, die Erde. Mancherlei Verbindungen des Wassers, der Luft, des Lichts mußten vorhergegangen sein, ehe der Same der ersten Pflanzenorganisation, etwa das Moos, hervorgehen konnte. Viele Pflanzen mußten hervorgegangen und gestorben sein, ehe eine Tierorganisation wurde; auch bei dieser gingen Insekten, Vögel, Wasser- und Nachttiere den gebildetern Tieren der Erde und des Tages vor, bis endlich nach allen die Krone der Organisation unserer Erde, der Mensch, auftrat, Mikrokosmus. Er, der Sohn aller Elemente und Wesen, ihr erlesenster Inbegriff und gleichsam die Blüte der Erdenschöpfung, konnte nicht anders als das letzte Schoßkind der Natur sein, zu dessen Bildung und Empfang viele Entwickelungen und Revolutionen vorhergegangen sein mußten.

Indessen war's ebenso natürlich, daß auch er noch viele erlebte, und da die Natur nie von ihrem Werk abläßt, noch weniger einem Zärtling zugut dasselbe vernachlässigt oder verspätet, so mußte die Austrocknung und Fortbildung der Erde, ihr innerer Brand. Überschwemmungen, und was sonst daraus folgte, noch lange und oft fortdauren, auch da Menschen auf Erden lebten. Selbst die älteste Schrifttradition weiß noch von Revolutionen dieser Art, und wir werden späterhin sehen, was diese fürchterlichen Erscheinungen der ersten Zeit beinah aufs ganze menschliche Geschlecht für starke Wirkungen gemacht haben. Jetzt sind Umwälzungen dieser ungeheuren Gattung seltner, weil die Erde ausgebildet oder vielmehr alt ist; nie aber können und werden sie unserm Geschlecht und Wohnplatz ganz fremde werden. Es war ein unphilosophisches Geschrei, das Voltaire bei Lissabons Sturz anhub, da er beinah lästernd die Gottheit deswegen anklagte. Sind wir uns selbst nicht und alle das Unsere, selbst unsern Wohnplatz, die Erde, den Elementen schuldig? Wenn diese, nach immer fortwirkenden Naturgesetzen, periodisch aufwachen und das Ihre zurücke fodern; wenn Feuer und Wasser, Luft und Wind, die unsere Erde bewohnbar und fruchtbar gemacht haben, in ihrem Lauf fortgehn und sie zerstören; wenn die Sonne, die uns so lang als Mutter erwärmte, die alles Lebende auferzog und an goldenen Seilen um ihr erfreuendes Antlitz lenkte, wenn sie die alternde Kraft der Erde, die sich nicht mehr zu halten und fortzutreiben vermag, nun endlich in ihren brennenden Schoß zöge: was geschähe anders, als was nach ewigen Gesetzen der Weisheit und Ordnung geschehen mußte? Sobald in einer Natur voll veränderlicher Dinge Gang sein muß, so bald muß auch Untergang sein, scheinbarer Untergang nämlich, eine Abwechselung von Gestalten und Formen. Nie aber trifft dieser das Innere der Natur, die, über allen Ruin erhaben, immer als Phönix aus ihrer Asche ersteht und mit jungen Kräften blüht. Schon die Bildung unseres Wohnhauses und aller Stoffe, die es hergeben konnte, muß uns also auf die Hinfälligkeit und Abwechselung aller Menschengeschichte bereiten; mit jeder nähern Ansicht erblicken wir diese mehr und mehr.


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 16:39:08 •
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