Drittes Buch

III.1. Vergleichung des Baues der Pflanzen und Tiere in Rücksicht auf die Organisation des Menschen

 

Das erste Merkmal, wodurch sich unsern Augen ein Tier unterscheidet, ist der Mund. Die Pflanze ist, wenn ich so sagen darf, noch ganz Mund: sie saugt mit Wurzeln, Blättern und Röhren; sie liegt noch wie ein unentwickeltes Kind in ihrer Mutter Schoß und an ihren Brüsten. Sobald sich das Geschöpf zum Tier organisiert, wird an ihm, selbst ehe noch ein Haupt unterscheidbar ist, der Mund merklich. Die Arme des Polypen sind Mäuler; in Würmern, wo man noch wenig innere Teile unterscheidet, sind Speisekanäle sichtbar; ja bei manchen Schaltieren liegt der Zugang derselben, als ob er noch Wurzel wäre, am Unterteil des Tieres. Diesen Kanal also bildete die Natur an ihren Lebendigen zuerst aus und erhält ihn bis zum organisiertesten Wesen. Die Insekten sind im Zustande der Larven fast nichts als Mund, Magen und Eingeweide; die Gestalt der Fische und Amphibien, endlich sogar der Vögel und Landtiere ist auch in ihrer horizontalen Lage dazu gebildet. Nur je höher hinauf, desto vielfach geordneter werden die Teile. Die Öffnung engt sich, Magen und Eingeweide nehmen einen tiefern Platz; endlich bei der aufgerichteten Stellung des Menschen tritt auch äußerlich der Mund, der am Kopf des Tiers noch immer der vorstehende Teil war, unter die höhere Organisation des Antlitzes zurück; edlere Teile erfüllen die Brust, und die Werkzeuge der Nahrung sind in die niedere Region hinab geordnet. Das edlere Geschöpf soll nicht mehr dem Bauch allein dienen, dessen Herrschaft in allen Klassen seiner untern Brüder auch nach Teilen des Körpers und nach Verrichtungen des Lebens so weit und groß war.

Das erste Hauptgesetz also, dem irgend der Trieb eines Lebendigen dienet, ist Nahrung. Die Tiere haben ihn mit der Pflanze gemein; denn auch die Teile ihres Baues, die Speise einsaugen und ausarbeiten, bereiten Säfte und sind ihrem Gewebe nach pflanzenartig. Bloß die feinere Organisation, in welche die Natur sie setzte, die mehrere Mischung, Läuterung und Ausarbeitung der Lebenssäfte, nur diese befördert nach Klassen und Arten allmählich den feinern Strom, der die edlern Teile befeuchtet, je mehr die Natur jene niedrigern einschränkte. Stolzer Mensch, blicke auf die erste notdürftige Anlage deiner Mitgeschöpfe zurück, du trägst sie noch mit dir; du bist ein Speisekanal wie deine niedrigern Brüder.

Nur unendlich hat uns die Natur gegen sie veredelt. Die Zähne, die bei Insekten und andern Tieren Hände sein müssen, den Raub zu halten und zu zerreißen, die Kiefer, die bei Fischen und Raubtieren mit wunderbarer Macht wirken, wie edel sind sie bei dem Menschen zurückgesetzt und ihre ihnen noch einwohnende Stärke gezähmt12. Die vielen Magen der niedrigern Geschöpfe sind bei ihm und einigen Landtieren, die sich von innen seiner Gestalt nähern, in einen zusammengepreßt, und sein Mund endlich ist durch das reineste Göttergeschenk, die Rede, geheiligt. Würmer, Insekten, Fische, die mehresten Amphibien sind stumm mit dem Munde; auch der Vogel tönet nur mit der Kehle; jedes der Landtiere hat wenige herrschende Schälle, soviel zur Haushaltung seines Geschlechts gehören; der Mensch allein besitzt wahre Sprachorgane mit den Werkzeugen des Geschmacks und der Speise, also das edelste mit den Zeichen der niedrigsten Notdurft zusammengeordnet. Womit er Speise für den niedrigen Leib verarbeitet, verarbeitet er auch in Worten die Nahrung der Gedanken.

Der zweite Beruf der Geschöpfe ist Fortpflanzung; die Bestimmung dazu ist schon im Bau der Pflanzen sichtbar. Wem dienen Wurzel und Stamm, Äste und Blätter? Wem hat die Natur den obersten oder doch den ausgesuchtesten Platz eingeräumt? Der Blüte, der Krone; und wir sahen, sie sind die Zeugungsteile der Pflanze. Sie also sind zum schönsten Hauptteil dieses Geschöpfs gemacht; auf ihre Ausbildung ist das Leben, das Geschäft, das Vergnügen der Pflanze, ja selbst die einzige scheinbar willkürliche Bewegung derselben berechnet: es ist diese nämlich der sogenannte Schlaf der Pflanzen. Gewächse, deren Samenbehältnisse hinlänglich gesichert sind, schlafen nicht; eine Pflanze nach der Befruchtung schläft auch nicht mehr. Sie schloß sich also nur mütterlich zu, die innern Teile der Blume gegen die rauhe Witterung zu bewahren; und so ist alles bei ihr wie auf Nahrung und Wachstum, so auch auf Fortpflanzung und Befruchtung gerechnet; eines andern Zwecks der Tätigkeit war sie nicht fähig.

Nicht also bei den Tieren. Die Werkzeuge der Fortpflanzung sind ihnen nicht zur Krone gemacht (nur einige der niedrigsten Geschöpfe haben diese Teile dem Haupt nahe), sie sind vielmehr, auch der Bestimmung des Geschöpfs nach, edlern Gliedern untergeordnet. Herz und Lunge nehmen die Brust ein, das Haupt ist feinern Sinnen geweiht, und überhaupt ist dem ganzen Bau nach das Fiberngewebe mit seiner saftreichen Blumenkraft dem reizbaren Triebwerk der Muskeln und dem empfindenden Nervengebäude unterworfen. Die Ökonomie des Lebens dieser Geschöpfe soll offenbar dem Geist ihres Baues folgen. Freiwillige Bewegung, wirksame Tätigkeit, Empfindungen und Triebe machen das Hauptgeschäft des Tiers aus, je mehr sich seine Organisation hebt. Bei den meisten Gattungen ist die Begierde des Geschlechts nur auf kleine Zeit eingeschränkt; die übrige leben sie freier von diesem Triebe als manche niedrige Menschen, die gern in den Zustand der Pflanze zurückkehren möchten. Sie haben natürlich auch das Schicksal der Pflanzen: alle edlern Triebe, die Muskeln- , Empfindungs-, Geistes- und Willenskraft ermattet; sie leben ein Pflanzenleben und sterben eines frühzeitigen Pflanzentodes.

Was unter den Tieren der Pflanze am nächsten kommt, bleibt wie in der Ökonomie des Baues, so auch im Zweck seiner Bestimmung dem angeführten Bildungsprincipium treu; es sind Zoophyten und Insekten. Der Polyp ist seinem Bau nach nichts als eine belebte organische Röhre junger Polypen, das Korallengewächs ein organisches Haus eigner Seetiere; das Insekt endlich, das weit über jenen steht, weil es schon in einem feinern Medium lebt, zeigt dennoch in seiner Organisation sowohl als in seinem Leben die nahe Grenze jener Pflanzenbestimmung. Sein Kopf ist klein und ohne Gehirn; selbst zu einigen notdürftigen Sinnen war in ihm nicht Raum, daher es sie auf Fühlhörnern vor sich her trägt. Seine Brust ist klein, daher ihnen die Lunge und vielen auch das kleinste Analogon des Herzens fehlt. Der Hinterleib aber, in seinen pflanzenartigen Ringen, wie groß und weit ist er! Er ist noch der herrschende Teil des Tiers13), so wie die Hauptbestimmung desselben Nahrung und zahlreiche Fortpflanzung.

Bei Tieren edlerer Art legte die Natur, wie gesagt worden, die Werkzeuge der Fortpflanzung, als ob sie sich ihrer zu schämen anfinge, tiefer hinab; sie gab einem Teil mehrere, sogar die ungleichsten Verrichtungen und gewann damit in der weitern Brust zu edlern Teilen Raum. Selbst die Nerven, die zu jenen Teilen führen mußten, ließ sie weit vom Haupt aus niedrigen Stämmen entspringen und entnahm sie mit ihren Muskeln und Fibern großenteils dem Willen der Seele. Pflanzenartig wird hier der Saft der Fortpflanzung bereitet und auch die junge Frucht noch als Pflanze genährt. Pflanzenartig blüht die Kraft dieser Teile und Triebe zuerst ab, wenn das Herz noch, und vielleicht rascher, schlägt und der Kopf heller denkt. Das Wachstum des menschlichen Körpers in seinen Teilen geschieht, nach Martinets feiner Bemerkung14), minder in den obern als untern Teilen des Körpers; gleich als ob der Mensch ein Baum wäre, der unten auf seinem Stamm wüchse. Kurz, so verschlungen der Bau unseres Körpers ist, so ist offenbar, daß die Teile, die bloß zur animalischen Nahrung und Fortpflanzung dienen, auch ihrer Organisation nach mitnichten die herrschenden Teile der Bestimmung eines Tiers, geschweige des Menschen, werden sollten und werden konnten.

Und welche wählte denn die Natur zu diesen? Lasst uns ihrem Bau von innen und außen folgen.

Durch die Reihen aller lebendigen Erdwesen erstreckt sich die Ordnung, daß

1. Tiere mit einer Höhle und einer Kammer des Herzens, wie die Amphibien und Fische, auch kälteres Blut; daß

2. die mit einer Kammer ohne Höhle gar nur einen weißen Saft statt des Blutes haben, wie die Insekten und Würmer; daß aber

3. Tiere mit vierfachigem Herzen warmblütige Geschöpfe sind, wie Vögel und Säugetiere.

Gleichergestalt ist's bemerkt, daß

1. jenen Tieren zum Atemholen und zur Bewirkung des Blutumlaufs die Lunge fehle; daß aber

2. die Tiere mit vierfachigem Herzen Lungen haben.

Es ist unglaublich, was aus diesen simpeln Unterschieden für große Verändrungen zur Veredlung der Wesen folgen.

 


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