III.2. Vergleichung der mancherlei organischen Kräfte, die im Tier wirken

 

Der unsterbliche Haller hat die verschiednen Kräfte, die sich im Tierkörper physiologisch äußern, nämlich die Elastizität der Faser, die Reizbarkeit des Muskels, endlich die Empfindung des Nervengebäudes, mit einer Genauigkeit unterschieden, die im ganzen nicht nur unwiderlegbar bleiben, sondern noch die reichste Anwendung, auch bei andern als menschlichen Körpern, zur physiologischen Seelenlehre gewähren dörfte.

Nun lasse ich's dahingestellt sein, ob nicht diese drei allerdings so verschiednen Erscheinungen im Grunde ein und dieselbe Kraft sein könnten, die sich in der Faser anders, anders im Muskel, anders im Nervengebäude offenbart. Da alles in der Natur verknüpft und diese drei Wirkungen im belebten Körper so innig und vielfach verbunden sind, so läßt sich daran kaum zweifeln. Elastizität und Reizbarkeit grenzen aneinander, wie Fiber und Muskel zusammengrenzen. So wie dieser nur ein verflochtnes Kunstgebilde jener ist, so ist auch die Reizbarkeit wahrscheinlich nichts als eine auf innige Art unendlich vermehrte Schnellkraft, die in dieser organischen Verschlingung vieler Teile sich aus dem toten Fiberngefühl zur ersten Stufe des tierischen Selbstreizes erhoben. Die Empfindsamkeit des Nervensystems wird sodenn die dritte höhere Art derselben Kraft sein, ein Resultat aller jener organischen Kräfte, da der ganze Kreislauf des Bluts und aller ihm untergeordneten Gefäße dazu zu gehören scheint, das Gehirn, als die Wurzel der Nerven, mit dem feinen Saft zu befeuchten, der sich, als Medium der Empfindung betrachtet, über Muskel- und Faserkräfte so sehr erhebt.

Doch dem sei, wie ihm wolle; unendlich ist die Weisheit des Schöpfers, mit der er in den verschiednen Organisationen der Tierkörper diese Kräfte verband und die niedern allmählich den höhern unterordnen wollte. Das Grundgewebe von allem auch in unserm Bau sind Fibern; auf ihnen blüht der Mensch. Die lymphatischen und Milchgefäße bereiten Saft für die ganze Maschine. Die Muskelkräfte bewegen diese nicht bloß zu Wirkungen nach außen, sondern eine Muskel, das Herz, wird das erste Triebwerk des Blutes, eines Safts aus so vielen Säften, der nicht nur den ganzen Körper erwärmt, sondern auch zum Haupt steigt und von da durch neue Zubereitungen die Nerven belebt. Wie ein himmlisches Gewächs breiten sich diese aus ihrer obern Wurzel nieder. Und wie sie sich breiten, wie fein sie sind, zu welchen Teilen sie verwand t werden, mit welchem Grad des Reizes hier oder da ein Muskel verschlungen sei, welchen Saft die pflanzenartigen Gefäße bereiten, welche Temperatur im ganzen Verhältnis dieser Teile gegeneinander herrsche, auf welche Sinnen es falle, zu welcher Lebensart es wirke, in welchen Bau, in welche Gestalt es organisiert sei - wenn die genaue Untersuchung dieser Dinge in einzelnen, zumal dem Menschen nahen Geschöpfen nicht Aufschlüsse über ihren Instinkt und Charakter, über das Verhältnis der Gattungen gegeneinander, zuletzt und am meisten über die Ursachen des Vorzuges der Menschen vor den Tieren gäbe, so wüßte ich nicht, woher man physische Aufschlüsse nehmen sollte. Und glücklicherweise gehen jetzt die Camper, Wrisberg, Wolf, Sömmerings und soviel andere forschende Zergliederer auf diesem geistigen physiologischen Wege der Vergleichung mehrerer Geschlechter in den Kräften der Werkzeuge ihres organischen Lebens.-

Ich setze meinem Zweck gemäß einige Hauptgrundsätze voraus, die die folgenden Betrachtungen über die inwohnenden organischen Kräfte verschiedner Wesen und zuletzt des Menschen einleiten mögen; denn ohne sie ist keine gründliche Übersicht der Menschennatur in ihren Mängeln und Vollkommenheiten möglich.

1. Wo Wirkung in der Natur ist, muß wirkende Kraft sein; wo Reiz sich in Bestrebungen oder gar in Krämpfen zeigt, da muß auch Reiz von innen gefühlt werden. Sollten diese Sätze nicht gelten, so hört aller Zusammenhang der Bemerkungen, alle Analogie der Natur auf.

2. Niemand darf eine Grenze ziehen, wo eine augenscheinliche Wirkung Beweis einer inwohnenden Kraft sein könne und wo sie es nicht mehr sein soll. Denen mit uns lebenden Tieren trauen wir Gefühl und Gedanken zu, weil wir ihre tägliche Gewohnheit vor uns sehen; andere können hievon deswegen nicht ausgeschlossen sein, weil wir sie nicht nahe und innig gnug kennen oder weil uns ihre Werke zu kunstreich dünken; denn unsere Unwissenheit oder Kunstlosigkeit ist kein absoluter Maßstab aller Kunstideen und Kunstgefühle der belebten Schöpfung.

3. Also: Wo Kunst geübt wird, ist ein Kunstsinn, der sie übt; und wo ein Geschöpf durch Taten zeigt, daß es Begebenheiten der Natur zuvor wisse, indem es ihnen zu entgehen trachtet, da muß es einen innern Sinn, ein Organ, ein Medium dieser Voraussicht haben, wir mögen's begreifen können oder nicht. Die Kräfte der Natur werden deshalb nicht verändert.

4. Es mögen viel Medien in der Schöpfung sein, von denen wir nicht das mindeste wissen, weil wir kein Organ zu ihnen haben; ja es müssen derselben viel sein, da wir fast bei jedem Geschöpf Wirkungen sehen, die wir uns aus unserer Organisation nicht zu erklären vermögen.

5. Die Schöpfung ist unendlich größer, in der Millionen Geschöpfe, jedes von besonderm Sinn und Triebe eine eigne Welt genießet, ein eignes Werk treibt, als eine andere Wüste, die der unachtsame Mensch allein mit seinen fünf stumpfen Sinnen betasten soll.

6. Wer einiges Gefühl für die Hoheit und Macht der sinn- und kunst- und lebenreichen Natur hat, wird dankbar annehmen, was seine Organisation in sich schließt, ihr aber deswegen den Geist aller ihrer übrigen Werke nicht ins Gesicht leugnen. Die ganze Schöpfung sollte durchgenossen, durchgefühlt, durcharbeitet werden; auf jedem neuen Punkt also mußten Geschöpfe sein, sie zu genießen, Organe, sie zu empfinden, Kräfte, sie dieser Stelle gemäß zu beleben. Der Kaiman und der Kolibri, der Kondor und die Pipa: was haben sie miteinander gemein? Und jedes ist für sein Element organisiert, jedes lebt und webt in seinem Elemente. Kein Punkt der Schöpfung ist ohne Genuß, ohne Organ, ohne Bewohner: jedes Geschöpf hat also seine eigne, eine neue Welt.

 


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 20:55:11 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright