I.4. Unsere Erde ist eine Kugel, die sich um sich selbst und gegen die Sonne in schiefer Richtung bewegt


Wie der Zirkel die vollkommenste Figur ist, indem er unter allen Gestalten die größeste Fläche in der leichtesten Konstruktion einschließt und bei der schönsten Einfalt die reichste Mannigfaltigkeit mit sich führt, so ist unsere Erde, so sind alle Planeten und Sonnen als Kugelgestalten, mithin als Entwürfe der einfachsten Fülle, des bescheidensten Reichtums aus den Händen der Natur geworfen. Erstaunen muß man über die Vielheit der Abänderungen, die auf unserer Erde wirklich sind, noch mehr erstaunen aber über die Einheit, der diese unbegreifliche Mannigfaltigkeit dienet. Es ist ein Zeichen der tiefen nordischen Barbarei, in der wir die Unsrigen erziehen, daß wir ihnen nicht von Jugend auf einen tiefen Eindruck dieser Schöne, der Einheit und Mannigfaltigkeit auf unserer Erde, geben. Ich wünschte, mein Buch erreichte nur einige Striche zu Darstellung dieser großen Aussicht, die mich seit meiner frühesten Selbstbildung erfaßt hat und mich zuerst auf das weite Meer freier Begriffe führte. Sie ist mir auch so lang heilig, als ich diesen alles umwölbenden Himmel über und diese alles fassende, sich selbst umkreisende Erde unter mir sehe.

Unbegreiflich ist's, wie Menschen so lange den Schatten ihrer Erde im Monde sehen konnten, ohne zugleich es tief zu fühlen, daß alles auf ihr Umkreis, Rad und Veränderung sei. Wer, der diese Figur je beherzigt hätte, wäre hingegangen, die ganze Welt zu einem Wortglauben in Philosophie und Religion zu bekehren oder sie dafür mit dumpfem, aber heiligem Eifer zu morden? Alles ist auf unserer Erde Abwechselung einer Kugel: kein Punkt dem andern gleich, kein Hemisphär dem andern gleich, Ost und West so sehr einander entgegen als Nord und Süd. Es ist eingeschränkt, diese Abwechselung bloß der Breite nach berechnen zu wollen, etwa weil die Länge weniger ins Auge fällt, und nach einem alten ptolemäischen Fachwerk von Klimaten auch die Menschengeschichte zu teilen. Den Alten war die Erde minder bekannt; jetzt kann sie uns zu allgemeiner Übersicht und Schätzung mehr bekannt sein als allein durch nord- und südliche Grade.

Alles ist auf der Erde Veränderung: hier gilt kein Einschnitt, keine notdürftige Abteilung eines Globus oder einer Karte. Wie sich die Kugel dreht, drehen sich auch auf ihr die Köpfe wie die Klimaten; Sitten und Religionen wie die Herzen und Kleider. Es ist eine unsägliche Weisheit darin, nicht, daß alles so vielfach, sondern daß auf der runden Erde alles noch so ziemlich unison geschaffen und gestimmt ist. In diesem Gesetz: viel mit einem zu tun und die größeste Mannigfaltigkeit an ein zwangloses Einerlei zu knüpfen, liegt eben der Apfel der Schönheit.

Ein sanftes Gewicht knüpfte die Natur an unsern Fuß, um uns diese Einheit und Stetigkeit zu geben: es heißt in der Körperwelt Schwere, in der Geisterwelt Trägheit. Wie alles zum Mittelpunkt drängt und nichts von der Erde hinweg kann, ohne daß es je von unserm Willen abhange, ob wir darauf leben und sterben wollen, so zieht die Natur auch unsern Geist von Kindheit auf mit starken Fesseln jeden an sein Eigentum, d. i. an seine Erde (denn was hätten wir endlich anders zum Eigentum als diese?). Jeder liebt sein Land, seine Sitten, seine Sprache, sein Weib, seine Kinder, nicht weil sie die Besten auf der Welt, sondern weil sie die bewährten Seinigen sind und er in ihnen sich und seine Mühe selbst liebt. So gewöhnet sich jeder auch an die schlechteste Speise, an die härteste Lebensart, an die roheste Sitte des rauhesten Klima und findet zuletzt in ihm Behaglichkeit und Ruhe. Selbst die Zugvögel nisten, wo sie geboren sind, und das schlechteste, rauheste Vaterland hat oft für den Menschenstamm, der sich daran gewöhnte, die ziehendsten Fesseln. Fragen wir also: »Wo ist das Vaterland der Menschen? Wo ist der Mittelpunkt der Erde?«, so wird überall die Antwort sein können: »Hier, wo du stehest!«, es sei nahe dem beeisten Pol oder gerade unter der brennenden Mittagssonne. Überall, wo Menschen leben können, leben Menschen, und sie können fast überall leben. Da die große Mutter auf unserer Erde kein ewiges Einerlei hervorbringen konnte noch mochte, so war kein anderes Mittel, als daß sie das ungeheuerste Vielerlei hervortrieb und den Menschen aus einem Stoff webte, dies große Vielerlei zu ertragen. Späterhin werden wir eine schöne Stufenleiter finden, wie sich, nachdem die Kunst der Organisation in einem Geschöpf zunimmt, auch die Fähigkeit desselben vermehrt, mancherlei Zustände auszudauern und sich nach jedem derselben zu bilden. Unter allen diesen veränderlichen, ziehbaren, empfänglichen Geschöpfen ist der Mensch das empfänglichste: die ganze Erde ist für ihn gemacht, er für die ganze Erde.

Lasst uns also, wenn wir über die Geschichte unseres Geschlechts philosophieren wollen, soviel möglich alle enge Gedankenformen, die aus der Bildung eines Erdstrichs, wohl gar nur einer Schule genommen sind, verleugnen. Nicht was der Mensch bei uns ist oder gar was er nach den Begriffen irgendeines Träumers sein soll, sondern was er überall auf der Erde und doch zugleich in jeglichem Strich besonders ist, d. i., wozu ihn irgend nur die reiche Mannigfaltigkeit der Zufälle in den Händen der Natur bilden konnte: das lasst uns auch als Absicht der Natur betrachten. Wir wollen keine Lieblingsgestalt, keine Lieblingsgegend für ihn suchen und finden; wo er ist, ist er der Herr und Diener der Natur, ihr liebstes Kind und vielleicht zugleich ihr aufs härteste gehaltner Sklave. Vorteile und Nachteile, Krankheiten und Übel sowie neue Arten des Genusses, der Fülle, des Segens erwarten überall seiner, und nachdem die Würfel dieser Umstände und Beschaffenheiten fallen, nachdem wird er werden.

Durch eine leichte, für uns noch unerklärbare Ursache hat die Natur diese Mannigfaltigkeit der Geschöpfe auf Erden nicht nur befördert, sondern auch eingeschränkt und festgestellt: es ist der Winkel unserer Erdachse zum Sonnenäquator. In den Gesetzen der Kugelbewegung liegt er nicht: Jupiter hat ihn nicht, dieser steht senkrecht auf der Hahn zur Sonne. Mars hat ihn wenig, die Venus dagegen ungeheuer spitz, und auch der Saturn mit seinem Ringe und seinen Monden drückt sich seitwärts nieder. Welche unendliche Verschiedenheit der Jahreszeiten und Sonnenwirkung wird dadurch in unserm Sternensystem veranlaßt! Unsere Erde ist auch hier ein geschontes Kind, eine mittlere Gesellin: der Winkel, mit dem sie eingesenkt ist, beträgt noch nicht 24 Grade. Ob sie ihn von jeher gehabt, davon darf jetzt noch keine Frage sein; gnug, sie hat ihn. Der unnatürliche, wenigstens uns unerklärliche Winkel ist ihr eigen geworden und hat sich seit Jahrtausenden nicht verändert; er scheint auch zu dem, was jetzt die Erde und auf ihr das Menschengeschlecht sein soll, notwendig. Mit ihm nämlich, mit dieser schiefen Richtung zur Ekliptik, werden bestimmt abwechselnde Zonen, die die ganze Erde bewohnbar machen, vom Pol bis zum Äquator, vom Äquator wieder zum Pol hin. Die Erde muß sich regelmäßig beugen, damit auch Gegenden, die sonst in kimmerischer Kälte und Finsternis lägen, den Strahl der Sonne sehn und zur Organisation geschickt werden. Da uns nun die lange Erdgeschichte zeigt, daß auf alle Revolutionen des menschlichen Verstandes und seiner Wirkungen das Verhältnis der Zonen viel Einfluß gehabt (denn weder aus dem kältesten noch heißesten Erdgürtel sind jemals die Wirkungen aufs Ganze erfolgt, die die gemäßigte Zone hervorbrachte), so sehen wir abermals, mit welchem feinen Zuge der Finger der Allmacht alle Umwälzungen und Schattierungen auf der Erde umschrieben und bezirkt hat. Nur eine kleine andere Richtung der Erde zur Sonne, und alles auf ihr wäre anders.

Abgemeßne Mannigfaltigkeit also ist auch hier das Gesetz der bildenden Kunst des Weltschöpfers. Es war ihm nicht gnug, daß die Erde in Licht und Schatten, daß das menschliche Leben in Tag und Nacht verteilt würde; auch das Jahr unsers Geschlechts sollte abwechseln, und nur einige Tage erließ er uns am Herbst und Winter. Hiernach wurde auch die Länge und Kürze des menschlichen Lebens, mithin das Maß unserer Kräfte, die Revolutionen des menschlichen Alters, die Abwechselungen unserer Geschäfte, Phänomene und Gedanken, die Nichtigkeit oder Dauer unserer Entschlüsse und Taten bestimmt; denn alles dies, werden wir sehen, ist zuletzt an dies einfache Gesetz der Tages- und Jahreszeiten gebunden. Lebte der Mensch länger, wäre die Kraft, der Zweck, der Genuß seines Lebens weniger wechselnd und zerstreut, eilte nicht die Natur so periodisch mit ihm, wie sie mit allen Erscheinungen der Jahreszeiten um ihn eilt, so fände freilich zwar weder die große Extension des Menschenreichs auf der Erde und noch weniger das Gewirre von Szenen statt, das uns jetzt die Geschichte darbeut; auf einem schmaleren Kreise der Bewohnung aber wirkte wahrscheinlich unsere Lebenskraft inniger, stärker, fester. Jetzt ist der Inhalt des Predigerbuchs das Symbol unserer Erde: alles hat seine Zeit, Winter und Sommer, Herbst und Frühling, Jugend und Alter, Wirken und Ruhe. Unter unserer schräge gehenden Sonne ist alles Tun der Menschen Jahresperiode.


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