IV.6. Zur Humanität und Religion ist der Mensch gebildet

 

Ich wünschte, daß ich in das Wort Humanität alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edle Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feinern Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe; denn der Mensch hat kein edleres Wort für seine Bestimmung, als er selbst ist, in dem das Bild des Schöpfers unserer Erde, wie es hier sichtbar werden konnte, abgedruckt lebt Um seine edelsten Pflichten zu entwickeln, dörfen wir nur seine Gestalt zeichnen.

1. Alle Triebe eines lebendigen Wesens lassen sich auf die Erhaltung sein selbst und auf eine Teilnehmung oder Mitteilung an andere zurückführen; das organische Gebäude des Menschen gibt, wenn eine höhere Leitung dazukommt, diesen Neigungen die erlesenste Ordnung. Wie die gerade Linie die festeste ist, so hat auch der Mensch zur Beschützung seiner von außen den kleinsten Umfang, von innen die vielartigste Schnellkraft. Er steht auf der kleinsten Basis und kann also am leichtesten seine Glieder decken; der Punkt seiner Schwere fällt zwischen die lenksamsten und stärksten Hüften, die ein Erdengeschöpf hat und wo kein Tier die regsame Stärke des Menschen beweist. Seine gedrücktere eherne Brust und die Werkzeuge der Arme eben an dieser Stellung geben ihm von oben den weitesten Umkreis der Verteidigung, sein Herz zu bewahren und seine edelsten Lebensteile vom Haupt bis zu den Knien hinab zu schirmen. Es ist keine Fabel, daß Menschen mit Löwen gestritten und sie übermannt haben; der Afrikaner nimmt es mit mehr als einem auf, wenn er Behutsamkeit, List und Gewalt verbindet. Indessen ist's wahr, daß der Bau des Menschen vorzüglich auf die Verteidigung, nicht auf den Angriff gerichtet ist; in diesem muß ihm die Kunst zu Hülfe kommen, in jener aber ist er von Natur das kräftigste Geschöpf der Erde. Seine Gestalt selbst lehrt ihn also Friedlichkeit, nicht räuberische Mordverwüstung: der Humanität erstes Merkmal.

2. Unter den Trieben, die sich auf andere beziehen, ist der Geschlechtstrieb der mächtigste; auch er ist beim Menschen dem Bau der Humanität zugeordnet. Was bei dem vierfüßigen Tier, selbst bei dem schamhaften Elefanten, Begattung ist, ist bei ihm, seinem Bau nach, Kuß und Umarmung. Kein Tier hat die menschliche Lippe, deren feine Oberrinne bei der Frucht des Mutterleibes im Antlitz am spätesten gebildet wird: gleichsam die letzte Bezeichnung des Fingers der Liebe, daß diese Lippe sich schön und verstandereich schließen sollte. Von keinem Tier also gilt der schamhafte Ausdruck der alten Sprache, daß es sein Weib erkenne. Die alte Fabel sagt, daß beide Geschlechter einst, wie Blumen, eine Androgyne gewesen, aber geteilt worden; sie wollte mit dieser und andern sinnreichen Dichtungen als Fabel den Vorzug der menschlichen Liebe vor den Tieren verhüllt sagen. Auch daß der menschliche Trieb nicht wie bei diesen schlechthin einer Jahrszeit unterworfen ist ( obwohl über die Revolutionen hiezu im menschlicher Körper noch keine tüchtige Betrachtungen angestellt worden), zeigt offenbar, daß er nicht von der Notwendigkeit, sondern vom Liebreiz abhangen, der Vernunft unterworfen bleiben und einer freiwilligen Mäßigung so überlassen werden sollte wie alles, was der Mensch um und an sich trägt. Auch die Liebe sollte bei dem Menschen human sein; dazu bestimmte die Natur, außer seiner Gestalt, auch die spätere Entwicklung, die Dauer und das Verhältnis des Triebes in beiden Geschlechtern, ja sie brachte diesen unter das Gesetz eines gemeinschaftlichen freiwilligen Bundes und der freundschaftlichsten Mitteilung zweier Wesen, die sich durchs ganze Leben zu einem vereint fühlen.

3. Da außer der mitteilenden Liebe alle andere zärtlichen Affekten sich mit der Teilnehmung begnügen, so hat die Natur den Menschen unter allen Lebendigen zum teilnehmendsten geschaffen, weil sie ihn gleichsam aus allem geformt und jedem Reich der Schöpfung in dem Verhältnis ähnlich organisiert hat, als er mit demselben mitfühlen sollte. Sein Fiberngebäude ist so elastisch fein und zart und sein Nervengebäude so verschlungen in alle Teile seines vibrierenden Wesens, daß er, als ein Analogon der alles durchfühlenden Gottheit, sich beinah in jedes Geschöpf setzen und gerade in dem Maß mit ihm empfinden kann, als das Geschöpf es bedarf und sein Ganzes es ohne eigene Zerrüttung, ja selbst mit Gefahr derselben, leidet. Auch an einem Baum nimmt unsere Maschine teil, sofern sie ein wachsender, grünender Baum ist; und es gibt Menschen, die den Sturz oder die Verstümmelung desselben in seiner grünenden Jugendgestalt körperlich nicht ertragen. Seine verdorrte Krone tut uns leid; wir trauren um eine verwelkende liebe Blume. Auch das Krümmen des zerquetschten Wurms ist einem zarten Menschen nicht gleichgültig, und je vollkommener das Tier ist, je mehr es in seiner Organisation uns nahe kommt, desto mehr Sympathie erregt es in seinem Leiden. Es haben harte Nerven dazu gehört, ein Geschöpf lebendig zu öffnen und in seinen Zuckungen zu behorchen; nur der unersättliche Durst nach Ruhm und Wissenschaft konnte allmählich dies organische Mitgefühl betäuben. Zärtere Weiber können sogar die Zergliederung eines Toten nicht ertragen; sie empfinden Schmerz in jedem Gliede, das vor ihren Augen gewaltsam zerstört wird, besonders je zarter und edler die Teile selbst werden. Ein durchwühltes Eingeweide erregt Grauen und Abscheu; ein zerschnittenes Herz, eine zerspaltne Lunge, ein zerstörtes Gehirn schneidet und sticht mit dem Messer in unsere eignen Glieder. Am Leichnam eines geliebten Toten nehmen wir noch in seinem Grabe teil; wir fühlen die kalte Höhle, die er nicht mehr fühlt, und Schauder überläuft uns, wenn wir sein Gebein nur berühren. So sympathetisch webte die allgemeine Mutter, die alles aus sich nahm und mit allem in der innigsten Sympathie mitfühlt, den menschlichen Körper. Sein vibrierendes Fibernsystem, sein teilnehmendes Nervengebäude hat des Aufrufs der Vernunft nicht nötig; es kommt ihr zuvor, ja es setzt sich ihr oft mächtig und widersinnig entgegen. Der Umgang mit Wahnsinnigen, an denen wir teilnehmen, erregt selbst Wahnsinn, und desto eher, je mehr sich der Mensch davor fürchtet.

Sonderbar ist's, daß das Gehör soviel mehr als das Gesicht beiträgt, dies Mitgefühl zu erwecken und zu verstärken. Der Seufzer eines Tiers, das ausgestoßne Geschrei seines leidenden Körpers zieht alle ihm ähnlichen herbei, die, wie oft bemerkt ist, traurig um den Winselnden stehn und ihm gern helfen möchten. Auch bei den Menschen erregt das Gemälde des Schmerzes eher Schrecken und Grausen als zärtliche Mitempfindung; sobald uns aber nur ein Ton des Leidenden ruft, so verlieren wir die Fassung und eilen zu ihm: es geht uns ein Stich durch die Seele. Ist's, weil der Ton das Gemälde des Auges zum lebendigen Wesen macht, also alle Erinnerungen eigner und fremder Gefühle zurückbringt und auf einen Punkt vereinet? Oder gibt es, wie ich glaube, noch eine tiefere organische Ursache? Gnug, die Erfahrung ist wahr, und sie zeigt beim Menschen den Grund seines größern Mitgefühls durch Stimme und Sprache. An dem, was nicht seufzen kann, nehmen wir weniger teil, weil es ein lungenloses, ein unvollkommeneres Geschöpf ist, uns minder gleich organisiert. Einige Taub- und Stummgeborne haben entsetzliche Beispiele vom Mangel des Mitgefühls und der Teilnehmung an Menschen und Tieren gegeben, und wir werden bei wilden Völkerschaften noch Proben gnug davon bemerken. Indessen auch bei ihnen noch ist das Gesetz der Natur unverkennbar. Die Väter, die, von Not und Hunger gezwungen, ihre Kinder dem Tode opfern, weihen sie in Mutterleibe demselben, ehe sie ihr Auge gesehn, ehe sie ihre Stimme gehört haben, und manche Kindermörderin bekannte, daß ihr nichts so schwer geworden und so lang im Gedächtnis geblieben sei als der erste weinende Laut, die flehende Stimme des Kindes.

4. Schön ist die Kette, an der die allfühlende Mutter die Mitempfindungen ihrer Kinder hält und sie von Gliede zu Gliede hinaufbildet. Wo das Geschöpf noch stumpf und roh ist, kaum für sich zu sorgen, da wurde ihm auch die Sorge für seine Kinder nicht anvertraut. Die Vögel brüten und erziehn ihre Jungen mit Mutterliebe; der sinnlose Strauß dagegen gibt seine Eier dem Sande. »Er vergisset«, sagt jenes alte Buch von ihm, »daß eine Klaue sie zertrete oder ein wildes Tier sie verderbe; denn Gott hat ihm die Weisheit genommen und hat ihm keinen Verstand mitgeteilt.« Durch eine und dieselbe organische Ursache, dadurch das Geschöpf mehr Gehirn empfängt, empfängt es auch mehr Wärme, gebiert Lebendige oder brütet sie aus, säugt und bekommt mütterliche Liebe. Das lebendiggeborne Geschöpf ist gleichsam ein Knäuel der Nerven des mütterlichen Wesens; das selbstgesäugte Kind ist eine Sprosse der Mutterpflanze, die sie als einen Teil von sich nährt. - Auf dies innigste Mitgefühl sind in der Haushaltung des Tiers alle die zarten Triebe gebaut, dazu die Natur sein Geschlecht veredeln konnte.

Bei dem Menschen ist die Mutterliebe höherer Art: eine Sprosse der Humanität seiner aufgerichteten Bildung. Unter dem Auge der Mutter liegt der Säugling auf ihrem Schoß und trinkt die zarteste und feinste Speise; eine tierische und selbst den Körper verunstaltende Art ist's, wenn Völker, von Not gezwungen, ihre Kinder auf dem Rücken säugen. Den größten Unmenschen zähmt die väterliche und häusliche Liebe; denn auch eine Löwenmutter ist gegen ihre Jungen freundlich. Im väterlichen Hause entstand die erste Gesellschaft, durch Bande des Bluts, des Zutrauens und der Liebe verbunden. Also auch um die Wildheit der Menschen zu brechen und sie zum häuslichen Umgange zu gewöhnen, sollte die Kindheit unseres Geschlechts lange Jahre dauren; die Natur zwang und hielt es durch zarte Bande zusammen, daß es sich nicht, wie die bald ausgebildeten Tiere, zerstreuen und vergessen konnte. Nun wurde der Vater der Erzieher seines Sohns, wie die Mutter seine Säugerin gewesen war, und so wurde ein neues Glied der Humanität geknüpft. Hier lag nämlich der Grund zu einer notwendigen menschlichen Gesellschaft, ohne die kein Mensch aufwachsen, keine Mehrheit von Menschen sein könnte. Der Mensch ist also zur Gesellschaft geboren, das sagt ihm das Mitgefühl seiner Eltern, das sagen ihm die Jahre seiner langen Kindheit.

 


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