V.1. In der Schöpfung unserer Erde herrscht eine Reihe aufsteigender Formen und Kräfte


1. Vom Stein zum Kristall, vom Kristall zu den Metallen, von diesen zur Pflanzenschöpfung, von den Pflanzen zum Tier, von diesen zum Menschen sahen wir die Form der Organisation steigen, mit ihr auch die Kräfte und Triebe des Geschöpfs vielartiger werden und sich endlich alle in der Gestalt des Menschen, sofern diese sie fassen konnte, vereinen. Bei dem Menschen stand die Reihe still; wir kennen kein Geschöpf über ihm, das vielartiger und künstlicher organisiert sei: er scheint das höchste, wozu eine Erdorganisation gebildet werden konnte.

2. Durch diese Reihen von Wesen bemerkten wir, soweit es die einzelne Bestimmung des Geschöpfs zuließ, eine herrschende Ähnlichkeit der Hauptform, die, auf eine unzählbare Weise abwechselnd, sich immer mehr der Menschengestalt nahte. In der ungebildeten Tiefe, im Reich der Pflanzen und Pflanzentiere war sie noch unkenntlich; mit dem Organismus vollkommenerer Wesen wurde sie deutlicher, die Anzahl der Gattungen wurde geringer: sie verlor und vereinigte sich zuletzt im Menschen.

3. Wie die Gestalten, sahen wir auch die Kräfte und Triebe sich ihm nähern. Von der Nahrung und Fortpflanzung der Gewächse stieg der Trieb zum Kunstwerk der Insekten, zur Haus- und Muttersorge der Vögel und Landtiere, endlich gar zu menschenähnlichen Gedanken und zu eignen selbsterworbnen Fertigkeiten, bis sich zuletzt alles in der Vernunftfähigkeit, Freiheit und Humanität des Menschen vereinet.

4. Bei jedem Geschöpf war nach den Zwecken der Natur, die es zu befördern hatte, auch seine Lebensdauer eingerichtet. Die Pflanze verblühte bald; der Baum mußte sich langsam auswachsen. Das Insekt, das seine Kunstfertigkeit auf die Welt mitbrachte und sich früh und zahlreich fortpflanzte, ging bald von dannen; Tiere, die langsamer wuchsen, die auf einmal weniger gebaren oder die gar ein Leben der vernunftähnlichen Haushaltung führen sollten, denen wurde auch ein längeres und dem Menschen vergleichungsweise das längste Leben. Doch rechnete die Natur hiebei nicht nur aufs einzelne Geschöpf, sondern auch auf die Erhaltung des ganzen Geschlechtes und der Geschlechter, die über ihm standen. Die untern Reiche waren also nicht nur stark besetzt, sondern wo es der Zweck des Geschöpfs zuließ, dauerte auch ihr Leben länger. Das Meer, der unerschöpfliche Lebensquell, erhält seine Bewohner, die von zäher Lebenskraft sind, am längsten; und die Amphibien, halbe Wasserbewohner, nähern sich ihnen an Länge des Lebens. Die Bewohner der Luft, weniger beschwert von der Erdenahrung, die die Landtiere allmählich verhärtet, leben im ganzen länger als diese; Luft und Wasser scheinen also das große Vorratshaus der Lebendigen, die nachher in schnellern Übergängen die Erde aufreibt und verzehrt.

5. Je organisierter ein Geschöpf ist, desto mehr ist sein Bau zusammengesetzt aus den niedrigen Reichen. Unter der Erde fängt diese Vielartigkeit an, und sie wächst hinauf durch Pflanzen, Tiere, bis zum vielartigsten Geschöpf, dem Menschen. Sein Blut und seine vielnamigen Bestandteile sind ein Kompendium der Welt: Kalk und Erde, Salze und Säuren, Öl und Wasser, Kräfte der Vegetation, der Reize, der Empfindungen sind in ihm organisch vereint und ineinander verwebt.

Entweder müssen wir diese Dinge als Spiele der Natur ansehen (und sinnlos spielte die verstandereiche Natur nie), oder wir werden darauf gestoßen, auch ein Reich unsichtbarer Kräfte anzunehmen, das in ebendemselben genauen Zusammenhange und dichten Übergange steht, als wir in den äußern Bildungen wahrnehmen. Je mehr wir die Natur kennenlernen, desto mehr bemerken wir diese inwohnenden Kräfte auch sogar in den niedrigsten Geschöpfen, Moosen, Schwämmen u. dgl. In einem Tier, das sich beinah unerschöpflich reproduziert, in der Muskel, die sich vielartig und lebhaft durch eignen Reiz bewegt, sind sie unleugbar; und so ist alles voll organisch- wirkender Allmacht. Wir wissen nicht, wo diese anfängt, noch wo sie aufhört; denn wo Wirkung in der Schöpfung ist, ist Kraft; wo Leben sich äußert, ist inneres Leben. Es herrscht also allerdings nicht nur ein Zusammenhang, sondern auch eine aufsteigende Reihe von Kräften im unsichtbaren Reich der Schöpfung, da wir diese in ihrem sichtbaren Reich, in organisierten Formen vor uns wirken sehen.

Ja unendlich inniger, steter und fortgehender muß dieser unsichtbare Zusammenhang sein, als in unserm stumpfen Sinne die Reihe äußerer Formen zeigt. Denn was ist eine Organisation als eine Masse unendlich vieler zusammengedrängter Kräfte, deren größter Teil eben des Zusammenhanges wegen von andern Kräften eingeschränkt, unterdrückt oder wenigstens unsern Augen so versteckt wird, daß wir die einzelnen Wassertropfen nur in der dunklen Gestalt der Wolke, d. i. nicht die einzelnen Wesen selbst, sondern nur das Gebilde sehen, das sich zur Notdurft des Ganzen so und nicht anders organisieren mußte. Die wahre Stufenleiter der Geschöpfe, welch ein anderes Reich muß sie im Auge des Allwissenden sein, als von dem die Menschen reden! Wir ordnen Formen, die wir nicht durchschauen, und klassifizieren wie Kinder nach einzelnen Gliedmaßen oder nach andern Zeichen. Der oberste Haushalter sieht und hält die Kette aller aufeinanderdringenden Kräfte.

Was dies für die Unsterblichkeit der Seele tue? Alles, und nicht für die Unsterblichkeit unserer Seele allein, sondern für die Fortdauer aller wirkenden und lebendigen Kräfte der Weltschöpfung. Keine Kraft kann untergehn; denn was hieße es: eine Kraft gehe unter? Wir haben in der Natur davon kein Beispiel, ja in unserer Seele nicht einmal einen Begriff. Ist es Widerspruch, daß etwas nichts sei oder werde, so ist es mehr Widerspruch, daß ein lebendiges, wirkendes Etwas, in dem der Schöpfer selbst gegenwärtig ist, in dem sich seine Gotteskraft einwohnend offenbart, sich in ein Nichts verkehre. Das Werkzeug kann durch äußerliche Umstände zerrüttet werden; so wenig aber auch in diesem sich nur ein Atom vernichtet oder verliert, um so weniger die unsichtbare Kraft, die auch in diesem Atom wirkt. Da wir nun bei allen Organisationen wahrnehmen, daß ihre wirkenden Kräfte so weise gewählt, so künstlich geordnet, so genau auf ihre gemeinschaftliche Dauer und auf die Ausbildung der Hauptkraft berechnet sein, so wäre es Unsinn, von der Natur zu glauben, daß in dem Augenblick, da eine Kombination derselben, d. i. ein äußerlicher Zustand, aufhört, sie nicht nur plötzlich von der Weisheit und Sorgfalt abließe, dadurch sie allein göttliche Natur ist, sondern dieselbe auch gegen sich kehrte, um mit ihrer ganzen Allmacht (denn minder gehörte dazu nicht) nur einen Teil ihres lebendigen Zusammenhanges, in dem sie selbst ewig-tätig lebt, zu vernichten. Was der Allbelebende ms Leben rief, lebt; was wirkt, wirkt in seinem ewigen Zusammenhange ewig.

Da diese Prinzipien weiter auseinanderzusetzen hier nicht der Ort ist, so lasst uns sie bloß in Beispielen zeigen. Die Blume, die ausgeblüht hat, zerfällt, d. i., dies Werkzeug ist nicht weiter geschickt, daß die vegetierende Kraft in ihm fortwirke; der Baum, der sich satt an Früchten getragen, stirbt, die Maschine ist hinfällig worden, und das Zusammengesetzte geht auseinander. Hieraus folgt aber im mindesten nicht, daß die Kraft, die diese Teile belebte, die vegetieren und sich so mächtig fortpflanzen konnte, mit dieser Dekomposition gestorben sei, sie, die über tausend Kräfte, die sie anzog, in dieser Organisation herrschte. Jedem Atom der zerlegten Maschine bleibt ja seine untere Kraft; wieviel mehr muß sie der mächtigern bleiben, die in dieser Formung jene alle zu einem Zweck regierte und in ihren engen Grenzen mit allmächtigen Natureigenschaften wirkte. Der Faden der Gedanken zerreißt, wenn man es sieh als natürlich denkt, daß dies Geschöpf jetzt in jedem seiner Glieder die mächtige, sieh selbst erstattende, reizbare Selbsttätigkeit haben soll, wie sie sieh uns vor Augen äußert, daß aber den Augenblick darauf alle diese Kräfte, die lebendigen Erweise einer inwohnenden organischen Allmacht, aus dem Zusammenhange der Wesen, aus dem Reich der Realität so hinweg sein sollen, als wären sie nie darinnen gewesen.

Und bei der reinsten und tätigsten Kraft, die wir auf Erden kennen, sollte dieser Gedankenwiderspruch stattfinden, bei der menschlichen Seele? Sie, die über alle Vermögen niedrigerer Organisationen so weit hinaufgerückt ist, daß sie nicht nur mit einer Art Allgegenwart und Allmacht tausend organische Kräfte meines Körpers als Königin beherrscht, sondern auch (Wunder aller Wunder!) in sich selbst zu blicken und sich zu beherrschen vermag. Nichts geht hienieden über die Feinheit, Schnelle und Wirksamkeit eines menschlichen Gedanken; nichts über die Energie, Reinheit und Wärme eines menschlichen Willens. Mit allem, was der Mensch denkt, ahmt er der ordnenden, mit allem, was er will und tut, der schaffenden Gottheit nach; er möge so unvernünftig denken, als er wolle. Die Ähnlichkeit liegt in der Sache selbst, sie ist im Wesen seiner Seele gegründet. Die Kraft, die Gott erkennen, ihn lieben und nachahmen kann, ja die nach dem Wesen ihrer Vernunft ihn gleichsam wider Willen erkennen und nachahmen muß, indem sie auch bei Irrtümern und Fehlern nur durch Trug und Schwachheit fehlte, sie, die mächtigste Regentin der Erde, sollte untergehen, weil ein äußerer Zustand der Zusammensetzung sich ändert und einige niedere Untertanen von ihr weichen? nie Künstlerin wäre nicht mehr, weil ihr das Werkzeug aus der Hand fällt? Wo bliebe hier aller Zusammenhang der Gedanken? -


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