I.6. Der Planet, den wir bewohnen, ist ein Erdgebirge, das über die Wasserfläche hervorragt

 

Der simple Anblick einer Weltkarte bestätigt dieses. Ketten von Gebirgen sind's, die das feste Land nicht nur durchschneiden, sondern die auch offenbar als das Gerippe dastehn, an und zu dem sich das Land gebildet hat. In Amerika läuft das Gebirge längst dem westlichen Ufer durch den Isthmus hinauf. Es geht quer hin, wie sich das Land zieht; wo es mehr in die Mitte tritt, wird auch das Land breiter; bis es sich über Neumexiko in unbekannten Gegenden verliert. Wahrscheinlich geht es auch hier nicht nur höher hinauf bis zu den Eliasbergen fort, sondern hängt auch in der Breite mit mehreren, insonderheit den Blauen Bergen zusammen, so wie in Südamerika, wo das Land breiter wird, auch Berge sich nörd- und östlich hinziehn. Amerika ist also, selbst seiner Figur nach, ein Erdstrich, an seine Berge gehängt und gleichsam an ihren Fuß ebner oder schroffer hinangebildet.

Die drei andern Weltteile geben einen zusammengesetztern Anblick, weil ihr großer Umfang im Grunde nur ein Weltteil ist; indessen ist's auch bei ihnen ohne Mühe kennbar, daß der Erdrücken Asiens der Stamm der Gebirge sei, die sich über diesen Weltteil und über Europa, vielleicht auch über Afrika, wenigstens über seinen obern Teil, verbreiten. Der Atlas ist eine Fortstreckung der asiatischen Gebirge, die in der Mitte des Landes nur eine größere Höhe gewinnen und sich durch die Bergreihen am Nil wahrscheinlich mit den MondsGebirgen binden. Ob diese MondsGebirge der Höhe und Breite nach ein wirklicher Erdrücken sein, muß die Zukunft lehren. Die Größe des Landes und einige zerstückte Nachrichten sollten es zu vermuten geben; indessen scheint eben auch die proportionierte Wenigkeit und Kleinheit der Flüsse dieses Erdstrichs, die uns bekannt sind, noch nicht eben dafür zu entscheiden, daß seine Höhe ein wahrer Erdgürtel sei wie der asiatische Ural oder die amerikanischen Cordilleras. Gnug, auch in diesen Weltteilen ist offenbar das Land den Gebirgen angebildet. Alle seine Strecken laufen parallel den Asten der Berge; wo diese sich breiten und verästigen, breiten sich auch die Länder. Dies gilt bis auf VorGebirge, Inseln und Halbinseln: das Land streckt seine Arme und Glieder, wie sich das Geripp der Gebirge streckt; es ist also nur eine mannigfaltige, in mancherlei Schichten und Erdlagen an sie angebildete Masse, die endlich bewohnbar worden.

Auf die Fortleitung der ersten Gebirge kam's also an, wie die Erde als festes Land dastehen sollte; sie scheinen gleichsam der alte Kern und die Strebepfeiler der Erde zu sein, auf welche Wasser und Luft nur ihre Last ablegten, bis endlich eine Pflanzstätte der Organisation herabgedacht und geebnet wurde. Aus dem Umschwung einer Kugel sind diese ältesten Gebirgsketten nicht zu erklären, sie sind nicht in der Gegend des Äquators, wo der Kugelschwung am größesten war; sie laufen demselben auch nicht einmal parallel, vielmehr geht die amerikanische Bergreihe gerade durch den Äquator. Wir dürfen also von diesen mathematischen Bezirkungen hier kein Licht fodern, da überhaupt auch die höchsten Berge und Bergreihen gegen die Masse der Kugel in ihrer Bewegung ein unbedeutendes Nichts sind. Ich halte es also auch nicht für gut, in Namen der Gebirgsketten Ähnlichkeit mit dem Äquator und den Meridianen zu substituieren, da zwischen beiden kein wahrer Zusammenhang stattfindet und die Begriffe damit eher irregeführt würden. Auf ihre ursprüngliche Gestalt, Erzeugung und Fortstreckung, auf ihre Höhe und Breite, kurz, auf ein physisches Naturgesetz kommt es an, das uns ihre Bildung und mit derselben auch die Bildung des festen Landes erkläre. Ob sich nun ein solches physisches Naturgesetz finden ließe, ob sie als Strahlen aus einem Punkt oder als Äste aus einem Stamm oder als winklichte Hufeisen dastehn und was sie, da sie als nackte Gebirge, als ein Gerippe der Erde hervorragten, für eine Bildungsregel hatten: dies ist die wichtige, bisher noch unaufgelöste Frage, der ich eine gnugtuende Auflösung wünschte. Wohlverstanden nämlich, daß ich hier nicht von herangeschwemmten Bergen, sondern vom ersten Grund- und Urgebirge der Erde rede.

Genug, wie sich die Gebirge zogen, streckten sich auch die Länder. Asien wurde zuerst bewohnbar, weil es die höchsten und breitesten Bergketten und auf seinem Rücken eine Ebne besaß, die nie das Meer erreicht hat. Hier war also nach aller Wahrscheinlichkeit irgend in einem glückseligen Tal am Fuß und im Busen der Gebirge der erste erlesene Wohnsitz der Menschen. Von da breiteten sie sich südlich in die schönen und fruchtbaren Ebnen längst den Strömen hinab; nordwärts bildeten sich härtere Stämme, die zwischen Flüssen und Bergen umherzogen und sich mit der Zeit westwärts bis nach Europa drängten. Ein Zug folgte dem andern, ein Volk drängte das andere, bis sie abermals an ein Meer, die Ostsee, kamen, zum Teil herübergingen, zum Teil sich brachen und das südliche Europa besetzten. Dies hatte von Asien aus südwärts schon andere Züge von Völkern und Kolonien erhalten, und so wurde durch verschiedne, zuweilen sich entgegengesetzte Menschenströme dieser Winkel der Erde so dicht bevölkert, als er bevölkert ist. Mehr als ein gedrängtes Volk zog sich zuletzt in die Gebirge und ließ seinen Überwindern die Plänen und offene Felder; daher wir beinah auf der ganzen Erde die ältesten Reste von Nationen und Sprachen entweder in Bergen oder in den Ecken und Winkeln des Landes antreffen. Es gibt fast keine Insel, keinen Erdstrich, wo nicht ein fremdes späteres Volk die Ebnen bewohnt und rauhe ältere Nationen sich in die Berge versteckt haben. Von diesen Bergen, auf denen sie ihre härtere Lebensart fortsetzten, sind sodenn oft in spätern Zeiten Revolutionen bewirkt worden, die die Ebnen mehr oder minder umkehrten. Indien, Persien, Sina, selbst die westlichen asiatischen Länder, ja das durch Künste und Erdabteilungen wohl verwahrte Europa wurden mehr als einmal von den Völkern der Gebirge in umwälzenden Heeren heimgesucht; und was auf dem großen Schauplatz der Nationen geschah, erfolgte in kleinern Bezirken nicht minder. Die Maratten in Südasien, auf mehr als einer Insel ein wildes Gebirgsvolk, in Europa hie und da Reste von alten tapfern Bergbewohnern streiften umher, und wenn sie nicht Überwinder werden konnten, wurden sie Räuber. Kurz, die großen Bergstrecken der Erde scheinen so wie der erste Wohnsitz, so auch die Werkstätte der Revolutionen und der Erhaltung des menschlichen Geschlechts zu sein. Wie sie der Erde Wasser verleihen, verliehen sie ihr auch Völker; wie sich auf ihnen Quellen erzeugen, springt auch auf ihnen der Geist des Muts und der Freiheit, wenn die mildere Ebene unterm Joch der Gesetze, der Künste und Laster erliegt. Noch jetzt ist die Höhe Asiens der Tummelplatz von großenteils wilden Völkern; und wer weiß, zu welchen Überschwemmungen und Erfrischungen künftiger Jahrhunderte sie da sind?

Von Afrika wissen wir zuwenig, um über das Treiben und Drängen der Völker daselbst zu urteilen. Die obern Gegenden sind, auch dem Menschenstamm nach, gewiß aus Asien besetzt, und Ägypten hat seine Kultur wahrscheinlich nicht vom höhern Erdrücken seines festen Landes, sondern von Asien aus erhalten. Wohl aber ist's von Äthiopiern überschwemmt worden, und auf mehr als einer Küste (weiter kennen wir ja das Land nicht) hört man von herabdrängenden wilden Völkern der Höhe des Erdteils. Die Gagas sind als die eigentlichsten Menschenfresser berühmt; die Kaffern und die Völker über Monomotapa sollen ihnen an Wildheit nicht nachgeben. Kurz, an den Mondsbergen, die die weiten Strecken des innern Landes einnehmen, scheint auch hier, wie allenthalben, die ursprüngliche Rauheit dieses Erdgeschlechts zu wohnen.

Wie alt oder jung die Bewohnung Amerikas sein möge, so hat sich gerade am Fuß der höchsten Cordilleras der gebildetste Staat dieses Weltteils gefunden, Peru, aber nur am Fuß des Berges, im gemäßigten schönen Tal Quito. Längst der Bergstrecke von Chili bis zu den Patagonen strecken sich die wilden Völker hinab. Die andern Bergketten und überhaupt das ganze Land im Innern ist uns zuwenig bekannt; indes bekannt gnug, um überall den Satz bestätigt zu finden, daß auf und zwischen den Bergen alte Sitte, originale Wildheit und Freiheit wohne. Die meisten dieser Völker sind von den Spaniern noch nicht bezwungen, und sie mußten ihnen selbst den Namen los bravos geben. Die kalten Gegenden von Nordamerika sowie die von Asien sind dem Klima und der Lebensart ihrer Völker nach für eine weite große Berghöhe zu halten.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 28.09.2005 
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