Franz Alexander, Hugo Staub,
›Der Verbrecher und seine Richter‹


Es gibt Ausnahmen. Ein Arzt und ein Anwalt – Franz Alexander und Hugo Staub – haben (im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien) eine Keule gegen die Richter geschwungen, die nur deshalb nicht tödlich trifft, weil man Gummigötzen verbrennen muß. Das Buch heißt ›Der Verbrecher und seine Richter‹ – und als ich es gelesen hatte, kam mir die ganze Schande, die in dem neuen Strafgesetzbuch und in seiner Entstehung steckt, noch einmal voll zum Bewußtsein.

Ob jede dieser Theorien richtig ist oder nicht, ist nicht von Belang. Von Belang allein ist dieses:

Das neue Strafgesetzbuch ist überhaupt nichts. Es ist eine lächerliche Ansammlung von Polizeiverordnungen, sinnlos erwürfelten Strafmaßen und – wie hier klar nachgewiesen ist – aufgebaut auf Tatbeständen, die es nicht gibt. Alles, ohne Ausnahme alles, was in diesem Strafgesetzbuch über ›Vorsatz‹, ›Fahrlässigkeit‹ und dergleichen zu lesen ist, existiert nicht; es sind Sumpfblasen, falsche Laien-Vorstellungen über die menschliche Seele, schlecht verhüllte politische Absichten. Wenn man weiß, wie so ein Entwurf zustande kommt; welch kleiner Kreis überhaupt daran hat mitarbeiten dürfen – wenn man ferner weiß, aus welchem geistigen Milieu sich dieser Kreis zusammensetzt, Leute, unter denen der alte Kahl noch wie ein Mauerwerk aus alter Zeit aufragt, und drum herum fast nichts als Schlingpflanzen ... dann hat man einen Begriff, was unsern Kindern und Kindeskindern als Recht über die Köpfe gehängt wird.

Es sind aber nicht nur die Untersuchungen über die Verbrechertypen, die in diesem Buch zu höchster Bewunderung hinreißen –: es ist vor allem eine Fundamentalwahrheit, der ich hier tausendmal Ausdruck gegeben habe, ohne sie jemals so exakt zu formulieren, wie diese beiden das tun.

»Der Kriminelle setzt seine natürlichen, unangepaßten Triebe, eben wie das Kind es möchte, wenn es nur könnte, in Handlungen um. Für die verdrängte, also unbewußte Kriminalität des Normalmenschen bleiben dagegen nur einige sozial harmlose Ventile, wie das Traum- und Phantasieleben, das neurotische Symptom und dann einige Übergangsformen bereits weniger harmloser Befriedigungsmöglichkeiten wie Duell, Boxsport, Gladiatoren- und Stierkämpfe bis zu dem freien Ausleben verdrängter Kriminalität im Kriege.« Und nun hör gut zu, deutscher Richter:

»Kein besserer Beweis für die allgemeine Kriminalität könnte erbracht werden als das gewagte Experiment, der spanischen Nation ihre Stierkämpfe, den Amerikanern ihren Box- und Rugbysport, dem alten Europa seine Soldatenspiele oder der Welt die Strafjustiz zu nehmen.«

Da ist es.

Es ist ja nicht wahr, dass sich diese Richter und Staatsanwälte »in den Dienst des Staates« stellen, so Arbeit und Leben der Allgemeinheit aufopfernd; es ist ebensowenig wahr, dass sie bewußte und reine Formen des Sadisten darstellen – sie wissen nicht, was sie tun. Aber sie tun. Wer einmal gesehen hat, wie die Spannung zwischen Vorsitzendem und Angeklagtem fast körperlich fühlbar wächst, wenn der auf der Anklagebank ein Mann bleibt, sich nicht beugt, das Gericht nicht provoziert, aber auch nicht anerkennt – der weiß genug. Der tiefe Trieb, mit dem verhaßten Neben-Ich zu spielen wie die Katze mit der Maus, es die Macht fühlen zu lassen, die herrliche, steigernde und nach Blut schmeckende Macht – die eine Seite der Selbstbehauptung heißt Coitus, die andre Quälen. »Dem Richter«, steht dann im Nekrolog, »verschaffte seine Arbeit volle Befriedigung«, und das ist viel wahrer, als der Schreiber ahnt. Was die da treiben, was sie auf allen Kasernenhöfen treiben, ist verdrängte, sublimierte, sozial unschädlich gemachte, ja sogar hier und da nützlich gemachte Kriminalität.

Das Buch ›Der Verbrecher und seine Richter‹ verdient, von allen gelesen zu werden, denen neben der Rechtsprechung das Recht am Herzen liegt.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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