›Sozialismus aus dem Glauben‹


»Es rieselt im Gemäuer der Entente«, schrieb der unsägliche Benedikt in seiner ›Neuen Freien Presse‹ während des Krieges, so lange, bis Österreich selbst davonrieselte. Kraus hat das Wort berühmt gemacht.

Im Gemäuer des Sozialismus rieselt es aber wirklich; hier stimmt etwas nicht. Das mochten die Einberufer der ›Sozialistischen Tagung in Heppenheim‹ gefühlt haben, die da in der Pfingstwoche 1928 getagt haben. Die Protokolle dieser Tagung liegen vor: ›Sozialismus aus dem Glauben‹ (erschienen im Rotapfel-Verlag zu Zürich und Leipzig).

Obenan: Hendrik de Man und Henriette Roland-Holst, bei weitem die logisch besten Referate. Beide fühlen richtig: so geht das nicht weiter. Karl Marx hat den in ihm wohnenden Heroismus heroisch unterdrückt, und seine Nachtreter haben aus einer Lehre, die zutiefst aus dem Herzen des Lehrers gekommen ist und dann erst den Verstand passiert hat, eine mechanische Ablauflehre gemacht: Organisiert euch, schwenkt in die Reihen, erkennt unsre Thesen an, streikt – und der Rest kommt ganz von alleine. Nun, er ist nicht von allein gekommen – und das jämmerliche Versagen der in die Regierung getretenen deutschen Sozialisten hat uns gezeigt, dass im Organismus dieser Partei ein schwerer Fehler vorhanden sein muß. Er ist auch vorhanden. Frau Roland-Holst hat das in ihren Thesen (auf Seite 177) recht gut formuliert:

»Die Lebensgestaltung unterworfener Klassen (Völker, Rassen) ist in hohem Maße abhängig von den Lebensbedingungen, die ihnen von den herrschenden Klassen (Völkern, Rassen) aufgedrungen werden. Jedoch ist diese Abhängigkeit nie absolut.

Der Marxismus betrachtete, trotz seiner dialektischen Denkweise, die ökonomische Entwicklung vorwiegend als Ursache und die Lebensgestaltung als ihre Folge. Es ist jetzt an der Zeit, das Versäumte nachzuholen und den Hauptnachdruck auf die Umgestaltung der Gefühle, der Motive der Lebensformen jeder Art im sozialistischen Sinn zu legen.

Der Marxismus hat das Rationelle übermäßig stark betont.«

Damit läßt sich schon viel anfangen.

Das Niveau dieser Unterhaltungen auf der Heppenheimer Tagung liegt hoch: die Leute haben wenig aneinander vorbeigesprochen, und bei allen hat man den Eindruck: hier wird mit ehrlichen Mitteln gesucht. Daß diese Mittel nicht ausreichen, ist eine andere Sache; es macht sich auch hier wieder die traurige Beschränktheit eines ›Lagers‹ bemerkbar: für manchen großen Psychoanalytiker existiert der Sozialismus gar nicht oder kaum – diese hier sprechen wieder von Freud nicht. Die Gefahr dieser Diskussionen liegt in ihrer Entartung zum intellektuellen Gesellschaftsspiel; der Proletarier fragt mit Recht: was soll ich damit anfangen? Und so wirken denn die paar Worte, die Reinhold Sputh in Heppenheim gesprochen hat, wie eine Erlösung. Zur Erkenntnis trägt er wenig bei – aber man spürt unter den ruhigen Worten den Schrei seiner Klasse.

Bei den andern spürt man ihn kaum. Mit dem Hut in der Hand sei angemerkt: selbst die Worte, die Buber dort gesprochen hat, wirken wie blasse Schemen, wie scholastische Kommentare, obgleich sie es nicht sind. Dergleichen bringt nicht weiter. Leicht verläuft sich das in die Gefilde jener Pseudo-Soziologie, die sich an ihrer eigenen Methodik berauscht; jener Pseudo-Philosophie, deren Jargon heute schon alle gebildeten Mädchen sprechen und alle Schmöcke schreiben und mit der nichts, nichts bewirkt wird. Die Praxis heißt dann Radbruch: der hat alles gelesen, weiß vieles, und tut, wenn es zum Klappen kommt, herzlich wenig. Und nur darauf kommt es an.

Der Umschlag gegen die mechanistische Weltauffassung der Generation von 1870 steht vor der Tür – er ist eminent gefährlich. Magie ist eine große und gute Sache; wird sie vulgarisiert, heißt sie entweder Vulgär-Katholizismus, wohl eine der schauerlichsten Sachen, die der Teufel erfunden hat und Gott zuläßt – oder es ergibt sich jenes verblasene theosophisch-psychoanalytische Puzzle, bei dem die Wichtigmacher herumlaufen und viel, viel weniger von Herrn Weißenberg entfernt sind, als sie selber glauben. Und zum Schluß wird sich dann wohl die politische Reaktion dieser Strömungen bemächtigen, und daher ist – neben demütigem Streben nach jener Wahrheit, die nicht auf die Gassen gehört – schärfstes Mißtrauen am Platze. Dieser ›Sozialismus aus dem Glauben‹ verdient aufmerksame Lektüre, obgleich er einer Konkurseröffnung gleicht. Zu welchem Prozentsatz die Gläubiger akkordieren werden, steht noch dahin.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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