Sommerliches Berlin


Die Jalousien sind herabgelassen, Peter Panter sitzt allein in der Stube. Draußen ist heller Sommer, mit weißen Stäubchen, die die leere Straße herunterfliegen, einem hellblauen Pastellhimmel und Sonne, Sonne ...

Das ist eine Stadt! Jetzt, da alle fort sind, fühlt man erst, welche Unruhe sie mitgenommen haben, wieviel Hast und wieviel Randal. Alles scheint ein ruhigeres Tempo eingeschlagen zu haben, die Elektrischen und die Zeitungen und die Zurückgebliebenen.

Ja, ein Theater gibt es auch. Man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist so. Da liegt der Wannsee, und viele andre Seen gibt es in der Mark, die jetzt in der Sonne glitzern, während der Wind ein bißchen in den langen Ufergewächsen rauscht. Eins schließt das andre nicht aus, Gott hat das so gewollt – in der Stadt spielen sie Theater. Manche noch, manche schon wieder, und einige haben überhaupt nicht aufgehört.

An den Säulen, die schlafend Lanolin und »Gent I a – Die neue Dreipfennigzigarette« anzeigen, brüllt es: Sylvester Schäffer!!! Das größte Kunstgenie aller Zeiten!!! Wer spricht da? Der Impresario – nicht doch: der »Impresa« S. Rachmann. Und prompt denkt man – Namen verpflichten – an Rachenmandeln, dicke Gaumenlaute, Prusten beim Essen und ein langgezogenes Püüühh!! Dabei kann der Junge nicht allzuviel, nur vieles.

Wir hier in der Großstadt aber haben viel mehr verloren als die Luft und die Weite und die Wolken – man sieht sie nur stückweis, dann ist es nichts – und all das. Die Beschaulichkeit haben wir verloren.

So, wie ihr jetzt lebt, Abonnenten, so solltet ihr das ganze Jahr leben: ruhig, sachte, bedächtig. Die Dinge bekommen einen andern Aspekt, das Meer lehrt einen lächeln, während man sich hier gebost hat, die Berge lassen erkennen, wie klein vieles war, was uns groß dünkte, und wenn erst der Wind weht: dann gibt es kein Problem, das uns noch beunruhigen könnte.

Nicht wahr – ihr möchtet schon? Ihr könnt auch. Wir sind fast alle gezwungen, in dieser großen Stadt zu arbeiten, weil wir leben müssen. Aber wir sollten das zackige Tempo, das die Besseren zerrüttet und die Besten abstößt, auf ein menschenwürdiges Maß reduzieren. Es ist ja nicht einmal amerikanisch, dazu haben sie bei uns nicht die Kraft und nicht die Rücksichtslosigkeit – das Ganze gebärdet sich nur wie ein wahnwitzig gewordenes Dorf. Es ist eine kleine Stadt geblieben, die erst in das Kleid nachwachsen muß, das ihr Bauschieber angemessen haben. Und das hat noch gute Weile.

Vorläufig bauen sie einen Kino neben dem andern auf und stehen ängstlich an der Kasse, wie es gehen wird. Wird es ... ? So nicht.

Da zappelten die Herrnfelds auf dem Film an uns vorüber, die Leute lachten ein bißchen – im Theater der beiden selbst brüllen sie. Aber da gibt es auch hinterher kein Cowboy-Drama, bei dem einen die Tränen in die Augen kommen, so muß man gähnen.

Man läuft hinaus. Draußen am Potsdamer Platz spielen sie im »Grand-Luxus-Gala-Palast-Café« oder wie das Ding heißt, ein Lied, das alle Dienstmädchen beim Tellerspülen heulen, eine volksliedmordende Weise. Und doch ist überall Sommer, laue Luft, und ein wenig von der freudigen Beschaulichkeit, die dieser Stadt sonst so sehr fehlt.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 28.08.1913, Nr. 34, S. 825.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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