Walther Rode, ›Beamtenpyramide‹


›Angeklagter‹ steht noch in diesem Band. Ein ganzes Buch über ihn, über die ›Justiz‹ liegt vor, hat zum Verfasser den wiener Advokaten Walther Rode (und ist bei Ernst Rowohlt zu Berlin erschienen). Das ist eine Herzerfrischung. Rode, dessen ›Beamtenpyramide‹ ein Pamphlet großen Stils ist, nennt das Kind und alle Kinder der Justiz bei ihrem richtigen Namen; daran können sich deutsche Anwälte, die dergleichen nie wagten, ein Beispiel nehmen. Gewiß wird in Österreich nichts so heiß getan, wie es geschrieben wird, aber es ist doch schon viel, wenn ein Anwalt so über die Richter spricht wie dieser hier. Nie, niemals brächte ein deutscher Anwalt den innern Mut auf, über das Reichsgericht zu urteilen wie jener über den Obersten Gerichtshof – und wie müssen sich beide ähnlich sein! Nur ist das Reichsgericht offenbar noch gefährlicher, weil es besonders in den letzten Jahren seine Rechtspolitik macht, ohne Widerstand zu finden. Rode bröselt das Paragraphengewebe von innen auf; er sagt, ›wies ist‹: er kennt die Faulheit der Richter, ihre Anmaßung, ihre ungeheuerliche Unbildung und ihre völlige Herzlosigkeit.

Er spricht auf zwei Seiten, den beiden ersten, über die Prozesse, die der Selige aus Doorn gegen Piscator angestrengt hat; solche Laute sind bei uns zu Lande unerhört, wo man die steckengebliebene Untertanenhaftigkeit als Rechtsgefühl ausgibt, während Rode richtig dartut, dass einer, der sein Leben lang über dem Recht gestanden hat, nun nicht plötzlich wie eine Gemüsefrau klagen kann. »Man hat nicht das Amtsgericht anzurufen, wenn man beim Weltgericht sachfällig geworden ist.« Und: »Die Frage, ob man einen Exkaiser auf dem Theater spielen dürfe, wird umfaßt von der Frage, ob man einen Exkaiser aufhängen darf.« Kurz: der, der nie eine Rechtsperson im bürgerlichen Sinne gewesen ist, darf nun nicht auf einmal eine werden – er sei von nun ab rechtlos. Aber das bring du in deutsche Köpfe.

Das Kernstück des Buches – einen unaufgeklärten Todesfall – halte ich nicht für besonders glücklich. Es finden sich da Ansätze einer Psychologie, die der Verfasser den Richtern vorwirft; wie er zum Beispiel den Mann, den er für den Mörder hält, angreift, geht mir nicht ein. Da werden Indizien zusammengetragen, Bausteine einer Seelenkunde, die Rode, wendete sie ein Richter an, wahrscheinlich mit ebenso großem Temperament wie Geschick zerpflückte.

Aber warum sind Mut, Charakterstärke, Angriffsgeist und Einsicht in das Wesen der Justiz unter unsern Anwälten fast gar nicht zu finden?

Weil sie sich als ›Organe der Rechtsprechung‹ betrachten und gnade Gott, wenn ein Deutscher einem Beamten nacheifern will! Der deutsche Anwalt unterliegt einer ›Ehrengerichtsbarkeit‹, die, würde sie von stockreaktionären Richtern ausgeübt, nicht schlimmer sein könnte, als sie ist. So etwas von Verlogenheit, von falschem Amtscharakter, von gänzlich verkannter Standesehre war noch nicht da. Nehmt euch ein Beispiel an diesem Österreicher hier! eure heute klägliche Stellung vor den Gerichten wäre eine andre, eine ganz andre.

Wie kann sie aber anders werden, wenn sich manche Anwälte – wie viele! wie viele! – bei den Richtern mit den übelsten Mitteln anmeiern, für ihren Mandanten, gewiß, aber doch ist es kein schönes Schauspiel. Herr Kantorowicz aus Berlin verteidigt einen ehemaligen Kassierer des Verbandes für Freidenkertum, der 24000 Mark Verbandsgelder unterschlagen hat. Und führt als Entschuldigungsgrund an, »daß, wenn die von dem Angeklagten rechtswidrig entnommenen Beträge solchen Bestrebungen nicht zugute gekommen sind, dies nicht zum Schaden wahrhafter Kulturgüter geschehen sein kann«. Wonach also künftighin Unterschlagungen bei der staatlichen Lotterie straflos sein dürften. Aber wie muß so ein Anwalt die Richter einschätzen, wenn er ein solches Argument auch nur vorzubringen wagt!





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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