Istvan Hóllós, ›Hinter der gelben Mauer‹


Deshalb, weil ja nichts schwerer ist, als in den starren Mechanismus einmal vorhandener Gefüge einzugreifen. Ihr wißt, wie schwer das bei den Fürsorgeanstalten ist; man bilde sich ja nicht ein, dass bejubelte Theateraufführungen eine Sadistin in Klein-Klotzow ändern werden, solange das System nicht geändert ist. Und es ist nicht nur mit den Fürsorgeanstalten so. Ein ungarischer Psychiater, Istvan Hóllós, zeigt uns, dass es in geistiger Beziehung in den Irrenanstalten nicht viel besser zugeht. Sein Buch heißt ›Hinter der gelben Mauer‹ und ist in dem höchst verdienstlichen Hippokrates-Verlag zu Stuttgart erschienen; ein Verlag, der sich mit der Herausgabe von ärztlichen Volksbüchern sehr nützlich macht.

Dieses etwas pathetisch geschriebene Buch, in dem es mitunter kraus zugeht, vertritt eine gute These: jede mechanistische Anstaltsbehandlung ist eine Sünde am Menschen. Herr Hóllós ist ein bürgerlicher Individualist; was echte Kollektivität ist, ahnt er nicht – dennoch ist viel Gutes und Rechtes in seinem Buch. Er zeigt die schmale Grenze zwischen den geistig Gesunden und den geistig Kranken auf (eine der schönsten Geschichten Roda Rodas faßt das in dem unsterblichen Satz zusammen: »Wir Psychiater unterscheiden uns von den Verrückten nur durch die Vorbildung«); und Hóllós bringt viel interessantes Material herbei. Vom geheilten Kranken: »Der geheilte Kranke muß viel gesünder sein als jeder andre Sterbliche.« Hier liegt ähnliches vor wie bei den armen Rechtsbrechern, die den Unabsetzbaren in die Hände fallen: der Richter darf anormal sein, der Verbrecher darf es nicht. »Ich will aus der Anstalt erst wieder nach Hause gehen«, sagt bei Hóllós ein Geheilter, »wenn ich tun und lassen kann, was mir gefällt; nervös, launenhaft, erzürnt sein, wann es mir beliebt, wie jeder andre Mensch – ohne dass sie denken, ich sei wieder verrückt geworden ... «

Hóllós zeigt auch die schematischen Wahnvorstellungen auf, die sich die Gesunden von den Verrückten machen; die können ihnen gar nicht verdreht genug sein, die Haare müssen sich einem sträuben ... dann erst fühlen sich jene gesund. Diese Angst vor dem Irren hat sehr tiefe Ursachen.

Die Anstaltsbehandlung, die den Kranken durch die Nummernmühle dreht, ist famos wiedergegeben. Einer sagt von der Untersuchung: »Dann war nicht einmal von mir die Rede. Man sprach von jemand anderm: von einem Kranken, der unter den vielen andern eben jetzt an die Reihe gekommen war.« Nämlich von ihm. Aber eben nicht von ihm. Das Ich geht verloren auf diesem fürchterlichen Wege. Was Hóllós will, ist, dass man die Irren nicht nur, wie das heute geschieht, interniert, weil dabei jeder Mensch zerbrechen muß; er will, dass man sie wohnen läßt wie andere Menschen auch; mit einem Gitter, das sie möglichst wenig spüren. Eine vernünftige Forderung. Und doppelt beachtenswert, weil sie von einem Irrenarzt ausgesprochen wird, der auch seine Kollegen gegen törichte Vorwürfe in Schutz nimmt. Ein gutes Buch.





 © textlog.de 2004-2018 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright