Nationales


In Europa ist viel über den Krieg nachgedacht worden.

Die Engländer taten es vorher, die Franzosen während des Krieges, die Deutschen nachher.

 

Die Nationen wurden aufgefordert, einen Kreis zu zeichnen.

Der Amerikaner trat an mit einer Kreiszeichnungsmaschine, the biggest of the world; der Engländer zeichnete freihändig einen fast einwandfreien Kreis, der Franzose ein reichgeschmücktes Oval, der Österreicher sagte: »Gehns – mir wem uns do net herstelln« und pauste den englischen Kreis durch. Die Deutschen lieferten ein Tausendundsechsundneunzig-Eck, das fast wie ein Kreis aussah, es war aber keiner.

 

Ein Kommunist war eingekerkert worden, und die ersten europäischen Schriftsteller wurden gebeten, sich dazu zu äußern.

Der Franzose schrieb einen blendenden Aufruf, gebrauchte hierbei die Form ›que vous doutassiez‹ und entfesselte damit eine bewegte Diskussion in seinem Vaterlande; G. B. Shaw verfaßte ein außerordentlich ironisches Drama, worin er sich über seine Landsleute derart schonungslos lustig machte, dass auf Wochen hinaus kein Billett zu haben war, von dem Gefangenen war übrigens in dem Stück nicht die Rede; der Deutsche unterzeichnete den Protest nicht, weil er mit dem Verhafteten nicht in allen Punkten übereinstimmte. Zwei aber drangen tatkräftig in das Gefängnis ein. Als erster kam der Russe in die Zelle. Da lag der Gefangene und war tot: der Faschist hatte ihn schon erschossen.

 

Einmal machten die Völker einen Wettbewerb: wer am weitesten sehen könne.

Der Franzose sah bis zum nächsten Arrondissement. Der Engländer sah über die ganze Welt, sie spiegelte ihn. Der Berliner sah vom Kurfürstendamm über die Spree hinweg bis zum Alexanderplatz und glaubte, was dazwischen läge, sei Amerika und der Atlantische Ozean. Der Wiener sah gar nicht hin: er las einen herrlichen Beleidigungsprozeß in seiner Zeitung.

 

Nach dem Sündenfall vergißt der Franzose eine Frau, der Engländer heiratet sie, der Rumäne verschafft ihr einen Mann, der Deutsche fängt einen Prozeß mit ihr an, und der Amerikaner heiratet sie vorher.

 

Sieben internationale Züge fuhren einmal langsam hintereinander auf einer Strecke, und der Mann im Bahnwärterhäuschen sollte sie an einer bestimmten Stelle durch Zuruf aufhalten.

Zum französischen Lokomotivführer wurde heraufgerufen: »Alle Eisenbahner haben Steuerermäßigung! Halten verboten!«– da bremste er sofort;

zum Spanier: »Stiergefecht! Hier gleich in der Nähe!« – da wollte er bremsen, vertagte es aber auf morgen;

zum Deutschen: »Die reine Apperzeption des Seins in der relativ scheinenden Bewegung wird hierorts bestritten!« – da sagte der Deutsche: »Sooo –?« und stieg ab, um alles recht zu bedenken, und wenn er nicht in den Krieg gezogen ist, steht er da heute noch;

zum Italiener: »Bitte stoppen!« – »Giovinezza!« sang der und legte ein wildes Tempo vor, weil er das für faschistischer hielt, der Weichensteller kam merkwürdigerweise mit dem Leben davon;

und zum Sachsen: »Wenn Sie anhalten, kriegen Sie gratis einen Rundfunksender!« – da kletterte der Sachse im Fahren von der Maschine, holte sich den Sender, grüßte reisfreundlich und fuhr weiter.

Nur zwei ließen sich auch durch die schönsten Zurufe nicht beirren. Der Engländer, weil er es so wollte. Und ein deutscher Demokrat. Der hatte nichts gesehn und nichts gehört und fuhr still seine Bahn.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 02.03.1926, Nr. 9, S. 344,

wieder in: Mit 5 PS.





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