Zahlende Literatur


Neben der wertvollen Literatur läuft schon von jeher ein schmaler oder auch breiter Strom Druckpapiers, in dem schon viele jämmerlich ersoffen sind.

Ich meine nicht Blumenthal oder Fulda, die durch Produktion von einem Hektoliter Makulatur monatlich viel Geld gemacht haben.

Es gibt da einen unendlichen Troß armseliger Schreiber, die falscher Ehrgeiz und erstaunliche Unkenntnis über fremdes und eigenes Können verleitet, folgendes Puppenspiel aufzuführen:

In stillen Nachtstunden, wenn andere Bürger an nichts Böses denken, kauen diese Tichter an den Federhaltern und legen schlechte Reime auf das Papier. Dann schreiben sie an einen der hierfür unrühmlichst bekannten »Verlage« (besser Druckereien). Gewiß, »wir würden uns freuen, Ihr geschätztes Werk in unseren Verlag übernehmen zu können ... « allerdings – – die Kosten – dafür muß der Tichter garantieren, das heißt sie bezahlen – denn kaufen tut das Buch kein Mensch.

Wobei zu erwägen ist, ob der »Verlag« auch wirklich die nötige Reklame betreibt und vor allem das Buch auch an alle Redaktionen und Sortimenter verschickt.

Tausende sind hier schon ihre Spargroschen losgeworden.

Diese Erscheinung hat sich nun in den letzten zehn, zwanzig Jahren erschreckend gesteigert: das kann nicht nur daran liegen, daß es früher einen solchen kapitalistischen Industriezweig wie diese Druckereien nicht gab.

Es handelt sich aber um dies: Fast alle Benutzer dieser Anstalten sind biedere Bürgersleute des Mittelstands.

Die Herren von der selbstbezahlten Literatur sind keine Proletarier.

Aber der Mittelstand hat doch früher sicher nicht so viel geschrieben! –

Die Hauptschuld an dieser Produktion trägt die bürgerliche Presse. Zeitungen sind neben einigen guten Büchern, die sie nicht verstehen, und vielen schlechten das, was diese Leute hauptsächlich lesen. Die Zeitung ist für sie der Mentor und Leiter in den »Kunstdingen«, die Zeitung, das heißt das Feuilleton.

Wie das Feuilleton in bürgerlichen Blättern redigiert wird, das ist unglaublich. Auch in politisch gut gemachten Blättern: unter dem Strich macht sich sentimentale oder gehässige Geschwätzigkeit breit, wird die gute Kunst totgeschwiegen und der Kitsch verherrlicht. – S. M. der Abonnent will es! –

Das geht weit bis nach links: das Berliner Tageblatt hat da viel auf dem Gewissen. Ist es ein Wunder, wenn die Empfänglichkeit der Masse für wahre Kunst heruntergedrückt wird durch das ewige Hinweisen auf den alleinseligmachenden Kitsch? –

Die Wochenschriften Scherls haben die zahlenden Dichter gezüchtet.

Nicht einen Namen werde ich hier nennen, denn das schmeichelte ihnen – kritisch, mit Proben, gegen sie zu wüten ... nein!

Aber alle warnen, die nächstens hineinfallen werden, und rufen: Finger weg! – das ist die Aufgabe.

 

 

K.T.

Vorwärts, 15.11.1911, Nr. 268.





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