Ausgezeichnete Leute


In französischen Zeitungen wird grade erörtert, ob es nunmehr nicht an der Zeit sei, den Deutschen, die das Bändchen der Ehrenlegion besessen, das durch den Krieg davongewehte wieder zurückzugeben. Wenn ein Fremder die Ehrenlegion bekommt, denkt man: Das muß schon jemand sein. Wir erfahren zu unserer freudigen Überraschung, dass die Kunstschriftsteller Fulda und Lothar unter den ausgezeichneten Leuten waren. Fulda, sagt »Comoedia«, hat zwar das Manifest der 93 unterzeichnet, aber das mache nichts; ein bißchen besoffen waren wir damals alle. Was Lotharn anbetreffe, so habe er sich um die französische Dramatik recht verdient gemacht. Hat er.

Wem die Franzosen ihre Auszeichnungen verleihen, das ist ihre Sache. Was geschieht, wenn die beiden Künstler ihren Orden wieder zurückbekommen: wie da Eitelkeit und nationale Rücksicht auf die Kundschaft miteinander kämpfen werden, wie plötzlich die deutsche Verfassung (das gibts) auftauchen wird, die das Tragen von fremdländischen Orden bzw. Ehrenzeichen verbietet ... denn wenn uns das in den Kram paßt, dann sind wir mächtig verfassungstreu. Aber da ist noch ein andres.

Die französische Auseinandersetzung läßt wieder einmal nachdenken, wie merkwürdig das Verhältnis des modernen Nationalstaats zu geistig schaffenden Menschen ist. Das hat mit den beiden da nichts zu tun – aber wir haben anmutige Gegenbeispiele bei uns zu Hause. Was soll man von einem Kultusminister halten, der bei Vorträgen und Kundgebungen in den feinsten Regionen von Philologie und Philosophie zu Hause ist und einem Unterhaltungsschriftsteller vierzehnten Grades ein Geburtstagslied singt, das ähnliche Manifestationen desselben Beamten völlig wertlos macht? Haben diese Leute kein Unterscheidungsvermögen? Doch – aber sie loben mit absoluter Instinktsicherheit den staatstreuen, den biedern, den anständigen, den staatserhaltenden Mann. Ein Patzer kann er sein.

Ich kann darob nicht weinen. Ich habe nur den einen Wunsch:

Der Staat, so, wie er heute ist, soll sich überhaupt nicht um uns kümmern. Er soll uns zufrieden lassen, seine Straßen beleuchten, die Gefängnisse reformieren und, wenn er ein übriges tun will, die Aborte der Deutschen Reichsbahn in einen menschlichen Zustand versetzen. Das sind seine Kulturaufgaben. Um den Rest kümmere er sich nicht. Es geht ja doch schief. Gehemmt durch Verständnislosigkeit, Bureauangst, Kastengeist und Ressentiments, greift er fast allemal daneben, und es ist grundfalsch, wenn jetzt in Deutschland von dem tapfern Arno Holz und andern geglaubt wird, eine »Deutsche Akademie« oder sonst ein staatliches Institut könnten irgend etwas bessern. Man kann die Maden ein bißchen umlegen – es bleibt immer ein fauler Käse.

Inzwischen werden der Hofpornograph Lothar und Fulda, »der Seiltänzer auf dem Parkett«, ihre Knopflöcher ausbürsten, weil man nie wissen kann. Ritter der Ehrenlegion? Sie können mit dem französischen Spießer sagen, was der zu sagen pflegt, wenn er sie bekommt: »Et vous savez – je n'ai rien fait pour cela!« Neugebackne arme Ritter.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 02.11.1926, Nr. 44, S. 712.





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