Max Hölz, ›Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne‹


Diese staatlich approbierte Kriminalität kommt rein zum Ausdruck in dem Buch Max Hölzens ›Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne‹ (im verdienstvollen Malik-Verlag zu Berlin erschienen). Ein Zeitdokument ersten Ranges.

Das Buch ist anständig geschrieben, worauf es gar nicht ankommt; eine demokratische Zeitung gab dem ›Stil‹ Hölzens eine Note zwischen kaum genügend und schon mangelhaft, und es ist ja sicher, dass Furtwängler besser dirigiert als Hölz schreibt – »es geht eben nichts über die gedieschene Kultur in einem guten jüdischen Bürscherhaus –«. Wir aber wollen etwas von der Zeit erfahren, in der wir leben, vor allem: von dem Land, in dem wir leben. Und das sagt uns Hölz.

Dem kriegsgetrauten Husaren mit Braut (auf der Rückseite des Bildes die taktisch geschickte Reproduktion einer Seite aus seinem Militärpaß) sieht man nicht an, dass dieser brave Soldat einmal die preußische Justiz durcheinander bringen würde. Seine revolutionären Taten wird er heute wahrscheinlich selber unter einem andern Lichte sehen; diese aufflackernden Aufstände konnten keine Revolution sein, weil die geistigen Vorbedingungen fehlten, die wirtschaftlichen waren fast überall vorhanden, doch die genügen eben nicht. Was Hölz aber da gemacht hat, war tapfer und anständig, mehr: es kam aus dem Herzen. An keiner Stelle hat man das Gefühl wie etwa bei der Lektüre von Generalsmemoiren: »Und du –?« Der Mann hat im Bürgerkrieg sein Leben riskiert.

Mehr noch nachher. Ich halte seine Verteidigungsrede vor Gericht, die keine gewesen ist, sondern eine der schärfsten Anklagen gegen diesen Staat und seine Justiz, für ein Meisterstück an Mut, an Charakter, an Temperament, an Mannhaftigkeit. Hölz hat um seinen Kopf gespielt: er konnte ja nicht wissen, ob sie ihn nicht hopp nehmen würden – er hat sie ausgelacht. Der Vorsitzende, der damals seinen Kopf verlor und in einem murksigen Wutanfall kläglich vor Hölz zusammenbrach – der hat den Prozeß verloren, seine Klasse hat ihn verloren. Hölz hat ihn gewonnen.

Er hat es bitter gebüßt. Ich werde auf die Einzelheiten dieses Buches noch einmal zurückkommen – so leicht wollen wir es dem Strafvollzug nicht machen. Was da dem Staat mit Peitschenhieben ins Gesicht geschrieben wird, ist nicht mit der Ankündigung von »Reformen für einen humanen Strafvollzug« gutzumachen; hier muß noch etwas andres geschehen. Ich habe mich geschämt, ein Deutscher zu sein, als ich das gelesen habe –: wie! ein paar Meilen vom Parlament, von der Wilhelmstraße, von den Premieren der feinen Leute, die vor Kultur bald zerplatzen, darf sich das abspielen!? Das? Eine solche klare sadistische Quälerei von Wehrlosen durch das unterkietigste Gesindel der Welt? Und schuld sind nicht etwa nur diese kleinen, schlechtbezahlten Wachtmeister mit dem gestörten Triebleben; schuld sind in weit größerem Ausmaß die ›Kontrollorgane‹, die Direktoren, die Geistlichen und vor allem: die Ärzte. Wo sind eure Standeskammern? Wo eure Standesehre? Wo euer feierliches Getue, das ihr vor Kurpfuschern, also vor der Konkurrenz, aufführt – hier, hier solltet ihr euch die Kollegen langen und sie verhören und ausfragen und konfrontieren und aus euerm Stande ausstoßen, den sie beflecken! Die Martern, die man Max Hölz zugefügt hat, die man seinen gefangenen Kameraden zugefügt hat und noch heute zufügt – sie schreien zum Himmel. Und dass Max Hölz diesen Schreiern seinen Mund geliehen hat –: das ist sein großes Verdienst. Welche Rolle spielt er heute in der Partei? Ich glaube: er stört.

Es ist übrigens nicht unsre Aufgabe, zu prüfen, ob Max Hölz ein ›großer Mann‹ ist – darauf kommt es gar nicht an. Er ist es nicht, und er will es gar nicht sein, und das ist eine traurige Geschichtsbetrachtung, die auf Aktschlüsse aus ist. (Euer Bülow war ja wohl ein großer Mann ... ) Und traurig genug, wenn sich ein Arbeiter seine Bildung stückweis nachts stehlen muß; wenn ihr ihn halb, viertel, ein achtel gebildet herumlaufen laßt. Was Hölz ist, ist er trotz der ›Ordnung‹, in der er lebt, geworden. Seine Leiden aber gehen restlos auf ihr Konto.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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