Im Ruhestand


In jedem Lande Europas leben viele hundert brav-bürgerliche Männer, die bekommen eine Pension und verdienen sich auch noch ein bißchen dazu, als reputierliche Leute. Das sind die ehemaligen Machthaber.

So ein Mensch war Unteroffizier oder Gefängnisdirektor oder Vorsteher eines Arbeitshauses oder Bataillonskommandeur ... zwanzig, dreißig Jahre lang. In dieser Zeit hat er Menschen beherrscht und Menschen gequält, war es wichtig, ob er guter Laune war oder schlechter, wurde er gefürchtet und gehaßt; in dieser Zeit durfte er – etwa in Nordafrika – Männer zwingen, ihren eignen Urin zu trinken, und Menschen zu Tode quälen, die – etwa in Mitteleuropa – das Unglück hatten, in Untersuchungshaft zu kommen. In dieser Zeit fuhren seine Fäuste Wehrlosen an die Nase, traten seine Stiefel uniformierte Hintern, wurden Menschen in dunkle Keller gesperrt, wo sie tagelang heulten oder in Stumpfsinn verfielen, taumelnd wankten sie hinterher ans Licht. In dieser Zeit war er der Herr und tat seine Pflicht, immerzu seine Pflicht, stramm nach dem Dienstreglement.

Das ist nun vorbei – jetzt sind die Leute seiner Jahresklasse pensioniert.

Sie begießen morgens ihre Blumen, sie geben ihrem Kanarienvogel Futter, sie gehen am Vormittag kleinen Geschäften nach, arbeiten, machen sich nützlich, oder, wenn es Offiziere sind, die von der deutschen Republik ihr Ruhegehalt bekommen, spekulieren sie damit, und die Gemahlin wacht peinlich darüber, dass auch ja der letzte Pfennig aus dem Staat herausgepreßt wird; abends kleben sie Briefmarken in ein Album oder gehen früh ins Bett. Manchmal denken sie noch an die alte Zeit.

Wenn sie ehemalige Kollegen oder Kameraden oder Komplicen treffen, dann unterhalten sie sich wohl über den alten Dienststunk, und darüber, was aus diesem Vorgesetzten geworden ist und aus jenem Untergebenen, und dass doch heutzutage die Reglements und die Dienstauffassung und die Arbeit ihrer Nachfolger nicht mehr viel taugten ...

Daß sie Menschen gequält haben, ist fast vergessen. Das gehörte dazu.

Es ist aber auch von den Gequälten vergessen. Wie rasch ... Und wie selten ist doch, dass einer jahrelang seinen Peiniger sucht, ihn zu finden weiß und ihm ein Mal, das eine ersehnte Mal vergilt, was der Bursche an ihm verübt hat, als er noch die Macht hatte ... Nein, das tun Menschen selten. Viel zu selten.

Die Unteroffiziere Europas können ruhig sein – ein stiller Lebensabend ist ihnen in allen Graden gesichert. Das Blut ist abgewaschen, die Schreie sind verhallt, die Beulen abgeschwollen, die Opfer stumm. Und sie werden ins Himmelreich eingehen, die Herren Unteroffiziere, im Glanz ihrer Lumpenhaftigkeit, reputierlich, gutbürgerlich, zufrieden mit sich und ihrem Werk, mit der Umwelt und der schweren Verantwortung, die sie einst zu tragen hatten. Vertraue nur auf Gottes Mühlen. Er wird dir was mahlen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 03.11.1925, Nr. 44, S. 699.





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