Idyll an der Leine


Ich weiß: es ist nicht recht. Der Mann ist tot, und die Frau hats so gut gemeint ... Aber ich kann es mir nicht verkneifen, es zuckt in allen Lachmuskeln, und so möchte ich mir denn den Scherz erlauben, »welchem eine Stelle zu gönnen in diesem durchweg zweideutigen Leben kaum irgendein Blatt zu ernsthaft seyn kann«. Es handelt sich um die Erinnerungen an Hermann Löns.

Kein Wort über den Mann. Er hat im Krieg einen Tod gefunden, den er vielleicht gesucht hat – der Klingklang seiner Verschen tönte im Unterstand wider, und sein großer Erfolg: der ›Werwolf‹ ist genau so unangenehm wie dessen Bewunderer: Sadismus mit ethischem Gesamtziel. Gut. Aber die Erinnerungsbändchen ...

Es gibt zwei. Löns hat allerhand Frauengeschichten gehabt, die uns nichts angehen – und da ist zunächst ›die Swaantje‹, eine Romanfigur gewordene Romanfigur, die da ihre Erinnerungen hintergelassen hat. Das ist so recht jene Mischung von Blondhaar, wehenden Zweigen, blauen Stunden, Hermanns Bett und Buchenstämmen – und von einer Seelenqual, die in alle Winde zerstiebt, wenn man einmal das Waldweben mit seinem richtigen Namen benennt. Uterus vobiscum.

Das breite Bändchen aber stammt von der ersten Frau – ›Meine Erinnerungen an Hermann Löns‹ von Elisabeth Löns-Erbeck (bei Gebrüder Lensing in Dortmund) –, und wenns nicht also gedruckt in der Öffentlichkeit vorläge, wagte ich niemals, auch nur daran zu rühren.

Man denke sich eine Atmosphäre von: mittlerer Provinzstadt, dem Briefkasten der ›Berliner Morgenpost‹ (eine Sonntagslektüre, die jedermann herzlich zu empfehlen ist), Muschelsalon, roten Samtstühlen und 1893 ... »Die Herren radelten« und »Ich schilderte ihm begeistert ein herrliches gotisches Prunkbört mit dazugehörigem Schranke ... « Löns heißt erst Löns – aber als der Segen herniedergeprasselt ist, da heißt er nur noch ›meinmann-meinmann‹, was man immer in einem Wort schreiben sollte. (Ich höre, dass es solche Frauen geben soll, die das sagen.) Wer kann zum Beispiel dies erfinden –?

»Als wir dann in kleinem Familienkreise bei fröhlichem Mahl saßen, gab mein Mann mir einen langen Musquetairhandschuh und sagte: ›Bei unserm ersten Begegnen verlorst du diesen Handschuh; ich kam zurück und hob ihn auf; seitdem trage ich ihn bei mir, um ihn dir an unserm Hochzeitstage zurückzugeben. Das geschieht hiermit.‹« Ein Parademarsch der Liebe.

Aber nicht nur ›meinmannmeinmann‹ spielt eine rührend-peinlich-komische Rolle in diesem absonderlichen Heft – es gibt auch andre deutsche Gestalten. Da ist etwa ein Verleger – was der einmal sagt, ist derartig echt, von einer so treffenden Lebenswahrheit ... die ganze Film–, Zeitungs–, Buchbranche spricht aus ihm. Der Verleger hatte zufällig ein Gedicht Rilkes gesehen, nämlich ›Klage‹:

Alle Mädchen erwarten wen,

wenn die Bäume in Blüte stehn;

wir müssen immer nähn und nähn,

bis uns die Augen brennen.

Und mit diesem Gedicht in der schwieligen Verlegerfaust trat er vor den ahnungslosen Löns und sprach die unsterblichen Worte:

»So was müßten wir auch mal haben!«

So, genau so, sieht der Kaufmann mit dem künstlerischen flair aus.

Und wenn man sich durch das Bändchen durchgelacht hat, durch Schilderungen von Schützenfestbummeln und Kellnerinnen, aber alles mit sittlichem Maß und Ernst und Zielstrebigkeit ... dann bleibt ein Wort haften, das man nie mehr vergißt. Es gibt einen, der solche Sätze erfinden kann, das ist Georg Hermann, aber er möge mirs verzeihen: dieses hier ist nicht zu übertreffen. Hier ist es:

»Im ersten Jahr unsrer Ehe erkrankte ich schwer und mußte lange, bange Wochen liegen. Ich war aufgefordert, einen Vortragsabend in Pyrmont abzuhalten, und wir waren grade fertig zur Abreise, als ich zusammenbrach. Als ich das Bewußtsein verlor, hörte ich noch Hermanns Aufschrei: ›Sie stirbt, ich laufe zum Doktor!‹, aber da hatte meine sonst so sanfte, stille Mutter mit festem Griff seine Hand gefaßt, ihn vor mein Lager geschoben und gesagt:

›Wenn deine Frau stirbt, bleibst du bei ihr!‹«

Das ist ein Satz fürs Leben, er hat allgemeine Gültigkeit, und so sei er auf das freundlichste dir, guter Leser, mit den besten Wünschen für die Zukunft eingeprägt.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 09.11.1926, Nr. 45, S. 732.





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