Grammophonplatten


Mit allen meinen Buntstiften lese ich, was uns Hans Reimann hier an Platten empfiehlt, und vieles kaufe ich davon. Und dann muß ich mich wundern. Nicht über Reimannen, – nein, über ganz etwas andres.

Die ungeheure Komik an diesen Platten steckt darin, dass jeder eine Lieblingsnummer hat, die fast niemals auf andre zu übertragen ist. »Also das müssen Sie sich kaufen –!« Gehst hin, kaufst. Drehst auf, spielst.

Mirjam, mein Leben, mein Kind, schlaf ein ... wie fern Menschen doch voneinander sind. – Was hat jener nur mit dieser Platte? Ein langsames Gebember, schrille Frauenstimmen – nehmen Sies mir auch nicht übel ... Der andre, tief beleidigt, ab. Altenberg: »Jeder versteht nur seine eigene Poesie.«

Man muß wohl selber die Platten kaufen, was ja bekanntlich kein Vergnügen ist. Aber man muß. Und so habe ich langsam herausgefunden, was mir frommt.

Es ist vor allem der Rhythmus, der mich musikalischen Hornochsen reizt – wenn er so erbarmungslos abschnurrt, das ist schön, und da habe ich einen großen Kollegen bei der Zunft, das ist Strawinsky. »Dies Orchester«, soll er einmal gesagt haben, »ist sehr gut; es läuft wie eine Nähmaschine.« Komm an mein Herz! Da ist, zum Beispiel, in Jonnys Triumphlied bei Krenek ein Mittelteil; wie da ein nach Saxophon schmeckendes Cello über dem Plam-Plam singend schwebt, das ist, um in den Apparat zu kriechen. Die Bläser sind eine Kleinigkeit zu laut. (Wahrscheinlich sind sie nicht bei jenem Kapellmeister in die Schule gegangen, der auf jeder Probe bat und flehte: »Leiser! leiser die Bläser! Mein Gott! Noch leiser! Noch viel leiser!« Und da haben sie denn auf der Generalprobe überhaupt nicht mehr geblasen. Und da hat er gesagt: »Sehr gut, meine Herren. Nur ... morgen noch eine winzige Nuance leiser ... !«)

Ja, es ist der Rhythmus und das Piano, blau muß eine Platte sein, und ein Bariton muß sie singen, Cello und klagendes Saxophon – aber nur ja nicht die gelben Trompeten und die hellspitzen Damenschreie ... nichts wie raus.

Und was den »speed« angeht, die Umdrehungsgeschwindigkeit, so hat der Erfinder dieses Apparats zu Emil Ludwig etwas Wunderschönes gesagt, was mir gleich eingegangen ist. Der alte Edison sagte: »Wir stellen instinktiv den Apparat so, dass die Geschwindigkeit etwa dem Rhythmus unsres Herzschlags entspricht ... «, eine sonderbare und sehr einleuchtende Bemerkung. Der Herzschlag geht seinen Gang; aber die Neuerwerbungen mißbrauche ich, indem ich sie mir immerzu vortrudele. Das soll man nicht tun; nach dem vierundsechzigsten Mal macht sich eine leichte Abspannung bemerkbar.

Wenn Sie meine Lieblingsplatten hören, dann schlagen Sie die Beine über dem Kopf zusammen. Mir aber erfreuen sie das Herz, und wenn ich meine Lieblinge in der Literatur verarzten muß, dann stehe ich ab und zu auf, kurbele den Kasten an, und dann singen sie:

»A room with a view –«

plim – plam – und beruhigt kehre ich zurück zu den feinen Gedankengängen des Kulturdichters Binding oder zu andern Büchern, die wir liebhaben.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 20.08.1929, Nr. 34, S. 297.





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