Geldverdienen und Glücklichsein!


»Par le travail où l'on ne chante plus, se fait un grand oeuvre d'abêtissement humain.«

Pierre Hamp


Ernste Arbeit, das ist in Deutschland ein Pleonasmus, denn frohe Arbeit scheint es dortselbst nicht zu geben. Gegen Arbeitsfröhlichkeit hat der Deutsche ein tiefes Mißtrauen, und Johann, der muntere Seifensieder, wäre längst gekündigt, weil nach Ziffer 10 der Arbeitsordnung Deutscher Seifen-Großbetriebe beim Herstellen der Seife Pfeifen und Singen nicht statthaft ist. Die Amerikaner halten es damit anders.

Professor Julius Hirsch hat hier davor gewarnt, amerikanische Einrichtungen sinnlos auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, und sicherlich ists ja damit noch nicht getan, wenn auf der Tauentzienstraße Gummi gekaut wird. Immerhin verlohnt der Einblick in die angelsächsische Gefühlswelt (in die englische noch mehr als in die amerikanische) – und ein merkwürdiges Heft »Geldverdienen und Glücklichsein!« gibt uns die Möglichkeit, es zu tun. Man lasse sich durch die Umschlagszeichnung nicht abschrecken. Herbert N. Casson heißt der Verfasser, man sieht ihn vorn im Buch, bebrillt und ein bißchen sonntagsschullehrerhaft. Was will der Mann –?

Das kleine Buch (im Verlag Ernst Angel zu Berlin erschienen) spricht von der Arbeit, und zwar hauptsächlich von der Arbeit des Angestellten. »Das Beste, was von unserer Erziehung gesagt werden kann, ist: dass ihre Bemühungen scheitern.« Der Verfasser, ein Kanadier, will auf das Jungenhafte im Mann zurück und begründet das so: »Die so hoch gepriesene Erfahrung der Erwachsenen besteht größtenteils darin, zu wissen, was nicht getan werden kann. Unsere zehn Gebote beginnen: Du sollst nicht! Aber das Gebot des Jungen lautet: Du kannst!« (Ängstlicher Augenaufschlag Peter Panters nach oben, in den politischen Teil.)

Um beim Geschäft zu bleiben: Casson will den Spiel- und Sporttrieb des Mannes wecken und ausgebildet wissen. Er hat sehr gut erkannt, dass der Mann im Gegensatz zur Frau seine Arbeit niemals ganz und gar ernst nimmt, das heißt, wenn er ein richtiger Mann, also ein Stück Faulpelz ist. Und Casson zählt alle kleinen Mittel auf, mit denen man einen Mann nicht nur zur Arbeit heranbekommt, sondern ihn mit einer Art geistigen Taylor-Systems steigert und steigert. Nicht kindisch: kindlich sollen wir bleiben. Und mit diesem Jungenshumor geht nun Casson daran, seine Geschäftsgrundsätze zu entwickeln. Nach einer himmlischen Sporttabelle, in der die verschiedenen Völker eines aufs Dach bekommen, für die Art, in der sie Sport machen: die Amerikaner technisch, die Franzosen tenorhaft, die Deutschen überorganisiert, anstatt eben einfach zu spielen – zeigt Casson an einem Beispiel, wie er es meint. Er spricht von einem Tauziehen in Quebec. »Acht Mannschaften verschiedener Nationalitäten waren da, und die leichteste Mannschaft gewann. Sie kam von einem britischen Kriegsschiff, das im Hafen vor Anker lag. Diese britische Mannschaft wurde auf das Kommandowort zu einer einzigen Kraft – sie zog, als wäre sie ein Tier mit vielen Beinen. Zwischen den verschiedenen Zügen rieb der Kapitän ihre Hände mit Harz ein, gab jedem Mann ein Stück Zucker und ermunterte sie mit lobenden Worten. Die französische Mannschaft war viel schwerer, aber jeder Mann zog nach eigenem Ermessen. Sie wühlten die Erde auf und verbrannten ihre ganze Energie – aber sie zogen nicht gleichzeitig. Auch die amerikanische Mannschaft war schwerer, aber jeder einzelne hatte über das Ziehen seine eigenen Ideen. Die schwache britische Mannschaft zog sie Zug bei Zug über die Linie. Nicht Kraft brachte das zuwege: es waren Harz, Zucker, Lob und Zusammenspiel.«

Das ist, in einer Anekdote, der Inhalt des kleinen Buches. Der amerikanische Geschäftsgrundsatz vom »Dienst am Kunden« ist hier straff entwickelt – Europa sollte lernen, es kennt ihn kaum. (Paris, beiläufig gesagt, ebensowenig wie Berlin. Man ist sehr liebenswürdig in Paris, aber der Gedanke, dem Kunden unpersönlich-sachlich leichtzumachen, hat sich hier noch nicht herumgesprochen.) Cassons Buch wäre unsern Kaufleuten sehr zu empfehlen. Was sie nach der Lektüre sagen werden, weiß ich schon. »Ja, aber bei uns ... da geht das nicht!« Es geht auch bei uns; es wird gehen müssen, will das Land nicht zurückbleiben.

Das Buch scheint mir aber noch aus einem andern Grunde außerordentlich lehrreich, und zwar wegen seines Stils. Der ist wohltuend wie ein frisches Bad, weil er so angenehm einfach ist. Da jeder Stil die Quittung der vorangegangenen Denkoperationen ist, so zeigt sich hier, welch klar denkendes und sauber funktionierendes Gehirn Herr Casson sein eigen nennt. Welche Wohltat! Das Vorwort scheint als Gegenbeispiel hingesetzt zu sein. Es ist zwar klug und stellt dem westlichen Unternehmeroptimismus den östlichen des Bolschewismus treffend gegenüber ... Aber wie ächzt und knarrt der Stil, über den kein Wort zu verlieren wäre, wenn nicht fast alle so schrieben! »Alle diese Eigenschaften sind christliche Postulate, es sind aber auch sportliche Qualitäten, und wir sehen staunend, wie das modernste Geschäft in dieser Phase unversehens christlich und sportlich zugleich wird ... « Und nun sag noch: »Angelegenheit« und »Einstellung«, richtig, er sagts – und da ist jener falsch-verwickelte Stil, mit der Wassersucht an Fremdwörtern, wie wir ihn aus den meisten deutschen Zeitschriften kennen, der Stil mit den falsch-geistreichen Sprüngen, mit der falschen Nachlässigkeit und der falschen Wissenschaft, der Stil, wie er heute jedem halbwegs Halbgebildeten glatt aus der Schreibmaschine geht. Da, wo diese Schriftsteller an einem Bandwurm würgen, erzählt der Amerikaner eine Geschichte. Zum Beispiel die, wie man nicht Propaganda machen soll, wenn ein Bestattungsinstitut um einen Annoncentext bittet. »Ich schlug vor, als Schlagwort für die Anzeige zu wählen:

Einmal muß es doch sein – warum nicht gleich?«

Und Casson fügt leicht melancholisch hinzu: »Aber der Unternehmer wollte nicht recht zustimmen ... «

Natürlich ist Cassons Buch eins von Hunderten, und ich kann mir gut denken, dass einem die stete Wiederholung dieser »Alltags- und Straßenweisheit« auf die Dauer zum Halse herauswächst, so, wie man sicherlich als Fremder drüben das stereotype Lächeln der Lebensfreude nicht mehr sehen mag, das im Kino und auf Bildern Vorschrift ist. Ich weiß auch, dass die hier verbreiteten Gedanken theoretisch nicht gerade fest verankert sind und dass das erste Kapitel über »Harmonische Persönlichkeit« lieber nicht dastehen sollte ... aber es ist so viel Kraft in dem Heft, so viel Praxis und das Wirken so vieler Generationen. So erscheint mir besonders jene Stelle, die dem modernen Literaten seine überschätzte Rolle als »Denker« abspricht, sehr beachtlich.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Aber ich bin ganz sicher, dass diese Art von Literatur die unsere beeinflussen wird, und sicherlich zu ihren Gunsten. Meine Generation hat Französisch fast immer im Hauptfach, und Englisch nur gelernt, wenn sie es wollte. So sieht auch ihr Stil aus. Wir haben noch heute Leitartikler, die so schreiben, wie man sich im Jahre 1890 in Posen den französischen Stil vorstellte. Ich glaube, man nennt das »elegant« und »silbrig«. Hier ist ein neuer Stil, einer, der gutes Deutsch befruchten kann, und vielleicht befreit er es von jener Aufgeblasenheit, von der es heute befallen ist.

So sei das Cassonsche Heftchen allen denen empfohlen, die dem »Krampf des Berufs« verfallen sind.

Es ist eine gute Abmagerungskur für überflüssiges Hochmutsfett.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 12.02.1926, Nr. 37, S. 1.





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