›Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring‹


Nun ist es spät, der Wind saust um das Haus, und obgleich ich nicht schwedisch kann, verstehe ich ihn ganz gut. Immer noch besser als das, was zur Zeit als Lyrik ausgeschrien wird – wer will denn das lesen! Große Generalausnahme, die nicht vom Nachttisch herunterkommt, die da wohnt, in der ich mich abends betrinke, eine ganze Bar voller Lyrik:

›Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring‹ (erschienen bei S. Fischer in Berlin). 252 Seiten – mir viel zu dünn.

 

Der Weg ist weit – wir haben Zeit

und:

Hallélujah! Wir Kinder der Chausseen

und:

Und eh wir unters Joch den Nacken biegen

Und eh sie uns zu einer Arbeit kriegen:

Da fressen wir gestoßenen Paprika

Hallélujah! Hallélujah!

 

Man sieht schon aus diesem Beispiel: das hat mit Naturalismus nichts zu tun. So spricht kein Tippelkunde – aber es ist, sagen wir mal, die platonische Idee des Tippelkunden ... Mehring, lach nicht! Wie soll ich den Leuten erklären, wie zauberhaft das alles ist! Laß mich mal blättern.

Im ›Ketzerbrevier‹ herrlich gereimte Lieder, von einem in Deutschland fast nie gesehnen Wortreichtum, und diese Worte fliegen dem nur so zu; dann die Lieder von der großen Stadt – da hat er übrigens etwas Schönes angerichtet. W. M. ist nämlich nicht nachzuahmen, wird aber dauernd kopiert, etwas ganz und gar Grausliches. Es gibt wohl kein modernes Cabaret mehr, das auf sich hält, wo nicht in abgehackten Rhythmen, zerfetzt, die Strasse schreit – der moderne Rhythmus der Zeit ... na, es ist ganz furchtbar. Aber bei Mehring ist es neu und erstmalig und Ausdruck eines Kunstwillens. In den ›Music-Hall-Balladen‹ das wie von Grosz gezeichnete ›Oberammergau‹, wohl die blutigste Satire, die je auf den wilden Vulksstamm der Bayern geschrieben worden ist, mit einer falschen Treuherzigkeit, mit der vollen Entlarvung dieses Betriebes ... das ist eine Pracht. Und in den ›Legenden‹ überirdisch schöne Lieder. Unfaßbar die Technik, wie der Refrain an die Vorstrophe herangeflogen kommt – vom Himmel hoch, da kommt er her ...

 

Karin

trägt zwei rote Schuhe,

Karin

träumt von einem Kuß –

 

und dann die ›Schaubude‹, eine Köstlichkeit, die man auch ohne die Musik Hollaenders tief in sich eingehen läßt. Die ›Schafherde‹ hingegen ... ja, warum wird das alles nicht gesungen? Warum nicht noch einmal und immer wieder ›Die Kälte‹, ich kenne allerdings niemand, der es so sagen könnte, wie ich es höre; und wer ›Charité‹ sprechen kann, der muß wohl erst noch geboren werden. Ich habe vorher nie gewußt, dass es eine berlinische Trauer gibt. Aber es gibt eine. Warum nicht ›Wiegenlied‹? Mit diesen spiralförmig angedrehten Versen:

 

Es liegt eine Leiche im Landwehrkanal,

Fischerin du kleine –,

 

aber wer kann mit diesen bunt kolorierten Zeilen tragisch wirken? Wer? Paule Graetz hats einmal in ›Heimat Berlin‹ getroffen, dem berlinischsten Gedicht, das mir bekannt ist:

 

Denn wer nu mal mit Spree jetooft,

Durch alle Länder Weje looft,

Der fährt

immer mal wieder

Mit der Hand übern Alexanderplatz –

 

Das ist Berlin. Ob die pariser Chansons Paris sind, kann ich nicht beurteilen. Ich sehe Paris so völlig anders, dass wir in diesem Punkt, wie Karl Valentin sagt, »eine andre Weltanschauung haben« – diese Lieder sind mir nicht eingegangen. Aber die andern, aber die andern: warum führt das keiner auf?

»Sein Se witzig.« Weil die Cabarets von dem merkwürdigen Ehrgeiz gepackt sind, aggressiv sein zu wollen, ohne anzustoßen; und weil das Publikum das angeblich nicht will; und vor allem, weil keine Leute da sind, die das sprechen können. Ihr habt das Publikum nicht nur auf diese fatalen Poängten dressiert – ihr habt es auch verdorben. Da kommt irgend so eine bleichgesichtige Nutte heraus und drängt sich, uninteressant wie sie ist, zwischen Text und Hörer; da benutzt Herr Schauspieler Krachke den Text als Sprungbrett, um aufzufallen – er soll gar nicht auffallen, er soll erst einmal verstehen, was er singt, fühlen, was er bringt, begreifen, was da steht ... keine Ahnung. »An der Stelle werde ich niesen – passen Sie mal auf: das wirkt.« Sicher: zum Abführen. Wenn aber Granowski so ein Ding wie die ›Jiddische Schweiz‹ in die Finger kriegte – ist denn das so schwer? Liegt nicht alles klar zu Tage? Ein richtiger berliner Junge hätte die Vorstrophe zu singen, mit sonen eingebeulten Hut:

 

Sonntachs mitm neien Schlipps,

Jehn wa an de Ecke ›Jipps‹

und

Juhn abend allerseits! –

Draußen schneits!

 

Und dann, aus dem Hintergrund vortobend, drei total irrsinnig gewordene Judenjungens, die den Berliner spottend umgrölen:

 

As de Levone

De treifne Melone

Schaint in de jiddische Schweiz!

 

Und das dreimal, mit allen Varianten, mit einem vokalreich klagenden Chor, und ihr sollt mal sehen –.

Ich verliere mich. Wir haben kaum Ansätze zu einem Cabaret. Mehring steht im Buch – diese große Begabung verbleibt im Buch und auf dem Papier, wo in Deutschland alles steht. Grund genug, diese besten Chansons, die nicht von Kipling sind und nicht von Villon und nicht von Herrn Lax ... Grund genug, diese Chansons doppelt zu lieben.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 18.06.1929, Nr. 25, S. 935.





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