Arthur Garfield Hays,
›Laßt Freiheitsglocken läuten!‹


Da ist ein Landsmann von ihm, der so ähnlich heißt, schon ein andrer Kerl. Das ist Arthur Garfield Hays. ›Laßt Freiheitsglocken läuten!‹ (erschienen bei Grethlein & Co., Leipzig). »Zeitbilder aus dem heutigen Amerika« nennt er das Buch.

Walther von Hollander hat hier neulich rechtens auf den sonderbaren Zwiespalt hingewiesen, der im Amerikaner steckt: einerseits unbeschwerter Mut in der Aufzeigung von Mißständen – andrerseits eine Reaktion, die in ihrer Unbekümmertheit und ihrer Ungeistigkeit an alles heranreicht, was wir auf diesem Gebiet in Jurop produzieren. Der Rechtsanwalt Hays illustriert: Freiheit des Unterrichts – Freiheit der Rede und der Versammlung – Freiheit der Presse – Freiheit des Wohnsitzes (die Neger!) – Freiheit der Bühne – Freiheit der Meinung – und man darf sagen: alle diese Freiheiten gibt es, wenn es darauf ankommt, drüben auch nicht. Eine derart brutale Unterdrückung von allem, was aus der Norm fällt, eine widerliche Mischung von arrogantestem Preußentum und wildestem Wildwest-Geknalle, und das noch verbrämt mit der milchigen Tugendhaftigkeit jener Karikaturen von Pastoren, wie sie sie drüben ziehn: es ist bitter. Hays schreibt an einer Stelle: »Die Polizei ging mit größter Brutalität vor. Tränengas, Feuerspritzen, Flinten und Knüttel wurden angewendet, um eine Art Ordnung aufrechtzuerhalten.« Diese ›Art Ordnung‹ beherrscht alle Gemüter – natürlich auch die deutschen, die nichts so außer Fassung bringt, wie wenn diese ›Ordnung‹ auch nur äußerlich gestört wird. Schande auf Schande: wie Amerika politische Flüchtlinge nur wegen ihrer Gesinnung ausliefert: zum Beispiel Italiener an die Faschisten; wie gemein sich die Regierung gegen die Protestler im Fall Sacco-Vanzetti benommen hat, und es sind nicht einmal sehr viel gewesen ... Das Ganze ist höchst bunt und mit grimmigem Humor erzählt. Zu Ende formuliert ist so eine Schilderung der Geschworenen im Justizmord Sacco und Vanzetti: »Man stelle sich eine gelangweilte Jury aus Geschäftsleuten des Mittelstandes vor, die einer langen Reihe von farblosen und unsichern Zeugen zugehört hat und nun plötzlich durch den schmetternden Ton des Patriotismus unliebsam zur Aufmerksamkeit gerufen wird.« Das geht auf den Ankläger, Herrn Katzmann, der weniger die Schuldfrage als den Patriotismus der beiden Italiener prüfte. Sie fielen durch; er hat Karriere gemacht. Bei dieser Gelegenheit: das kleine Kapitel, das Hays hier über Sacco und Vanzetti schreibt, scheint mir wirksamer zu sein als der dicke Roman Upton Sinclairs, dessen Reinheit der Gesinnung leider in keinem rechten Verhältnis zu seinem künstlerischen Können steht. Da hat er nun das ganze Material über den Prozeß höchst fleißig durchstudiert – wie kann sich der Dichter so einen Zug entgehen lassen: »Um elf Uhr vierundzwanzig nachts, nachdem sogar schon die Hosen der Verurteilten zur Durchführung der Elektroden aufgeschlitzt worden waren, kam ein Aufschub bis zum 22. August.«

Das Werk von Hays ist ein lehrreiches Buch.

Amerika ist bei uns viel zu hoch im Kurs notiert; warum kriechen wir eigentlich vor diesen Brüdern? Kennt ihr den unverschämten Fragebogen, den die amerikanischen Konsulate den Auswanderern und Reisenden vorlegen? Laßt euch so einen geben – ihr werdet eure Freude haben.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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