Franz Hessel, ›Nachfeier‹


Zurück zum alten Kontinent. Und gleich dahin, wo es am europäischsten zugeht – so deutsch! Aber nett. ›Nachfeier‹ von Franz Hessel (erschienen bei Ernst Rowohlt zu Berlin). Dieser Hessel ist kein ganz einfacher Fall.

Zunächst einmal: er ist ein Dichter. So etwas ist eben graden Wegs im Azur gepflückt: » ... deutlich die Erinnerung an ein langvergangenes Jugendabenteuer mit den beiden, der Spannsehnigen und der Fruchtfleischigen, die neben und über mir auf Kissen lagen wie die Göttinnen auf Wolken eines gemalten Plafonds und über mich weg ihre Affären besprachen, als wär ich gar nicht da, um sich dann wieder mit verschlafenen Händen meiner zu erinnern.« Dieser letzte Infinitiv klingt nach wie ein leises Violinenthema ... Im übrigen steht Hessel – ja, da steht er: »Da ist dieser Sonntagvormittag auf der Potsdamer Brücke, wohl gemerkt auf der kleinen, dem stilleren der beiden Brückenbögen, über den nicht die Bahn, nur Wagen gehn.« Da ist er ganz. Nein, noch nicht ganz. Es ist eine Art Mannesschwäche in diesem Mann, etwas fast Weibliches (nicht: Weibisches) – schon in dem reizenden Bändchen ›Teigwaren leicht gefärbt‹ sind Stellen, die fast von einer Frau geschrieben sein könnten – es ist etwas Lebensuntüchtiges, oh, wie soll ich dies Wort hinmalen, damit es nicht nach Bart und Hornbrille schmeckt? Und das weiß Hessel. Und weil er klug ist, macht er aus der Not eine Tugend und spielt, ein wenig kokett, den Lebensuntüchtigen: Ich bin nämlich ein stiller, bescheidener Dichter ... Das ist nicht unangenehm, nur ein wenig monoton – trotz des großen Könnens, des wundervoll sauberen Stils, der bezaubernden eingestreuten Geschichten und Geschichtchen. So das Wort einer Französin: »Une femme, ça pleure comme ça pisse«. Oder das von dem sächsischen Maler, der gelassen das große Wort ausspricht: »Gott«, sagte der Sachse, »Gott. Bei uns in Sachsen glaubt keen verninftiger Mensch mehr an den lieben Gott.« Und so. Aber eben doch um die entscheidende Spur zu dünn.

In der herrlichen Schilderung von Paris, das Hessel so gut kennt, steht anläßlich einer leicht ironischen Schilderung von sozialistischen Demonstranten: »Dürfen wir urteilen über Menschen, die eine Sache, eine Fahne haben? Ist unsre Unbefangenheit, die vor einem Dutzend Jahren noch Recht und Freiheit war, jetzt nicht Schuld und Leere?« Ja, Franz Hessel – das ist sie. Schuld und Leere.

Es ist in diesem Buch etwas Grundsätzliches, etwas, das Beachtung über den Einzelfall hinaus verdient. Es ist ›der Kreis‹. Es ist die Zugehörigkeit zu jenen kleinen Cliquen, die nicht einmal Unheil anstiften, die oft viel Gutes und noch mehr Amüsantes tun – aber es ist doch eine große Überschätzung der kleinen Umwelt. Es sind jene, die von den Angehörigen des Kreises gern mit vollem Namen sprechen, um auszudrücken: »En voilà quelqu'un!« – »Franz Meckauer hat mir erst neulich gesagt ... « Der Fremde horcht auf. Sollte hier vielleicht eine Lücke in seiner Bildung sein? Wer ist Franz Meckauer? Niemand: irgendein Freund. Aber die tausend Assoziationen, die bei den Kreislern mitschwingen, sind überbetont; hier stimmt etwas nicht. Ich habe vor dem Kriege einmal in Berlin so einen Kreis gekannt; ein Mediziner stand im Mittelpunkt, und wenn man da hineintrat, dann umgab einen ein Brodem von Geistigkeit, von Hochmut, von Witz, von übersteigertem Selbstbewußtsein, von Inzucht ... und was sind sie alle geworden, die Herren des Kreises? Ach, du lieber Gott. Nein, so geht das nicht. Es ist ein buntes Philisterium, das dann entsteht, wenn so ein Kreis erstarrt. Und wenn nun einer von ihnen gar etwas wird: dann ist die ganze Gesellschaft auf die hohe Notierung, die das Mitglied bei den eben noch verachteten ›Bürgern‹ findet, so maßlos stolz, und die Duzfreundschaft mit dem Mann, der – man denke! – in den Zeitungen verhimmelt wird, wirkt sich herrlich aus ... Nein, nein – es ist nichts damit.

Hessel ist ein netter Mann – ich sage das nicht gegen ihn. Es bewirkt nur nichts, was sie da treiben. Hessel erscheint für die, die ihn zu kennen nicht die Freude haben, noch einmal in der Autobiographie einer ältern Dame: der Tochter eines englischen Pastors und einer österreichischen Turnlehrerin; das späte Mädchen schreibt unter dem Pseudonym Oscar A. H. Schmitz ... und hat auf diese Weise eines der buntesten Bilderbücher selbstgefälliger und aufgeweckter Dummheit geschrieben, das mir bekannt ist. Ein ewiger Primaner. Auch aus diesem Büchlein ist zu ersehen, dass Franz Hessel immer so gewesen ist – und wenigstens ehrlich.

Ja, das wärs. Dann liegt da noch in der Nachttischschublade eine kleine Schachtel, und in der schläft eine ganz alte, ganz verstaubte Gelatine-Kugel mit Rizinusöl, eine Bombe, die vergeblich wartet, dass sie einer abfeuert. Und zwei vergilbte Stecknadeln. Und ein Kalenderblatt. Und ein Heftchen mit frommen Sprüchen sogenannter Arbeiterdichter, darunter Karl Bröger, der nun glücklich bei der Bekämpfung des Schmachfriedens angelangt ist ... Pröhn. Pröhn.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 15.10.1929, Nr. 42, S. 593.





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