Das Feuilleton mit einem Knacks


»Man muß über alles schreiben können.«

Alter Journalistengrundsatz

 

In dem winzigen Berzeliipark zu Stockholm gurren die Tauben.

Ein ganzer Schwarm ist »dorthin zuständig«, wie die Österreicher sagen, deren Provinzialismen man auf Schritt und Tritt in den deutschen Zeitungen finden kann. Augenblicklich ist große Ratsversammlung auf einem grünen Rasenstück; es ist wie eine Börse – die ältern Tauben gehen umher und erzählen sich Witze, teilen sich die neusten Gerüchte mit und beurteilen die Weltlage; die Damen achten mehr auf das Futter, das man ihnen von den umstehenden Bänken zuwirft ... dann gibt es jedesmal ein großes Flügelschlagen, Zusammenballung und Freßkonkurrenz ... wer hat nur aufgebracht, dass Tauben sanft seien –? Richtig, die Bibel. Stimmt aber nicht – sie häkeln sich ununterbrochen, sind fuchtig aufeinander, futterneidisch, unverträglich und bösartig um der Bösartigkeit willen ...

Da geht zum Beispiel ein schwedischer Taubenmann immer hinter seiner Taube her, sie wackelt voran, kokett mit dem Steiß zwitschernd – er geschäftig hinterdrein; faßt er sie, dann hackt er; dann flieht sie, und er läßt nicht nach, er läßt nicht nach – das ist eine vergnügte Ehe. Zwei andere stehen da, schnäbeln sich, plötzlich bricht eine vehemente Diskussion zwischen ihnen aus, nun fangen auch sie das Laufen an, wie die beiden andern ... nein, sie sind gar nicht sanft und verträglich, die Tauben; sie –

Möchten Sie das eigentlich lesen –? Ich möchte das gar nicht mehr lesen.

Ich weiß doch von Tauben nichts; habe nie welche besessen, nie welche genau beobachtet; ich weiß nicht einmal die verschiedenen Rassen auseinanderzuhalten, geschweige denn kenne ich ihre Namen – ich weiß nicht, wie sich Wildtauben von den zahmen Tauben unterscheiden ... was erzähle ich da –?

Ich lüge um.

Ich mache die Tierwelt menschlich. Ich betrachte alles vom anthropozentrischen Standpunkt aus; sage »Ehe« – Tauben führen gar keine Ehe, es ist ganz anders. Woher will ich denn wissen, dass diese oder jene Bewegung der Vögel das ausdrückt, was sie mir zu sein scheint –? Das ist doch nur die simple Übertragung menschlicher Beziehungen auf Tiere – und die ist fast immer falsch. Tiere kann man nur vom Tier her verstehen. Warum tue ich das nicht –?

Weil ichs nicht kann. Weil mir die Kenntnisse fehlen. Weil ich von Tauben nichts weiß. Dann sollte ich auch nichts über Tauben aussagen – es ist eine Fälschung, ein Spiel, jeder kann das, der nur einigermaßen auf der Schreibmaschine Literaturklavier spielen kann. Witzchen hat er gemacht; über Tauben hat er nichts ausgesagt. »Es ist bei den Tieren wie ... « geschenkt. Man soll eben nicht über alles schreiben können und nicht über alles plaudern. Wer also soll von den Tauben sprechen –?

Der Taubenzüchter. Und der ist in den meisten Fällen ein Esel, wie jeder Fachmann.

Da liegt vor mir die Nummer einer Zeitschrift Der Sportfischer. Nun ist das ein etwas geschwollener Titel – die Leute wollen sich als Herrenreiter geben ... wir fischen nicht um der Nahrung willen, das brauchen wir Gott sei Dank nicht – wir fischen nur zu unserm Vergnügen, und das ist eben Sport. Gut.

Nun müßte man doch denken: wenn einer alle Sonntage auf dem Wasser liegt, sich mit Lust und Liebe seine Angelgeräte und Netze zurechtmacht, mit unendlicher Geduld wartend, bis er den Fisch soweit hat, dass er ihn hat –: dann sollte er doch etwas vom Wesen und von der Natur der Fische verstehen. Ja, Hechtsuppe.

Geht in die Staatsbibliothek und laßt euch dreiundzwanzig verschiedene Fachzeitschriften geben ... ihr werdet in zweiundzwanzig dasselbe finden, nämlich dieses: Zunächst einen unbändigen Stolz auf die Terminologie. Ein Jäger würde ja eher seine Flinte fressen, ehe er von einem Hasen sagte, er habe vier Beine und einen Schwanz. Gott weiß, wie das auf jägerisch heißt. Sie sind alle furchtbar stolz, dass sie zunächst einmal anders sprechen als du – denn daran erkennt man den Fachmann, meinen sie.

Des weiteren sind sie fast alle leicht patriotisch; dieser kleine und große Mittelstand verbindet stets auf das anmutigste Karpfenfang und die Treue zu irgendeinem angestammten Herrscherhaus – meine Sportfischer, zum Beispiel, berichten über die Fischfänge eines bayrischen Prinzen während des Krieges, wo andre Leute noch ganz andre Sachen gefischt haben, und eine Reihe Fotos begleiten das schöne Idyll.

Und sonst geht es eben in diesem Blatt sehr »fischereilich« zu; denn jedes Fach hat heute irgendein schauerliches Eigenschaftswort, um sich mausig zu machen: anders als »tänzerisch« und »sängerisch« tun wirs nicht mehr. Und dann kommen noch ein paar Albernheiten; die Fortsetzung eines Romans, der sicherlich in fischereilichen Kreisen spielt.

Natur –? Echte Liebe zum Tier, denn selbst zum Jagdtier kann man eine Art Liebe empfinden – Verständnis für das Lebende, das man da unter den Händen hat? An keinem Ort der Welt könnte ich weniger über das wahre Wesen der Fische erfahren als hier – hier höre ich nur vom Mechanismus ihrer Tötung, und ich höre die mäßig stilisierten Äußerungen eines umgeschlagenen Geltungsdranges sowie jene fatale Ausschließlichkeit, wie sie eben nur Fachleute hervorzubringen verstehen. »Es ist vielleicht unsern Mitgliedern nicht bekannt«, schrieb einmal der Starnberger Seglerverein, »dass unser Mitglied Gustav Meyrink auch ein recht begabter Schriftsteller ist ... « Auf Inseln leben sie.

Am allerschrecklichsten ist – bei Jägern und Ingenieuren, bei Förstern und Gärtnern – der völlige Mangel an Demut, ohne die man nun einmal nichts begreifen kann. Sie sind widerwärtig unfromm, was mit Dogma nichts zu tun hat. Sie meistern die Natur, diese Spießer. Sie wissen alles; haben für alles irgendein ausgekochtes Fachwort parat; können alles; lieben nichts. Man betrachte sich die kitschige Lyrik, wie sie in Ski- und Jagdzeitschriften zu Hause ist; es dreht sich einem der Magen um. Man sollte doch glauben, grade diese, die mit den Geschöpfen der Natur und in der Natur ihre spielerische Arbeit haben, müßten Gott näher sein als einer, der mit seinen Stadtbeinen den Asphalt tritt. Die Städter aber versaufen in verzückten Gefühlen, wenn sie eine Katze auf dem Dach sehen, und beten vor einem Blumentopf, wenn sie nicht grade telefonieren müssen – die Fachleute puffen die Natur in die Seite und sind zu ihr frech. Die Natur schweigt.

Es ist ein Jammer. So wird über die Tauben geplaudert von solchen, die nichts von ihnen wissen – und es wird über sie Fachliches geschrieben von solchen, die lediglich den Mechanismus der Taubenzucht begreifen. Wie weit ist das von der liebevollen Versenkung entfernt, wie wir sie bei dem großen Franzosen Henri Fabre finden!

Die Tiere und die Pflanzen sind für die Fachleute Objekt geworden, gradlinig auszurichten – am liebsten denken sie sich die Hunde geschoren wie die Taxushecken; auch dann, wenn sie der Natur einen freien Auslauf lassen, der von dem Stacheldraht ihres Willens begrenzt ist, wieviel Herrscherdrang ist hier, wieviel Machttrieb – und der stumpf und laut, dreist und mechanisch. Von der Seele wirst du nicht viel zu hören bekommen, wohl aber reichliche Sentimentalitäten, wenn der gesellige Bierabend der Fachvereinigung dazu Veranlassung gibt.

Der Laie möchte gern sehen – aber er hat kein Augenglas. Der Fachmann hat eine Brille und ist blind. Schauen können beide nicht. Die Tauben gurren noch immer, und ich gehe leise davon, als alter Fachmann einen schwedischen Grog zu trinken.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 30.07.1929, Nr. 31, S. 174.





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