Die Festrede


Ein ungefährer Überschlag ergibt, dass am 2. September (mindestens) 15000 Festreden in den dazugehörigen Sedanfeiern steigen werden. Wir alle kennen diese papiernen Sätze (eine Rede ist keine Schreibe, hat – für die Deutschen vergeblich – Th. Vischer gesagt), wir haben sie an unser Ohr schlagen hören, als wir träumend in Schulbänken saßen, und später, in Kasernen und Akademien, gab es ähnliches ... Werden nicht noch heute wie damals Schlangen die Köpfe zertreten, Banner entfaltet und ins Wanken gebrachte Altäre des Vaterlandes dem gähnenden Schlund ... oder so ähnlich. Es gibt aber auch Festredner, die wie seiltanzende Exzentriks die Feindschaft gegen die Welschen (nicht Franzosen – Welschen ist das Wort, mit »Tücke« ewiglich gepaart) in großen Händen verstecken, um dem verblüfften Publikum Deutschlands Aufschwung vorzujonglieren. Hin – her, sie lügen alle.

Fühlen sie es nicht, dass sie lügen? – Sie fühlen es nicht.

Fühlen sie es nicht, dass es nur eines kleinen Spazierganges von zehn Minuten bedürfte, um der Festgesellschaft klar zu zeigen: hier sind Kinder, die essen nur alle drei Tage etwas Warmes, und hier sind welche, die schlafen zu dritt im Bett, und diese da müssen 14 Stunden Erntearbeit verrichten, und hier ist einer, der weiß seit Monaten nicht mehr, wie Fleisch schmeckt ... Fühlen sie nicht, wie sie lügen, wenn sie ein Land preisen, dessen Einwohner über die Grenzen müssen, um drüben billige Nahrungsmittel einzukaufen ... ?

»Und so bitte ich Sie, verehrte Festversammlung, mit mir einzustimmen ... «

Gewiß, stimmen sie ein. Denn sie verdienen alle, alle.

 

tu.

Vorwärts, 01.09.1912, Nr. 204, S. 1.

 

 





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