Plättner, ›Eros im Zuchthaus‹


Die Wirklichkeit ist vorläufig noch grausig genug. Sprach ich schon von Plättners Zuchthausbuch? Man kann gar nicht oft genug davon sprechen. Es heißt ›Eros im Zuchthaus‹ und ist im Mopr-Verlag, Berlin NW 7, erschienen. Das ist eine wichtige Publikation.

Formal halte ich das Buch für mißglückt. Der Verfasser hat zu viel Magnus Hirschfeld gefrühstückt, und nun ist aus einer schon bei jenem nicht immer schönen Terminologie ein höchst schauerlicher Mischmasch von Fremdwörtern, Fachvokabularium und Halbbildung entstanden, der mitunter bis zur Lächerlichkeit geht. Es ist ungemein bezeichnend, dass Plättner ein ›Fremdwörterverzeichnis‹ anhängt – als ob man einen großen Teil dieser Dinge nicht auch auf deutsch sagen könnte! Die lateinischen Wörter müssen ihm ungeheuer imponiert haben. Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfleck des Buches – viel, viel wichtiger als die ungenügende und mitunter wander-vogel-lyrische Darstellung ist das Material. Das ist ersten Ranges. Denn es ist erlitten.

Eine einzige Qual geht durch dieses Buch.

Wir können uns alle kaum vorstellen, was das heißt: die Sexualfunktionen unterdrücken. Es ist ja immerhin schon so weit, dass nicht mehr gegrinst wird, wenn einer von diesen Dingen spricht; aber es gibt genug Ärzte, und natürlich sind unter ihnen die beamteten Gefängnisärzte; die erklären diese Tortur, die in einer erzwungenen geschlechtlichen Abstinenz liegt, einfach für nicht vorhanden. Was wissen diese studierten Wachtmeister vom Menschen!

Ich halte alles, ohne Ausnahme alles, was Plättner uns erzählt, für möglich, für wahrscheinlich und das meiste für wahr. Jede Exemplifizierung an uns selber wird zuschanden. Jeder von uns lebt sicherlich manchmal monatelang im Jahr ohne sexuelle Betätigung – wenn er das will. Und dann geht es sehr gut. Ich kenne nur wenig Männer, die so abhängig von dieser Funktion sind, dass sie wie die verhungerten Faune umherlaufen, quaerentes quam devorant. In dem Augenblick aber, wo jemandem verboten wird, den Geschlechtspartner zu suchen, wird die Sache schlimm. Dann frißt die Qual, dann quält die Zwangsvorstellung, dann tauchen die übelsten und infantilsten Gedankengänge wieder auf ... Davon erzählt Plättner.

Was so unbeschreiblich aufreizend an diesem Buch ist, das ist die rohe Trägheit der beamteten Stellen. Soweit hier nicht versteckter Sadismus im Spiel ist, ein Sadismus, der doppelt feige ist, weil er sich hinter angebliche Gruppennützlichkeit verkriecht, sind es archaische Ideen, die den Fortschritt hindern: dergleichen kleidet sich in Soutanen, in Richterroben, in Uniformen – man reiße diese Kostüme herunter, man kratze den Beamten, und man findet, was Jung so schön den »Schatten« nennt. Es ist ein Elend.

Und es müßte gar kein Elend sein – denn die Beurlaubung verheirateter Gefangener, die Ermöglichung des Geschlechtsverkehrs in den Strafanstalten ist gar nicht so schwer, wenn man nur wollte. Man will aber nicht. Weil doch das ›Volksempfinden‹, auf das die Herren sonst pfeifen, eine ›Strafe‹ verlangt – auf einmal also kümmert sich der Strafvollzug um das Volk, und dann aber auch um seine niedersten, um seine verächtlichsten Ressentiments. Man kann dem Buch nur viele gute und einflußreiche Leser wünschen.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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