Emigranten


In Paris gibt es viele davon. Bei allem Mitgefühl: sie sind fast immer von einer leisen Komik umwittert. Italiener, Spanier, weiße Russen – alle sitzen hier und warten, dass ihr gesetzwidriges, akutes, momentanes Regime nun aber ganz bestimmt in diesen Tagen endlich zusammenbreche. Es bricht aber nicht.

An Voraussagen fehlts nicht. Die Bolschewisten können sich nicht mehr halten; Primo de Rivera, für den Unamuno jede Woche zwei neue Schimpfwörter ersinnt, purzelt selbstverständlich spätestens bis Montag ein Uhr, das syphilitische Schwein; bei Mussolini handelt sichs nur noch um Minuten. Ernst beiseite: sie sind in ihrem Jammer ganz heiter – alle zusammen.

Man darf sie nicht etwa sämtlich in einem Topf kochen. Die halbe Million italienischer Arbeiter, die zur Zeit in Frankreich ist, setzt sich meistens aus Antifaschisten zusammen, und das weißgekreidete »A Mussolini la Morte« mit dem Totengebein darunter, das Ich jeden Tag vor dem Bahntunnel zu sehen bekomme, ist durchaus ernst. Man hat diese Leute verjagt, terrorisiert, aus dem Lande herausnationalisiert – wahrscheinlich waren es keine »guten Italiener«. Die Spanier, die für meinen Geschmack ein klein wenig mehr von sich hermachen, als ihrer Affäre zugrunde liegt, und die in allen Diskussionen so tun, als habe jenseits der Pyrenäen vor dem dicken General ein wirklich parlamentarisch regiertes Land nach und mit europäischen Begriffen bestanden, können nicht zurück, und nachdem die französische Neugier nachgelassen hat, langweilen sie sich ein bißchen und ihre Zuhörer übrigens auch. Die weißen Russen fangen an, legendär zu werden.

Und alle diese sind zu beklagen, einige zu unterstützen und zu bejahen – nur: wenn du einen Propheten suchst, geh nicht zu ihnen. Der Wunsch ist hier der illegitime Vater des Gedankens ... So einfach läuft die Weltgeschichte doch nicht. Und es ist ja begreiflich, was sie zu ihren Weissagungen veranlaßt: nur wenige Menschen können sich vorstellen, dass es ohne sie geht. Ich nicht mehr dabei ... ? Die Welt stürzt zusammen! Sie wandelt aber still weiterhin ihren Plan.

Wenn man dieses Treiben betrachtet, so muß man an andere Emigranten denken. Die Prophezeiungen der Zimmerwalder Russen aus den Jahren 1915 bis 1917 liegen gedruckt vor, die Nummern der Zeitschriften mit der Datumsangabe sind noch erhalten ... Das ist doch ein andres Format. Gradezu erschütternd sind diese Aufsätze. Darin steht alles, alles: das imperialistische Kriegsziel, der Zusammenbruch der Mittemächte und Rußlands, die Möglichkeiten und Ziele einer Arbeiterregierung – und das zu einer Zeit, wo diese Behauptungen überall auf Standgerichte stießen und auf keinen Politiker, der sie auch nur in den Kreis seiner Erwägungen gezogen hatte.

Verärgerte Bürgerliche sind noch keine Revolutionäre.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 18.08.1925, Nr. 33, S. 270.





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