Die »Welt«


Daß es »schönste Lokale des Kontinents« gibt, mag hingehen – dafür bekommt der Reklamemann bezahlt. Daß aber der Stil der großen kleinen Anzeige in die Literatur rutscht, ist minder heiter.

Bei uns machen sie das jetzt so, dass der große deutsche Buch- oder Theatererfolg den Autor »weltberühmt« macht. »Der ohne Übertreibung weltberühmte Dichter ... « Mit Übertreibung. Denn wie groß ist das geistige Hinterland Deutschlands?

Österreich. Die deutschsprachige Schweiz. Hier stock ich schon; in den nordischen Ländern lesen viel weniger Leute deutsch, als man denkt; bleiben für die Übersetzungen die Nachbarstaaten, England, Amerika ... und hier ist noch genau zu scheiden zwischen den technischen Gebrauchsanweisungen, die drüben adaptiert werden, und der schönen Literatur. Wer von den modernen Deutschen ist »weltberühmt«?

Jede geistige Wirkung aus einer fremden Sprachzone ist ein Wunder. Auf diesem Wege geht so viel verloren ... bei den mittleren Autoren alles, bis an den Gürtel steckt selbst noch der große Dichter im Wasser der heimischen Flüsse, selbst Tolstoi reichte die russische Sprache bis zum Bart, aber der Kopf ragte drüber hinaus. Man muß sehr groß oder sehr banal sein, um im andern Land zu wirken.

Wir buchen die Tatsache, dass ein deutsches Werk in eine fremde Sprache übersetzt ist, falsch; das ist ein Anfang, kaum ein Symptom für etwas andres, als dass ein geschäftstüchtiger Übersetzer das Werk »angebracht« hat, dass ein fremder Verleger an die Wirksamkeit dieses deutschen Werks glaubt ... weiter ist zunächst noch gar nichts. Die meisten westlichen Völker sind nicht so neugierig wie die Deutschen, sie haben nicht jene herrliche Unruhe, die in ihrer obersten Spitze Romantik heißt und in ihrer untersten Stufe Nervosität – andre Völker ruhen viel mehr in sich selbst. Daß Herr X in Frankreich gelesen wird, sagt noch nichts aus – die Tiefenwirkung kennen wir zunächst nicht. Ich halte sie für klein; wir wollen uns gern von den Freunden in Amerika oder aus den Ländern des Kontinents belehren lassen, ob heute der deutsche Geist die Leute draußen wirklich maßgebend beeinflußt.

Mit Großfressigkeit ist das nicht zu beweisen, nur zu behaupten. Sind wir uns wieder selbst genug? Merkwürdig, wie isoliert sich der deutsche Geist gebärdet, er, dessen Stärke immer die Universalität gewesen ist. Nur imponieren – nur den Absatz fördern – unsere geistigen Stresemänner sind Reisevertreter eines großen Hauses mittlerer Qualität. Wilhelm muß wohl mehr gewesen sein als die dem Volk gesandte Geißel Gottes – sollte er vielleicht sein Exponent gewesen sein –?

Wahr ist vielmehr, dass das Hinterland der Deutschen nicht sehr groß ist. Was in Paris berühmt ist, ist in Südamerika berühmt, in der ganzen Levante, in Teilen Asiens. Was in New York gefällt, singt die englische Welt. Was in Berlin einen Erfolg hat, breitet sich langsam aus, kann ein Welterfolg werden, ist aber noch keiner. Chaplin ist weltberühmt. Homer. Ford. Sonst aber gilt die kleine Geschichte, wie André Lebey eines Nachts durch ein Telegramm aufgeschreckt wurde. Das kam von seinem Freunde Pierre Louys, der grade eine Weltreise machte. Und in dem Telegramm stand: »Jean Cocteau complètement inconnu à Tananarivo.« So ist es. Oder, wie es bei Walter Mehring einmal heißt:

»So klein – so klein –

so klein ist meine Stadt.«

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 14.05.1929, Nr. 20, S. 762.





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