Cabaret-Kritik


Wer mit einem Unternehmen Geschäfte macht, darf es nicht öffentlich kritisieren; ich verkaufe manche Gedichte an die berliner Cabarets, also kann ich sie namentlich weder loben noch tadeln. Aber eine allgemeine Bemerkung sei gestattet:

Da haben sie sehr begabte Frauen; lustige Komiker; alles mögliche haben sie – aber ein Typus, der beinah gänzlich fehlt, ist der Mann, der einfach nett ist. Den haben sie nicht.

Statt dessen ist da der Tenor ... man lege mich auf einen Diwan und psychoanalysiere, der Analytiker im Rücken, dass die Funken stieben: kaum wird sich dieser Abscheu anders als reinlich erklären lassen. Ist der Cabaret-Tenor nicht abscheußlich? Diese Schmalzstimmen; dieser Charme aus der Bötzowbrauerei; dieses Mäulchengemache und Tönegeziehe ... bau-bau – das mag man nicht.

Kein Wunder, dass sie ein Zeug singen, das ihnen durchaus adäquat ist. Ich habe keine Zeit, mich damit abzugeben – dies ist nur ein kleiner Notschrei, weil wir sonst keine Sorgen haben. Immerhin wäre es doch hübsch, einmal abends eine angenehme halbe Stunde zu haben, anstatt diese Haarpomade schlucken zu müssen. Gibts nichts anderes? Doch. Aber sie sind taub.

Da hören wir nun jahraus, jahrein die englischen und amerikanischen Platten; wir geben zu, dass es auf die Dauer etwas fade ist, immer wieder »blue« und »sweetheart« und »happiness« zu hören – aber etwas können wir aus ihnen lernen. Daß es eine unfettige, eine schmalzlose Nettigkeit gibt, eine freundliche Tändelei, die nicht den Phallus schwingt, sondern die einfach sagt: Wir sind hier abends zusammengekommen, die Geschäfte sind vorbei – nun wollen wir uns einen kleinen singen.

Dazu brauchte man nicht einmal die Angelsachsen. In Paris gibts das tausendfach – in jedem Cabaret. Kleine Liedchen, gewiß keine Meisterwerke, meilenweit von diesen schrecklichen »Schlagern« entfernt, in denen Spekulationssucht und Idiotie um die Grammophonpalme ringen. Ein paarmal habe ich mir die französischen Texte gekauft; man merkt erst beim Lesen, wie gut sie sind: da sind sie nämlich schlecht, weil sie für den Vortrag geschrieben sind. Und da das Ohr viel weniger und viel weniger schnell aufnimmt als das Auge, so haben diese Chansonniers mit ihrem untrüglichen Instinkt für das, was man mit ästhetischem Wohlgefühl ertragen kann, ein Minimum von Schmalz aufgewendet, um ein Maximum von Charme zu entwickeln. Natürlich gibt es drüben auch Margarine-Lieder, aber feste – doch sind das wieder andere. Wir haben fast nur sie. Zwischen Keß und Schmalzig ist hier nichts.

Könnte aber etwas sein. Klabund hat das gekonnt; Kästner kann es; ihr braucht euer Publikum nur zu erziehen. Ihr braucht es nicht zu erziehen – denn im Grunde versteht es das sehr gut. So blöd liebt ja kein Mensch mehr, wie das in euern Texten vor sich geht (»Ich habe heute Premiere bei einer schönen Frau –«); lieber eine Tasse warmes Maschinenöl im Bauch, als dabeisein müssen, wenn die Konfektion lyrisch wird. Auch dies ist Deutschland: zwischen der gepanzerten Radaukomik und dem ranzigen Fett mickriger Gefühle klafft die Leere. Sie sind nicht nett.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 10.12.1929, Nr. 50, S. 889.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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