›Briefwechsel von Theodor Fontane und Paul Heyse,
1850 bis 1897‹


›Briefwechsel von Theodor Fontane und Paul Heyse, 1850 bis 1897‹. Herausgegeben von Erich Petzet (erschienen bei der Verlagsgesellschaft der Weltgeist-Bücher zu Berlin). Blüh auf, mein Herz! Blüh auf, mein halbes Herz!

Nämlich: was die Fontaneschen Briefe angeht. Ja, wer so kann ... ! Jeden einzelnen habe ich mit Andacht herausgepickt. »Mein lieber Paul!« fangen die meisten an – und was steht da nicht alles! Da ist kaum einer, in den er nicht eines jener typischen Fontaneschen kleinen Aquarelle hineingepinselt hätte; so ganz nebenbei: Kinderszenen, die Beschreibung einer gesellschaftlichen, einer literarischen Situation – das ist nun zum Entzücken gar! Ich will keinem die Vorfreude verderben, es stehen bezaubernde Sachen in dem Bändchen. Und solche Sätze, die unsereinem aus dem Herzen herausgeschrieben sind – einen Kranz auf dein Grab, Theodor Fontane! »Ich bin völlig freier Schriftsteller, was gleich nach ›reisender Schauspieler‹ kommt.« Und wenn man den Tiefstand der damaligen Produktion kennt (1859), dann kann man so ungefähr ermessen, wie schlecht sie diesen behandelt haben. Das ist ein bitter-süßes Buch.

Der Adressat dieser Briefe – der »liebe Paul« – ja ... also ... ich ja nicht. Zunächst tut sich der liebe Paul in der Freundschaft etwas kühl – aber da kann ich mich täuschen. Sich vorzustellen, dieser geölte Friseurkopf sei einmal ein Dichter gewesen, ist für uns nicht ganz einfach; auch der Gedanke, dass es ein ›Heyse-Archiv‹ gibt, ist recht erheiternd. Immerhin: er hat den Nobelpreis gehabt. (Kennen Sie auch nur einen von den Preisrichtern bei Namen? Na, dann ists gut.) Den Nobelpreis also – und hat im Alter eine ›Maria-Magdalena‹ geschrieben, die aufzuführen sie ihm sogar verboten haben ... und er hat sehr schöne Übersetzungen aus dem Italienischen gemacht ... aber ich ja nicht. Mein Gott, ist das alles tot! Das ist eine sehr nachdenkliche Lektüre. Oh, wie ist das verweht! ach, ist das nur noch Staub für Philologen – es hat so etwas Meistersingerhaftes, was sich die Herren in ihren dichterischen Kegelklubs da vorrechnen – nun liegt das auch daran, dass hier der ganze Literaturstaub eingefangen ist, es waren ja Privatbriefe, kein Mensch hat je an ihre Veröffentlichung gedacht, und nun wibbelt und kribbelt das von Eintagsgrößen, und von denen am meisten ... Tot. Mausetot. Und Heyse ist ja wohl rund dreißig Jahre dahin ... stimmt das? Ich weiß es nicht einmal. Das ist eine gesunde Lektüre.

Und neben hundert klugen Sätzen des alten Märkers, der nun wirklich einer gewesen ist (aber Hugenberg liest ihn nicht), steht da auch ein Satz über das Theater. Aus dem Jahre 1860, wie neu. »Ich finde unsere Theaterzustände greulich, viel schlimmer als unsere Buchmanufaktur, und weise mit Entschiedenheit jede Aufforderung zurück, auch in die böhmischen Wälder zu gehen. Das Quantum von Dummheit, Indolenz, Klugschmuserei, Eitelkeit und Intrigue, das einem wie ein Riesenblock in den Weg gerollt wird, ist zu groß, als dass man Lust haben könnte, sich daran zu verheben. Die Starken mögen es wagen, und es ist ganz recht, dass Du Dich nicht abschrecken läßt.« Komm an mein Herz –!





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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