Zwei Bilderbücher


Die teure und schöne Ausgabe des ›Stundenbuches‹ von Frans Masereel ist jetzt (bei Kurt Wolff in München) durch eine billige, nicht minder zu empfehlende ersetzt, und dazu gibt es noch ein Holzschnitt-Buch: ›Die Sonne‹ vom selben Maler. Man mag das gern.

In einer schönen Einleitung zum ›Stundenbuch‹ zeigt Thomas Mann, was es mit diesem Zeichner auf sich hat. Seine Technik ist bekannt: es ist die von vielen Japanern, von Felix Valloton und andern gern geübte Art, das Weiß auszusparen, und das kann man nur, wenn man die Vorgänge auf die letzte einfache Formel bringt. Was tut nun Masereel –?

Er erzählt.

Er erzählt eigentlich nicht so sehr das Leben eines Mannes wie: unser aller Leben. Die durchgehende Gestalt, die durchgehende Idee – das ist der Faden, an dem die Steine aufgereiht sind, und welche Steine! Es scheint mir sehr bezeichnend, wie immer wieder das Einfache vorkommt: Feldarbeit, Wasser, Luft und Baum und Wald. Als brodelnder Hintergrund grollt und glitzert die Stadt, die graue, gesprenkelte, komplizierte, gehaßte und geliebte Stadt. Tausend Einzelheiten: wie nach dem Tode der kleinen Geliebten alles aus ist, wie ihn das Leben sacht wieder einfängt, wie er über die große Brücke geht, unten liegt das Tal und die Fabrik, das Auge sieht, Luft umweht ihn, Landschaft saugt die Trauer auf, es ist nicht alles aus. Ganz erstaunlich, wie die subjektive Gestalt und die Welt draußen manchmal brüsk gegen einander gestellt sind, dann wieder in eins schmelzen ... Musik kann man nicht erklären.

In der ›Sonne‹ ist alles klarer, gradliniger: wie da der Mensch die Sonne vom Himmel herunterreißen will, wie er überall die Sonne sieht, wie er enttäuscht, abgestoßen davonläuft, wie er wieder angelockt wird von neuem Glanz ... Auch hier ist die Stadt eine Landschaft; das glaub ich: wenn man aus so einem Arbeitszimmer vom Montmartre den ganzen Tag heruntersehen kann! da liegt Paris wie ein Wald, Menschen sind die Pilze, eine Eisenbahnstrecke ein Fluß, nachts glimmt das auf.

Das tiefe revolutionäre Gefühl, das in dem Mann stets wach auf der Lauer liegt, die absolute Selbstverständlichkeit, mit der er immer auf der Seite der Unterdrückten steht, sein hartgeschmiedetes Herz und sein fühlender Verstand machen diese kleinen Bücher zu dem schönsten, das es unter den Bildererzählungen gibt. Man kann sie immer wieder durchblättern und findet immer neues. Ein Könner mit Gesinnung – das ist selten.

Die geborenen Geschenke für einen Freund.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 07.12.1926, Nr. 49, S. 901.





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