Altes Theaterglas


Da liegst du nun, und durch dein linkes kugeliges Eulenauge geht ein scharfer Sprung. Ruiniert. Jemand hat dich fallen lassen, oder vielleicht habe ich selbst dich zerbrochen – ich weiß es nicht. Liebevoll streichle ich deine schwarze, blankgescheuerte Lederumkleidung. Weißt du noch?

Weißt du noch, wen ich alles durch dich gesehen habe? Das waren schöne Agende, als wir beide Giampietro sahen als Riccaut und Reinhardt selbst als Just – weißt du noch? Ach ja, ich wenigstens erinnere mich sehr gut. Walden sah ich, Harry Walden, den verfluchten Kerl, als Struwwelpeter, aber er war ein eleganter Struwwelpeter, ein verteufelt feiner Struwwelpeter. Und jetzt kommt mir die Erinnerung an viele Theaterabende.

Das Glas lag auf meinem Schoß, eilends hatte ich danach zu greifen, wenn Arnold wieder einmal eine besonders traurige Grimasse schnitt. Rasch, das Glas! An die Augen und eingestellt! Erst verschwamm alles in bunten, matten Farben, dann klärte sich das Bühnenbild, dann erschien das Bein eines Statisten – und wenn ich Arnolds Kopf erwischt hatte, war er längst wieder totenernst, bewegungslos und andächtig blöd. Mit dem Glas konnte man durch den Schauspieler hindurchsehen. Es sah ihm die Seele aus dem Leib: wann er log, wann er sich einen falschen Ton lieh, wann er ein kleines privates Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte – alles zeigte dies Zauberglas an. Es brachte die Luft näher, es machte einen auf der Bühne stehen, und ich fing an, jedes Gesichtsfältchen meiner Lieblinge zu begrüßen: ich kannte die Schnurrbarthaare, die Gebisse der Männer, die gemalten und auch vorhandenen Augenbrauen der Damen – alles ließ dieses Glas erkennen. Manchmal benutzte ich es auch, wenn ich ganz vorn saß: dann durfte ich die mehlige Puderschicht auf den Gesichtern der Girls sehen, durfte mich in einen Fingernagel des Fräulein Holl vertiefen – liebes Glas!

Hin. Ich werde mir ein neues kaufen. Aber die Seligkeiten, diese Verzückungen, diese Adorationen vor den Altären meiner Götter und Göttinnen – die kommen nie wieder.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 27.11.1913, Nr. 48, S. 1183.





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