Geistesaristokratie

Geistesaristokratie prägte nach Meyer S. 38 zuerst Saul Ascher zum tönenden Schlagwort aus in seiner Flugschrift Über den deutschen Geistesaristokratismus (Berlin 1819). Gegen diese zeitgemäße Parole wendet sich namentlich Börne in lebhafter Polemik. So gilt dieser Abwehr ein besonderer Artikel 5, 226 ff., worin es u. a. heißt: "Eine Herrschaft der Geistes-Aristokratie, welcher der Verfasser das Wort redet, wäre, wenn ausführbar, die verderblichste von allen." Ebenda S. 229 sährt er sort: "Das ist der lächerliche Eigendünkel der Geistesaristokraten, dass sie glauben, das Volk sei dumm und müsse wie Vieh geleitet werden." Auch in den Pariser Schilderungen von 1822 — 23 findet sich ein Kapitel mit der Überschrift Aristokratismus des Geistes. Vgl. z. B. noch 1, 203 ff. (1823): "Mancher eisert gegen den Adel, nur weil er nicht weiß, dass Rom acht Jahrhunderte von den Patriziern beherrscht und von ihnen zum ersten Reiche der Welt erhoben wurde, und dass in den reinen Demokratien des Altertums eine Aristokratie des Geistes herrschte, die viel demütigender war, als die der Geburt, weil sie sich aus Wenige erstreckte."

Aber schon im Jahre 1800 redet Görres 1, 67ff. von einer ›Aristokratie der Bildung‹ bez. einem ›Adel der Bildung‹. Dann 4, 218 (1819) auch von einer ›Aristotratie des Besitzes und des Talents‹.

Von den bald unabsehbaren Spielarten des Schlagworts seien nur aus Börnes Sprachgebrauch noch Ausdrücke, wie ›Beamten-Aristokratie‹, ›Handels-Aristokratie‹, ›Geburts-Aristokratie‹, ›Militär-Aristokratie‹ usw. usw. erwähnt. Für die Nachwirkung obigen Stichwortes ist eine ironische Äußerung Bismarcks 1, 88 (1849) über die preußische Verfassung vom 5. Dez. 1848 lehrreich: "Auch sie erkennt das Prinzip an, dass der Einfluß einer jeden Volksklasse in demselben Maße steigen müsse, in welchem ihre politische Bildung und Urteilsfähigkeit abnimmt, und gibt damit an sicheres Bollwerk gegen die Aristokratie der Intelligenz."

Als Gegenstück prägte Nietzsche 5, 307 (1887) die Schelte vom Plebejismus des Geistes.


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