Regeln beim Trinken

Die Regeln beim Trinken sind im Allgemeinen folgende:

a) Der Mensch bedarf der Getränke vorzüglich zur Löschung des Durstes, zur Auflösung der Speisen und zur Verdünnung der Säfte.

b) Das vorzüglichste Getränk, wodurch alle wesentliche Zwecke des Trinkens am vollkommensten erreicht werden, ist das Wasser. Ein gutes Wasser muss durchsichtig, geschmack- und geruchlos sein, die Seife leicht auflösen, nicht trübe oder milchig werden, wenn man mit einem Federkiele hineinbläst, und bei dem Stillestehen keine Unreinigkeiten absetzen. Man kann es verbessern, wenn man es über Kohlenstaub und durch Löschpapier filtriert, oder durch einen lockern Sandstein tröpfeln lässt. Frisch geschöpftes Wasser bekommt zum Trinken am besten; je kälter es ist, desto besser bekommt es. Im Sommer erquickt dasselbe noch mehr, wenn man zu jedem Glas Wasser zwei bis drei Esslöffel voll guten Weinessig mischt. Bei erhitztem Körper durch heftige Bewegungen, Tanzen, Laufen, starke Arbeit etc. trinke man nicht gleich kaltes Wasser, sondern kühle sich erst gehörig ab, und trinke dann vorsichtig kleine Portionen. Durch unvorsichtiges Trinken der Art können die schlimmsten Magenfehler entstehen. Fühlt man also hinterher starken Druck in der Herzgrube, Aufstoßen, Übelkeit, alsdann hilft oft noch ein Brechmittel, doch darf dieses nicht ohne Genehmigung des Arztes gebraucht werden.

c) Nach dem Wasser ist das Bier das gesundeste Getränk. Es passt vorzüglich für magere, nicht vollblütige Personen, die viel Bewegung in freier Luft haben; ist aber allen Kindern schädlich, denen Wasser, zuweilen mit Milch vermischt, besser bekommt. Am besten dient zum täglichen Getränke ein schwaches, klares, einfaches, nicht zu geistreiches, mäßig gehopftes Bier, das nicht zu jung und nicht zu alt und von gutem, reinem Getreide und gesundem Flusswasser gebraut worden ist. Es muss dazu kein Darr-, sondern Luftmalz genommen werden. Das englische Ale, die Braunschweiger Mumme, das Merseburger Bier, die Goslarsche Gose, das Bremer 16 Groten Bier u. s. w. taugen nicht zum täglichen Gebrauch für Gesunde, sind aber für schwache Personen, für Genesene nach schweren Krankheiten, mäßig genossen, sehr gut nährend. Alle diese starken Biere berauschen, wenn man viel davon trinkt, und ein solcher Rausch ist anhaltender und schlimmer, als ein Weinrausch, indem er noch den Tag nachher dumm und unbesinnlich macht; täglich getrunken übernähren sie und mästen selbst den Körper.

Ein zu bitteres Bier erregt bei Vollblütigen leicht Schwindel und macht Neigung zu Schlagflüssen; es löscht auch den Durst nicht so, wie das Weißbier, befördert ihn vielmehr wegen seiner hitzigen und betäubenden Eigenschaften. Das englische Porterbier ist schädlich, indem es zu bitter ist, oft auch giftige Bestandteile: bittere Mandeln, Kirschlorbeer u. s. w. enthält. Auch in Deutschland macht die Gewinnsucht mancher Bierbrauer erfinderisch, und es ist so selten nicht, dass sie zu dem Bier giftige betäubende Pflanzen: Stechapfel, Bilsenkraut, wilden Rosmarin (Porst) etc. nehmen und so das Publikum nicht allein um Geld, sondern auch um die Gesundheit bringen. Leider wird in gegenwärtiger Zeit auch das echte, so wie das nachgemachte bairische Bier mit betäubenden Kräutern oft verfälscht, um Hopfen und Malz zu sparen, und es sind schon mehrere Fälle öffentlich bekannt geworden, wo der übermäßige oder ungewohnte Genuss eines solchen Biers die sämtlichen Trinker so betäubt und rasend gemacht, dass es nicht allein zu Zank und Prügelei, sondern auch zu Mordtaten kam. So lasen wir vor zwei Jahren von einem solchen Unglück in Charlottenburg bei Berlin.

d) Geistige Getränke soll man nie des Morgens genießen, wenn der Magen noch leer und nüchtern ist; auch trinke man sie nicht täglich, damit man sich nicht daran gewöhne und sie nicht zum täglichen Bedürfnis werden. —

Von allen diesen Getränken sind der Branntwein und Rum am schädlichsten. Am wenigsten schaden beide, mäßig genossen, der arbeitenden und armem Volksklasse, die sich jeder Witterung, oft der schlechtesten Kost bei der angreifendsten Arbeit unterziehen muss. Förster, Jäger, Matrosen, Soldaten, Fußgänger, Professionisten, die im Freien arbeiten, als Zimmerleute, Maurer, Dachdecker, Seiler etc. können ohne Schaden täglich ein bis zwei kleine Gläser Branntwein trinken; ja er ist sogar ein großes Schutzmittel zur Verhütung der gefährlichsten Erkältungskrankheiten, z. B. bei Schiffern, wenn bei hoher See und Stürmen sie oft tagelang im Nassen arbeiten müssen, auf Märschen bei stürmerischen und regnerischem Wetter, im Bivouac. — Sehr schädlich ist der Branntwein dagegen ganz besonders kleinen Kindern, jungen Leuten, Frauenzimmern, zumal in der Schwangerschaft, reizbaren, vollblütigen und sanguinischen Personen, auch solchen, die viel sitzen und mit dem Kopf arbeiten müssen. —

Der Wein ist im Ganzen weniger schädlich, als der Branntwein; aber er passt auch nicht zum täglichen Gebrauch; nur dann, wenn der Körper von Anstrengungen sehr ermattet ist, ist er, mäßig genossen, ein höchst erquickendes Getränk. Wie weit es indessen manche Trinker im Weintrinken durch tägliche Übung bringen können, davon gibt es viele Beispiele. Eine sehr schädliche Methode ist es, jungen Kindern täglich etwas Wein zu geben. Nervenschwäche, schlechte Verdauung, gewaltsam beschleunigte Entwicklung des Körpers, Lähmung der Gehirnstätigkeit, Dummheit, früher Tod durch Skrofeln und englische Krankheit sind die gewöhnlichen Folgen davon. Als Arzneimittel ist der gute, edle Wein ein köstliches, oft allein lebensrettendes Getränk (s. Wein).

e) Tee und Kaffee kann man, wird die Mäßigkeit nicht überschritten und werden beide nicht zu stark bereitet, ohne Nachteil für die Gesundheit, täglich trinken; nur für Kinder bis zum 15. Lebensjahre passen beide warmen Getränke nicht; ihnen bekommt warme Milch besser. Als Arznei ist der Tee bei Erbrechen, Magenkrampf und Kolik ein gutes Mittel, aber er passt nicht des Morgens nüchtern, sondern mehr des Abends. Am stärksten trinken den Tee die Holländer und Engländer, schwächer und weniger die Deutschen; hier ist er nur das Getränk der höhern Stände, und der Landmann kennt ihn wenig.

Ein schwacher Tee ist, kalt getrunken, noch am unschädlichsten, besonders wenn man Butterbrot dazu isst, dagegen macht der tägliche Gebrauch eines starkbereiteten Teeaufgusses leicht Verstopfung und bei Weibern Nervenschwäche und weißen Fluss.

Der Kaffee ist in seinen Wirkungen dem Wein entgegengesetzt; ersterer macht munter, letzterer schläfrig; wirkt der Wein mehr aufs Gemüt und regt die Affekte an, so wirkt der Kaffee mehr auf den Geist, macht ruhig, besonnen, abgemessen, zurückhaltend, kalkulierend. Daher ist er das Lieblingsgetränk der Mathematiker, Astronomen, Philosophen, Historiker, Naturforscher, Diplomaten und Kaufleute. Den Wein dagegen lieben mehr Dichter, Musiker, Maler, Schauspieler und Krieger.

f) Die starkgewürzte Schokolade dient nicht zum täglichen Gebrauch; am besten bekommt sie bei schwachem Magen reizlosen Personen und solchen, die eine schwere Krankheit überstanden haben, oder altersschwach sind, am nachteiligsten ist sie Kindern, jungen, reizbaren Subjekten und vollblütigen Männern und Frauen.

g) Von allen Getränken ist die Milch das mildeste und sanfteste; sie nährt, ohne zu erhitzen, besänftigt Magenschmerzen, und ist bei unheilbarem Magenkrebs oft das einzige Mittel, das traurige Leben des Kranken zu fristen, weil alles Andere weggebrochen wird. Sie ist daher eins der vorzüglichsten Hausarzneimittel und erfordert einen eigenen Artikel in unserer Enzyklopädie (s. Milch, unter dem Artikel: Mittel, eiweiß- und gallertartige).


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