Regeln für Kleidung

3) Was die Kleidung anbetrifft, deren Hauptzweck Schutz und Bedeckung des Körpers (nicht Putz und Zierde) ist; so kann auch diese auf mancherlei Weise der Gesundheit Schaden bringen. In dieser Hinsicht bemerke ich Folgendes:

a) Jedes Kleidungsstück muss bequem sitzen, muss nicht zu weit und nicht zu eng sein; kein Teil des Körpers darf dadurch gepresst, gedrückt oder eingeschnürt werden. Der Blutumlauf, die Ernährung und das Wachstum des Körpers werden im letzten Falle gestört, und der Körper wird elend, mager, verunstaltet. Alle engen Korsetts sind höchst nachteilig.

b) Junge Leute und Kinder, welche über zwei Jahre alt sind, bedürfen weniger warmer Kleider, als Alte, deren Haut straffer ist und denen es an Körperwärme fehlt.

c) Säuglinge müssen im Winter, so wie im Frühling und Herbst, nicht zu kühl gekleidet werden; auch die Kleidung zarter Frauenzimmer und überhaupt schwächlicher Personen muss wärmer sein, als die Kleidung gesunder, robuster Menschen. Dies ist besonders in Norddeutschland, Schweden, Russland, Polen, weniger in Spanien, Frankreich und Italien zu berücksichtigen. Doch machen in letztern Ländern die Berg- und Talbewohner, wo nach der geographischen Lage die Temperatur so bedeutend differiert, z. B. in den Alpen, Pyrenäen, eine Ausnahme davon.

d) Eine alte und wahre Regel ist's, den Kopf kühl, die Füße warm zu halten. Warme Pelzmützen und alle warme Kopfbedeckungen passen für gesunde, bis zu einem gewissen Alter gekommene Menschen nicht. Sie erregen bei Kindern Kopfausschläge, scharfe Säfte, bei Erwachsenen anhaltendes halbseitiges Kopfweh, Augenübel und andere Beschwerden.

e) Mit dem Haarabschneiden muss man vorsichtig sein, wenigstens das Kopfhaar nicht bei veränderlichem Wetter und nicht zu kurz schneiden lassen; sonst entstehen darauf leicht Zahnkrankheiten, Augen- und Ohrenübel, Katarrhe, Schwindel, Drüsengeschwülste und andere Leiden. — Personen mit kahlem Kopf oder mit schwachem Haarwuchse kann das Tragen von Touren oder kleinen Perücken nützlich sein und selbst den Haarwuchs befördern.

f) Hüte und Mützen zur Bedeckung des Kopfes müssen leicht, nicht zu eng und besonders im Sommer, von weißer Farbe sein, damit die Lichtstrahlen nicht zu stechend auf den Kopf wirken, wodurch, zumal bei Kindern, Hirnentzündung begünstigt wird.

g) Dicke Halstücher mit steifen Binden sind sehr nachteilig, indem sie das Blut zu sehr nach dem Kopf locken, auch wenn sie fest anliegen, den Umlauf des Blutes hindern.

h) Die leinenen Hemden sind für Gesunde besser, als wollene und baumwollene, denn sie lassen die Ausdünstung schnell durch. Das Trockenwerden der durchgeschwitzten Hemden am Leibe taugt nichts; man muss hier, überhaupt jeden Morgen und jeden Abend, die Wäsche wechseln. Dies ist nicht nur für die Gesundheit der Kinder, sondern auch für das Wohlsein der Erwachsenen sehr vorteilhaft.

i) Ohne den Rat eines Arztes darf kein Schwacher, Kranker, auch kein Gesunder, wollene Hemden tragen; denn obgleich diese bei vielen Übeln wahre Heilmittel sind, so können sie doch auch andere Übel verschlimmern und neue erzeugen.

k) Die Leib- und Überröcke müssen weite Ärmellöcher haben, damit sie den Blutumlauf nicht stören. Der sogenannte Schreibekrampf der Schreiber ist oft die Folge enger Ärmellöcher. — Die Überröcke müssen breit überschlagen und nicht zu kurz sein, damit Bauch und Schenkel vor Erkältung gesichert sind. — Die kurzen, engen Westen taugen nichts, desgleichen die hoch hinauf gehenden Beinkleider, die einerseits, besonders wenn sie hinten fest zugeschnallt werden, Magen, Leber und Milz pressen, das Atmen beengen und Gelegenheit zu Brüchen geben, anderseits das eintretende Bedürfnis des Urinierens erschweren, so dass oft das ganze Beinkleid los geknöpft werden muss, was Gelegenheit zur Erkältung des Leibes, zu Koliken, Durchfällen u. s. w. gibt. — Lange und weite, nicht zu hoch hinauf gehende Beinkleider von Tuch sind am gesundesten. Die Hosenträger müssen nicht zu kurz und zu straff angezogen werden, sonst wird die Brust gepresst. Auch dürfen sie keine Mittelverbindung zum Anknüpfen in der Mitte der Beinkleidsklappe haben, weil diese die Herzgrube drückt. Gefütterte Hosen taugen nichts, besser sind, der Reinlichkeit wegen, die Unterhosen, welche man öfters, wenigstens alle acht bis vierzehn Tage, mit rein gewaschenen verwechseln muss.

l) Sehr schädlich sind enges Schuhwerk und enge Strümpfe; sie befördern Leichdörner, Schwielen und machen zum Fußgänger unfähig. Die Sohle des Schuhes oder Stiefels muss ganz nach der Form des Plattfusses gemodelt sein; dies ist bei der seit einigen Jahren Mode gewordenen Art von Schuhen und Stiefeln nicht berücksichtigt, welche daher ungesund sind, obgleich, was immer notwendig ist, jeder Fuß seinen besondern Leisten haben muss. Stiefel, die im Schafte zu eng sind, können Gelegenheit zu Hüftgelenkskrankheiten geben; für Kinder sind Schuhe besser, als Stiefel. Dass nassgewordene Schuhe und Strümpfe gewechselt werden müssen, versteht sich von selbst.

m) Unsere Damenkleidung verdient häufig großen Tadel, da die tyrannische Mode hier leider! mehr, als der gesunde Menschenverstand gilt. — Das Tragen der weißen Schleier ist den Augen schädlich, das der schwarzen verdirbt den schönen Teint; — die Inkonsequenz, bald in bloßen Haaren, selbst bei rauem Wetter zu gehen, bald in warmen Zimmern Hüte zu tragen, bald den Hals und Busen warm, bald zu kühl zu halten, bald mit Halskragen sich zu schmücken, bald im bloßen Halse und Nacken zu erscheinen, kann in einem so unbeständigen Klima, als das unsrige ist, unmöglich ohne nachteilige Folgen sein. Das Tragen der Pelzpalatine ist eine um so widersinnigere Mode, als sie mit der übrigen dünnen und leichten Damenkleidung im auffallenden Widerspruch steht.

Über die Nachteile der früher gebräuchlichen Schnürleiber, welche Bluthusten, Schwindsucht, Nervenbeschwerden, schwere Geburten u. s. w. beförderten, habe ich anderswo geredet (s. Most's moderner Totentanz. Hannover 1823).

Zu kurze Damenkleider geben zu Erkältung der Füße Anlass und beleidigen die Schamhaftigkeit, zu lange sind beim Gehen hinderlich. Zu kurze Taillen in den Kleidern schaden stets dem Busen; die Brüste werden dadurch kleiner und bekommen leicht Knoten; auch geben sie Gelegenheit zu Erkältung des Leibes, zu Magenkrampf, Koliken, Durchfällen.

In unseren Gegenden ist das Tragen der Unterbeinkleider für Frauenzimmer sehr nützlich. Flanellene Unterröcke sind im Winter besser, als die wollenen gestrickten; im Sommer sind die von Piquée vorzuziehen. Die festen Leibbänder und Leibgürtel bringen unseren Damen großen Nachteil.

Es ist überhaupt höchst traurig, dass einerseits die Kleidertracht der Damen sich zu schnell und zu oft nach der Mode verändert (wodurch das Leben so kostspielig und manchem Familienvater die Sorge für die Seinigen so unendlich vergrößert wird), und dass anderseits dabei so wenig Rücksicht auf die Gesundheit genommen wird; die wahre Schönheit aber dadurch gerade zu Grunde geht, weil sie nur eine Tochter der Gesundheit ist.


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