Vorurteile bei Krankenpflege

Da uns die tägliche Erfahrung lehrt, dass selbst, wenn man auch die hier gegebenen Regeln befolgt, dennoch manche Vorurteile bestehen, welche diese Krankheiten befördern und die Sterblichkeit vermehren; so haben besonders Prediger und Schullehrer für die Ausrottung derselben zu sorgen. Zu diesen Vorurteilen gehören folgende:

α) Der große Hang zum Aderlassen, sobald man Kopfweh, Hitze, Schwere in den Gliedern u. s. w. verspürt. Nur der Arzt kann bestimmen, ob ein Aderlass gut ist oder nicht. In den meisten Fällen ist das unbedingte Aderlässen bei ansteckenden Krankheiten so nachteilig, dass es nicht nur die Krankheit verschlimmert, sondern sie oft tödlich macht.

β) Das Vorurteil, als könne man wegen Mattigkeit kein Brech- oder Laxiermittel vertragen und als sei die Natur zu schwach dazu, verdient gerügt zu werden. Wenn der gallige, entkräftende Fieberstoff durch diese Mittel aus dem Körper geschafft wird, fühlt sich der Kranke erleichtert und kräftiger, wie je zuvor. Auch hat jedes Vomitiv durch die Erschütterung und Umstimmung des Nervensystems beim Erbrechen zu Anfange ansteckender Krankheiten, besonders bei Blattern, Masern, Scharlach, Cholera etc. eine herrliche Wirkung und macht den Verlauf der Krankheit gelinde und gefahrlos.

γ) Der Missbrauch, scheinbar schwache Kranke mit kräftigen Fleischbrühen zu stärken, kann gleichfalls höchst nachteilig wirken, weil diese den galligen Krankheitsstoff vermehren und dann bei vorhandenen Unreinigkeiten in Magen und Gedärmen, leicht das früher gelinde Fieber zum Faulfieber machen.

δ) Das Vorurteil, als müsse ein Kranker, welcher stark schwitzt oder an fieberhaften Hautausschlägen: Blattern, Masern, Scharlach, Röteln etc. leidet, ganz mit Federbetten belegt, und das Zimmer, worin er liegt, stark geheizt, auch nie ein Fenster desselben geöffnet werden, hat schon vielen Kranken das Leben gekostet und in zahlreichen anderen Fällen wenigstens die Krankheit äußerst gefährlich gemacht. In demselben Grade, in welchem plötzliche Unterdrückung des Schweißes gefährlich ist, wirkt auch gewaltsame Erpressung desselben nachteilig.

ε) Das Vorurteil, als könne man einem gefährlich Erkrankten seine Teilnahme an dessen Leiden nicht besser, als durch häufige Besuche beweisen, muss ebenfalls besiegt werden. Der Besuch mehrerer Personen am Krankenbette vermehrt die Bangigkeit des Kranken, verdirbt die Luft um ihn, vergrößert seine Betäubung und selbst die besuchenden Personen setzen sich der Ansteckung der Krankheit leichter aus.


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