Correggio



- Dom zu Parma: Kuppel


In demselben Jahre legte Correggio Hand an eines seiner umfassendsten Werke, m welchem sich seine eigentümliche Richtung in ihrer vollständigsten Freiheit entwickelte. Seine herrlichen Kuppel- und Wandbilder in S. Giovanni hatten nämlich schon längst in den Bauvorstehern des Doms von Parma den Wunsch erregt, auch diese Kirche mit Gemälden von des Meisters Hand geschmückt zusehen, und dieselben hatten deshalb auch bereits am 3. Nov. 1522 einen Vertrag mit ihm über sämtliche Malereien des Chors und der Kuppel samt Bögen und Pfeilern (im Ganzen einen Raum von gegen 150 Quadratruthen einnehmend) für die Summe von 1000 Dukaten in Gold und 100 Dukaten Gold in Blättern zur Verzierung abgeschlossen. Nachdem er nun die nötigen Vorarbeiten, von denen noch mehrere Skizzen, Kartons u.s.w. (mit Kohle oder Rotstift gezeichnet) zerstreut vorhanden sein sollen, vollendet, begann er jetzt die Malereien in der Kuppel, erhielt auch am 29. Sept. 1526 die erste Abschlagszahlung mit 76 Dukaten. Während er aber mit diesen großartigen Arbeiten beschäftigt war, fuhr er ebenso eifrigst mit der Ausführung von Staffeleigemälden fort. So malte er im J. 1527 eines seiner Hauptmeisterwerke, den heil. Hieronymus,*) auch „der Tag" genannt (jetzt in der Galerie zu Parma). Madonna mit dem Kinde, zur Linken Hieronymus und ein Engel neben ihm, der dem Christuskinde eine Steile in dem geöffneten Buche des Heiligen zeigt; zur Rechten Magdalena, kniend und den Fuß des Kindes küssend, neben ihr ebenfalls ein Engel (gest. v. Agost. Caracci, Rob. Strange, Mauro Gandolfi, von Ravenet u. A.). In diesem Gemälde, das Correggio für die Donna Briseide Colla, Wittwe der Ottaviano Bergonzi zu Parma, um die Summe von 400 Lire (100 Lire = 20 Dukaten), 2 Wagen Reissbündel, einige Scheffel Weizen und ein Schwein ausführte, und mit welchem die fromme Dame die Kapelle ihrer Familie in der Kirche S. Antonio daselbst schmückte, entfaltet der in sich zur vollendetsten Harmonie gekommene Genius des Meisters all den Zauber seiner Farben- und Lichtverklärung. Wie von ätherischem Licht umfloßen erscheinen die Gestalten in einem durch die gesteigertste Empfindung erhöhten Lebenszustande und in einer bis an ihre äußersten Grenzen verfolgten Grazie und Anmut. (Von diesem Bilde existieren die meisten alten, zum Teil trefflichen Kopien, eine von L od. Caracci in der Bridgewater-Galerie zu London, eine andere von Baroccio im Pal. Pitti zu Florenz.) Im folgenden Jahre wurde des Künstlers Geburtsstadt von Hungersnot, Krieg und Pest schwer heimgesucht. Da gedachte Correggio einer schon im Jahr 1522, auf einer Erholungsreise von seinen Arbeiten in S. Giovanni nach der Heimat, in Reggio schriftlich eingegangenen Verpflichtung, wonach er einem Alberto Pratonero daselbst ein Ölgemälde, die Geburt Christi darstellend, für die Summe von 208 Lire (etwa 245 fl. rhein.) auszuführen sich anheischig gemacht hatte. Sein Gemüt, abgestoßen von der trübseligen Außenwelt, wandte sich daher mit um so ungeteilterer Gefühlswärme seiner Arbeit zu, und so entstand sein weltberühmt gewordenes Bild, die sogenannte heilige Nacht, in der Dresdner Galerie (gest. v. Lefèbre). In dieserm Gemälde geht, der alten Legende zufolge, das Licht von dem göttlichen Kinde aus, bestrahlt zunächst die Mutter, die es hält, und blendet fast die Hirten, die von seinem hellen Scheine herbeigelockt kamen, während die in der Höhe schwebenden Engel davon gleichsam nur angehaucht erscheinen. Im Hintergrunde beschäftigt sich Joseph mit dem Esel, in der Ferne zeigen sich noch andere Hirten mit ihren Herden, während am Horizont der Morgen anbricht. Der Hauptvorzug in diesem Bilde besteht in der Poesie der Lichtwirkung. Das Kind erscheint wie in Licht getaucht, das Antlitz der Mutter von blendendem Glänze übergossen, in den mannigfachsten Abstufungen webt und spielt das Licht bis in die dunkelsten Stellen, so dass überall noch die Farben, die wunderbar harmonisch zusammenstimmen, durchwirken. Dabei waltet in jeder Gestalt ein frisches Gefühl des Lebens, das sich in der anmutigsten Erscheinung kundgibt. Kleinere Darstellungen der Nacht in ähnlicher Weise behandelt, und Correggio zugeschrieben, findet man an verschiedenen Orten. Ein vorzügliches Bild dieser Art, als „Schule des Correggio" bezeichnet und neuerdings dem Rondani zugeschrieben, besitzt das Museum in Berlin. — Unbeirrt durch die Schrecken eines im Herzen Italiens wütenden Krieges, beschäftigte er sich ruhig mit diesem und ändern Werken. Da traf ihn im Jahr 1529 ein harter Schlag: er verlor zu Parma seine innigst geliebte Gattin durch den Tod. Sich nun über diesen traurigen Verlust zu trösten, arbeitete er, bezeichnend für seine ganze Individualität, jetzt nur mit um so emsigerem Fleiße, mit um so seligerem Behagen an den Gemälden der Kuppel des Doms fort (gest. von Toschi).**) Er stellte darin die Himmelfahrt der Maria dar, wie sie von Engeln in jauchzendem Triumphe emporgetragen wird, wie Christus in leuchtendem Strahlenglanze voll göttlicher Wonne der Mutter entgegenstürzt, wie die Apostel in seliger Herzensfreude der emporschwebenden Madonna nachschauen, wie Chöre von Genien in festlicher Heiterkeit Kandelaber anzünden oder das Rauchfass schwingen, und wie, während dies in der Höhe vorgeht, unten die Schutzheiligen von Parma, von Engeln begleitet, auf Wolken sitzen und miteinstimmen in den unendlichen Jubel himmlischen Entzückens dieser unermesslichen Schar von Heiligen, Seligen und Engeln. Aufgelöst scheint der ganze architektonische Raum, oder vielmehr über alle Grenzen der Architektur hinaus erweitert; die Kuppel ist erfüllt von einem ungeheuren Heere der erhabensten und lieblichsten Gestalten, die alle durch diese lichterfüllten Wogen von Licht und Glanz schweben, so dass das Auge in den offenen Himmel zu schauen wähnt. Im November des Jahrs 1530 erhielt er die zweite Rate von 175 Dukaten für diese Malereien, worauf er Parma verließ und sich wieder nach Correggio begab, wo er sich ein Landgut kaufte und ein zurückgezogenes, idyllisches Leben führte. Während dieser Zeit soll er sich mit der Ausführung des vom Adler in die Lüfte entführten Ganymeds (in der k. k. Galerie zu Wien) beschäftigt haben, dieser durch die lieblichste Anmut ausgezeichneten Gestalt, die stark an eine der Engelsfiguren der erwähnten Kuppelgemälde erinnert. Mit der Rückkehr der guten Jahrszeit im J. 1531 machte er sieh wieder an seine Arbeit im Dome zu Parma, eine ihn überfallende Krankheit nötigte ihn jedoch bald wieder zur Heimkehr; auch war er zur Ausführung der ihm weiter übertragenen und von ihm kontraktlich übernommenen Malereien in der Tribüne nicht mehr zu bewegen, da sein zartes Gemüt durch das rauhe Benehmen der Domherren verletzt worden war, so dass er für seine sämtlichen dortigen Malereien von dem vertragsmäßig festgesetzten Lohne im Ganzen nur die, für die Grosse und Bedeutung der daselbst vollendeten Malereien sehr geringe Summe von 350 Golddukaten erhielt. — In demselben Jahre noch berief ihn die Brüderschaft von San Pietro Martire nach Modena, ihr für ihre neu erbaute Kirche ein Altargemälde zu malen. Correggio führte den Auftrag aus, und wir bewundern in seiner Arbeit wiederum eines der gefeiertsten Werke des Meisters. Es ist dies der sogenannte heilige Georg, der später in die Galerie d'Este, von da in die des Königs von Polen gelangte und sich jetzt in der Dresdner Galerie beendet. (Es existieren aber davon noch einige Wiederholungen von Correggio selbst und mehrere Kopien.) Man erblickt darauf die Madonna auf dem Throne vor einer offenen Architektur, Georg und Petrus Martyr, Johannes den Täufer und Geminianus zu ihren Seiten; im Vordergründe Kinderengel, die mit den Waffen des heil. Georg spielen. Über dieses Bild ist die lichteste Tageshelle ausgegossen, das Antliz der Maria verklärt die süßeste, gnadenvollste Milde, in dem Märtyrer Petrus spricht sich die begeistertste Inbrunst und Hingebung aus.

 

*) Abgebildet in den Denkmälern der Kunst. Atlas zu Kuglers Handb. der Kunstgesch. Taf. 75, Fig. 2.

**) Ebendaselbst. Taf. 75, Fig. 5.

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