Tugend

Tugend (lat. virtus, gr. aretê), eigentlich Tauglichkeit, Tüchtigkeit, ist die sittliche Beschaffenheit des menschlichen Wollens und Handelns. Während das Ziel des sittlichen Handelns das sittliche Gut, die Verbindlichkeit hingegen danach zu streben die Pflicht ist, bezeichnet die Tugend die Kraft des Menschen, sich und sein Handeln den sittlichen Pflichten und Zielen gemäß zu gestalten.

 Nach Sokrates (469-399), welcher meinte, die Tugend sei lehrbar und niemand tue freiwillig das Böse, gibt es im wesentlichen nur eine Tugend, die Weisheit (Intellektualismus). Ähnlich lehrte Platon (427-347), der im Anschluß an seine Seelenlehre vier Kardinaltugenden (s. d.) aufstellte, die Tugend sei die Tauglichkeit der Seele zu dem ihr zukommenden Werke. Aristoteles (384-322) betrachtete die aus der natürlichen Anlage durch wirkliches Handeln herausgebildete Fertigkeit zu vernunftmäßiger Tätigkeit des Menschen als Tugend; die Tugenden teilte er in ethische und dianoëtische. Die ethische Tugend definierte er als diejenige dauernde Willensrichtung, welche die uns entsprechende Mitte einhält, d. i. die Unterwerfung der Begierde unter die Vernunft. So ist Tapferkeit die Mitte zwischen Feigheit und Verwegenheit, Mäßigkeit die Mitte zwischen Genußsucht und Stumpfsinn, Freigebigkeit die Mitte zwischen Verschwendung und Kargheit. Die höchste der ethischen Tugenden ist die Gerechtigkeit, welche im weiteren Sinne jene alle umfaßt, im engeren auf das Angemessene in Hinsicht auf Gewinn und Nachteil geht. Letztere ist entweder distributiv, sofern sie Besitztümer und Ehren zu verteilen hat, oder kommutativ, sofern sie es mit Verträgen und mit dem Ausgleich zugefügten Unrechts zu tun hat. Die dianoëtische Tugend dagegen ist das richtige Verhalten der theoretischen Vernunft teils an sich, teils in bezug auf die niederen psychischen Funktionen; diese Tugenden sind: Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische Einsicht. Nach den Stoikern ist die Tugend und das höchste Gut dasselbe; beides besteht im natur- und vernunftmäßigen Leben. Daher trägt auch die Tugend ihren Lohn in sich selbst. Da somit ihre Grundlage die Vernunft ist, scheint sie den Stoikern unverlierbar; auch gibt es nach ihrer Auffassung zwischen Tugend und Laster kein Mittleres. Doch ist die Tugend stets zugleich theoretisch und praktisch. Demgemäß stellte die Stoa die vier Kardinaltugenden auf: Einsicht, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Besonnenheit, die sie wieder in Unterarten schied, z.B. die Tapferkeit in: Ausharren, Unverzagtheit, Seelengröße, Mut und Arbeitsliebe. (Diog. Laert. VII, § 81 ff.) Nach Epikuros (341-270) ist die Haupttugend die richtige Einsicht bei der Abwägung von Lust und Unlust, die sich an eine Handlung knüpfen kann. Die Tugend ist also der einzig mögliche, aber auch ganz sichere Weg zur Glückseligkeit. (Diog. Laert. X, § 138.) Plotinos (205-270), der die Tugend mit Platon als Verähnlichung mit Gott bezeichnet, unterscheidet bürgerliche, reinigende und vergöttlichende Tugenden. - Augustinus (353-430) definiert die Tugend als Gehorsam und Liebe gegen Gott, die dieser in uns ohne unser Zutun hervorbringt; sie entfalte sich zu den vier heidnischen Kardinaltugenden, zu denen aber beim Christen noch drei theologische: Glaube, Liebe und Hoffnung träten. Petr. Lombardus (• 1160) lehrte ebenso, nur bestimmt er die Tugend als die richtige Beschaffenheit des auf das Gute gerichteten Willens. Abälard (1079-1142), sein Zeitgenosse, nennt die Tugend den zur bleibenden Eigenschaft gefestigten guten Willen. Thomas von Aquino (1225-1274) kombiniert die Ideen des Aristoteles, Augustinus und Plotinos, indem er im ganzen zehn Tugenden aufstellt: a) intellektuelle oder dianoëtische Tugenden, nämlich Weisheit, Wissenschaft und Erkenntnis; b) moralische, nämlich die vier antiken Kardinaltugenden, die als rein moralische, politische, reinigende, erhebende und vorbildliche erscheinen; c) die drei theologischen. - Melanchthon (1497-1660), der Verfasser der ersten protestantischen Ethik, faßt die Tugend als die Neigung, der richtigen Vernunft zu gehorchen. Ähnliches lehrt Cartesius (1596 bis 1650) da, wo er einmal Ethisches berührt. Spinoza (1632-1677) kommt durch eine eigentümliche Ableitung auf einen der stoischen Lehre verwandten Standpunkt. Da nach ihm alles das gut ist, was uns nützt, so ist Tugend die Fähigkeit, das unserer Natur Entsprechende zu tun. Dies aber ist die Erkenntnis Gottes; diese lehrt mich nicht nur mit meiner eigenen Natur, sondern auch mit derjenigen anderer in Übereinstimmung zu sein. Ähnliche Lehren finden sich bei Leibniz (1646-1716): Da die Weisheit die Wissenschaft der Glückseligkeit ist, diese aber nur in dauernder Lust beruht, welche aus unserer oder fremder Vollkommenheit entspringt, so ist die Tugend eine gewisse Kraft des Geistes, welche uns zur Ausführung des als recht Erkannten treibt. Chr. Wolf (1679 bis 1754) zog diese Sätze dahin zusammen, daß er sagte, die Tugend sei die Fertigkeit, seinen Zustand immer vollkommener zu machen. Kant (1724-1804) definierte: »Tugend ist die moralische Stärke des Menschen in Befolgung seiner Pflicht, die niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ganz neu und ursprünglich aus der Denkungsart hervorgehen soll« (Anthrop. § 10 S. 35), und: »Tugend ist die Stärke der Maxime des Menschen in Befolgung seiner Pflicht« (Metaph. d. Sitten II, S. 28). Ähnlich faßt J. G. Fichte (1762-1814) die Tugend als den ein für allemal sittlichen Charakter. Hegel (1770 bis 1831) definiert sie als sittliche Virtuosität; sie ist Einsicht und Charakter. Herbart (1776-1841) sagt, Tugend bedeute den inneren Wert derjenigen Person, welche die sämtlichen Regeln des Handelns kenne und beobachte. Nach Schopenhauer (1788-1860), welcher die Tugend nicht für lehrbar ansieht, geht sie zwar von der Erkenntnis aus, aber nicht von der abstrakten, sondern der intuitiven, so daß sie gewissermaßen wie das Genie angeboren ist.

 Formal läßt sich die Tugend definieren als die Kraft der sittlichen Gesinnung und Betätigung des Menschen. Inhaltlich empfängt sie im einzelnen ihre Bestimmung aus den Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu Gott aus der Erfahrung heraus. Über die Einteilung der Tugenden s. Kardinaltugenden. Vgl. Pflicht, höchstes Gut.


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