Tod

Tod (lat. mors, gr. thanatos) heißt das Aufhören der organischen Tätigkeit und der übrigen Lebenstätigkeit des Menschen und Tieres, des Stoffwechsels. Man nennt ihn beim Menschen normal, wenn er in den siebziger oder achtziger Lebensjahren infolge von Entkräftung, abnorm, wenn er früher eintritt. Der abnorme Tod erfolgt entweder durch Krankheit (falsche Art des Stoffwechsels) oder durch Gewalt, durch mechanische oder chronische Störungen. Worin das Sterben eigentlich bestehe, wissen wir nicht. Platon (427-347) sieht in ihm die Lösung und Trennung der Seele vom Leibe (Phaedon 67 D), Leibniz (1646-1716) eine Involution und Verkleinerung des Organismus (Monad. 73). Nach Hegel (1770-1831) ist der Tod die Aufhebung der Unangemessenheit des Einzelnen zur Allgemeinheit. Der Tod geht aus von dem Aufhören der organischen Funktionen des Herzens oder der Lungen oder des Gehirns. Demnach bezeichnet man den Tod entweder als Synkope (Herzlähmung) oder als Asphyxie (Erstickung) oder Apoplexie (Hirnlähmung). Je nach der Schnelligkeit der Sterbeerscheinungen nennt man den Tod plötzlich, rasch oder langsam, einfachen Erschöpfungstod oder Sterben unter Agonie (Todeskampf). Die Agonie wird durch das allmähliche Absterben der verschiedenen Apparate charakterisiert: Erschlaffung der Muskeln (hippokratisches Gesicht), zitternde, kraftlose Bewegungen, oberflächliche, langsame und aussetzende Respiration, Lähmung der Speiseröhre, allmähliches Aufhören des Herzschlags, Schwinden des Gesichts und Gehörs endlich Aufhören des Bewußtseins, der Atmung und der Blutzirkulation.

 Mit dem Erlöschen des Lebens wird der Mensch zur Leiche und verwest, d.h. die organischen Stoffe seines Körpers verwandeln sich in unorganische (Kohlensäure, Wasser und Ammoniak). Als solche dienen sie der Ernährung von Tieren und Pflanzen. So geht also kein Atom im Haushalte der Natur verloren. 

 Daß der Tod eines Nahestehenden auf die Überlebenden einen tiefen Eindruck macht, ist natürlich. Der Mensch wird hierdurch frühzeitig auf den Gedanken des eigenen Todes hingewiesen und durch die Gewißheit, früher oder später jedenfalls einmal sterben zu müssen, trübe gestimmt. Es birgt aber, wie so oft, auch hier das Übel sein Heilmittel in sich. Die Vernunft, welcher die Erkenntnis des Todes entstammt, leitet uns zugleich zu metaphysischen Gedanken hin, die uns darüber trösten. Religion und Philosophie streben gleichermaßen danach, uns das Sterben zu erleichtern. Sie lehren, daß der fortwährende Wechsel des Werdens und Vergehens nur die materiellen Einzelwesen und deren körperliche Bestandteile betrifft, welche bald hier, bald da, bald Menschen-, bald Tier-, bald Pflanzenleib, bald Elementarstoffe sind. Es bleiben dagegen in der Vererbung die Formen der Gattungen, die sich beim Stoffwechsel des Individuums auch im Leben dauernd behaupten. Absoluten Tod gibt es also nicht. »Todesblüte ist das Leben, Lebensblüte ist der Tod.« Daß der Einzelne stirbt, ist eine natürliche, also notwendige und vernünftige Sache; wer sich darüber betrübt, daß er sterben muß, bedauert es, daß er Mensch ist, daß er geboren wurde. Übrigens fürchten sich die meisten weniger vor dem Tode als vor dem Sterben; aber mit Unrecht; denn kein Mensch empfindet es; sondern bewußtlos, wie wir ins Leben treten, verlassen wir dasselbe. Der Todeskampf ist nur ängstlich für den Zuschauer, nicht für den Sterbenden. Darum hat Cicero gesagt, man brauche sich nicht davor zu fürchten; denn wenn wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht. (Cato maior 18, 66. Vgl. Tusc. disp. I de contemnenda morte.) Besteht doch der Tod für den Menschen nur im Aufhören des Bewußtseins, die darauf folgende Stockung aller organischen Funktionen ist also eigentlich eine Begebenheit nach dem Tode. Das Schwinden des Bewußtseins aber bereitet bekanntlich keinen Schmerz. Schopenhauer meint sogar, ohne den Gedanken an den Tod sei das Leben nicht erträglich. Das Individuum sei eine Beschränkung, ein Irrtum, ein Fehltritt, also sein Aufhören kein Verlust. Vgl. Leben, Unsterblichkeit. Weismann, Die Dauer des Lebens. Jena. 1882. Götte, Über den Ursprung des Todes, Hamb. 1883.


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