Teleologie

Teleologie (franz. téléologie v. gr. teleios = zweckmäßig und logos = Lehre) heißt die Lehre von der Zweckmäßigkeit der Dinge. Von Zweckmäßigkeit redet man da, wo man Zwecke erstrebt und verwirklicht sieht. Eine jede Zweckreihe umfaßt aber drei Glieder: 1. eine von irgendeiner Intelligenz vorgestellte und begehrte Wirkung einer Ursache, 2. eine tatsächlich in Aktion tretende Ursache, die, weil sie nicht den Anfang bildet, sondern in der Mitte zwischen zwei anderen steht, Mittel heißt, und 3. eine tatsächlich eintretende Wirkung dieser Ursache. Nur da kann also von Zweckmäßigkeit geredet werden, wo erstens eine Intelligenz und eine Idee dieser Intelligenz, zweitens eine Ursache und drittens eine Wirkung nachweisbar ist. Auf dem ethischen Gebiete des menschlichen Handelns sind alle diese Bedingungen erfüllt, und wir gewinnen den Begriff der Zweckmäßigkeit zuerst auf diesem Gebiete. Aber wir versuchen diesen Begriff auch auf die Natur zu übertragen und ihn sowohl für die Erfassung des Einzelnen in der Natur, namentlich innerhalb der Welt der Organismen, als auch für das Weltall als Ganzes zu verwerten. An die unleugbare Zweckerkenntnis beim menschlichen Handeln knüpft sich also der Gedanke einer zweckmäßigen Einrichtung der Natur im Großen und Kleinen, im Einzelnen und Ganzen, und einer Übereinstimmung der physischen und moralischen Welt, welche ohne eine alles beherrschende Intelligenz nicht möglich wäre. Hierin besteht die Teleologie, die sich also entweder zu der Lehre von der inneren Zweckmäßigkeit der einzelnen natürlichen Wesen, vor allem der Organismen, oder zu der Lehre von einem letzten Endzweck der Natur gestaltet und ihren Abschluß entweder in der Physikotheologie, dem Versuch, aus Zwecken der Natur auf die oberste Ursache der Natur zu schließen, oder in der Ethikotheologie (Moraltheologie), dem Versuch, aus den moralischen Zwecken vernünftiger Wesen in der Natur auf die letzte Ursache der Natur und ihrer Eigenschaften zu schließen, findet. (Vgl. Kant, Kr. d. U. § 85, S. 395.) Der Teleologie entgegengesetzt ist der Mechanismus, der in der Natur nur das Verhältnis von Ursache und Wirkung sucht. Der Mechanismus lehrt: »Alle Erzeugung materieller Dinge und ihrer Formen maß als nach bloß mechanischen Gesetzen möglich beurteilt werden.« Die Teleologie lehrt: »Einige Produkte der materiellen Natur können nicht als nach bloß mechanischen Gesetzen möglich beurteilt werden (ihre Beurteilung erfordert ein ganz anders Gesetz der Kausalität, nämlich das der Endursachen).« (Kant, Kr. d. U. § 70, S. 310.) Die teleologische Betrachtung der Dinge ist alt. Der Gegensatz der mechanistischen und der teleologischen Naturbetrachtung ist im Altertum durch die Systeme des Demokritos (um 460-360) und des Aristoteles (384-322) gegeben. Von Aristoteles ist die teleologische Weltauffassung auf die Kirchenväter und Scholastiker übergegangen, und dem Christentum des Mittelalters gilt die Welt als ein lebendiges Ganzes, in das sich alles Einzelne als Glied zweckmäßig einfügt. Die Renaissance stürzt diese Idee und macht der mechanistischen Weltauffassung wieder Platz. Aber Descartes (1596-1650) läßt zwar den Mechanismus innerhalb der Naturwissenschaft gelten, verwirft ihn jedoch als metaphysische Lehre. Auch Berkeley (1685-1753) erhebt Einwendungen gegen den Mechanismus, und Leibniz (1646-1716) ordnet die gesamte Natur mit ihrem Mechanismus als eine inadäquate Auffassung der Dinge einer begrifflich erkannten geistigen Welt von Seelenmonaden unter. Kant (1724-1804) erklärte den Zweckbegriff für ein Prinzip der Urteilskraft, sah aber in der teleologischen Naturbetrachtung nur ein regulatives, nicht ein konstitutives Prinzip der Forschung und bestritt auch die Berechtigung des teleologischen Gottesbeweises, stellte aber neben die Physikotheologie die Ethikotheologie. Schelling (1775 bis 1854) und Ulrici (1806-1884) haben die Teleologie von neuem aufgenommen, und Lotze (1817-1881) schließt sie wiederum von der Naturbetrachtung aus, läßt sie aber für die Metaphysik zu. So ist die Stellungnahme der Philosophie zur Teleologie eine verschiedene. Der Realismus lehnt sie im allgemeinen ab; der Pantheismus schwankt in seiner Haltung. Der Idealismus steht meist auf dem Standpunkt der Teleologie. Er kann sie kaum neben der kausalen Auffassung der Dinge ganz entbehren. Wenn neben vielem Zweckmäßigen sich auch Unzweckmäßiges in der Natur darbietet und vieles, was man zunächst nur aus Zwecken erklären zu können meinte, später mechanistisch erklärt worden ist, so ist es doch unzweifelhaft das Wesen unserer Vernunft, nach Zwecken zu handeln. So wenig wir nun wissen, ob es eine objektive Zweckmäßigkeit in der Natur gebe, so wenig läßt sich auch ihre Nichtexistenz nachweisen. Die Welt der Organismen aber und besonders der Menschen begreift sich leichter bei Zweckbetrachtung. So verschmäht der Idealismus, der die Welt als geistig ansieht, meist das Prinzip der Teleologie nicht. Die Philosophie im allgemeinen wird sich begnügen müssen, die Welt der Zwecke innerhalb des Menschentums anzuerkennen. Aber der Idealist wird geneigt sein, indem er die Welt von seinem eigenen geistigen Inneren aus erfaßt, auch in der Zweckmäßigkeit der Natur mindestens mit Kant ein regulatives Prinzip der Forschung, wenn nicht eine konstitutive Hypothese der Naturwissenschaft zu sehen. (Vgl. Zweck.) Vgl. Trendelenburg, Log. Untersuch. II, 1. E. v. Hartmann, Philos. des Unbewußten 3. Aufl. S. 51 f. Ulrici, Gott u. d. Mensch. 2. Aufl. 1866 S. 165. Kirchner, der Zweck des Daseins 1882. Fiske, Bestimmung des Menschen, a. d. Engl. V. F. Kirchner. Lpz. 1890. Eucken, Geistige Strömungen der Gegenwart. Leipzig 1904, S. 123-150.


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