Kardinaltugenden

Kardinaltugenden heißen die Haupttugenden, denen alle anderen untergeordnet sind. Platon (427-347), der die Tugend in der Tauglichkeit der menschlichen Seele zu dem ihr zukommenden Werke sah, stellte vier Haupttugenden auf: Weisheit (sophia, prudentia), Tapferkeit (andreia fortitudo), Gesundsinnigkeit (sôphrosynê, temperantia) und Gerechtigkeit (dikaiosynê, iustitia). Während die drei ersteren, der Einteilung der Seele in die erkennende, mutige und begehrliche entsprechend, Tugend einzelner Seelenkräfte sind, besteht die letzte Tugend in dem rechten Verhältnis der Seelenkräfte zueinander; sie bestimmt also den drei anderen ihr Maß. Aristoteles (384-322), für den die Tugend die aus der natürlichen Anlage durch Handeln erworbene Fertigkeit, das Vernünftige zu wollen, war, gab jene Einteilung auf und unterschied die ethische (tätige) Tugend von der dianoetischen (der Denktugend). Die ethische Tugend ist die Fertigkeit, die uns entsprechende Mitte zwischen zwei Extremen innezuhalten. Ihre Wurzel ist nicht, wie bei Platon, die Einsicht sophia, sondern die Mannhaftigkeit andreia. An sie schließen sich die anderen ethischen Tugenden: Gesundsinnigkeit sôphrosynê, Freigebigkeit und Großherzigkeit eleutheriotês, megaloprepeia, Ehrliebe megalopsychia, philotimia, Sanftmut praotês, Wahrhaftigkeit alêtheia, Freundlichkeit eutrapelia, philia, Gerechtigkeit dikaiosynê und Billigkeit to epieikes (Ethic. Nic. II, 7, p. 1107 a 28 ff.) an. Die dianoetischen Tugenden, die in dem richtigen Verhalten der denkenden Vernunft an sich und bezüglich der niederen Seelentätigkeiten bestehen, sind Vernunft, Wissenschaft, Kunst und praktische Einsicht. Sie gipfeln in der Theorie, der höchsten menschlichen Glückseligkeit. Die platonische Tugendlehre ist populär geworden und auch in die stoische Lehre und römische Philosophie übergegangen, die aristotelische hat sich weniger verbreitet. Plotin (205-270) stellte drei Klassen von Tugenden auf; bürgerliche (politische), philosophische (reinigende) und religiöse (vergöttlichende). Ambrosius (340-397) schloß den vier sog. philosophischen Kardinaltugenden Platons die drei theologischen: Glaube, Liebe, Hoffnung an, ebenso später Petrus Lombardus (•1164), der alle sieben aus der Liebe abzuleiten sucht. Schleiermacher (1768-1834) endlich unterscheidet erkennende und darstellende Tugenden; jene sind Weisheit und Besonnenheit, diese Liebe und Beharrlichkeit. Die Lehre von den Kardinaltugenden hat im allgemeinen für die Gegenwart wenig Bedeutung. Die reiche Gestaltung des Lebens verbietet jeden starren Schematismus in der Tugendlehre.


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