11. Fortsetzung der Reise


Den 15. Jun.

 

Von Matlock fuhren wir heute um 1½ Uhr Nachmittags ab. Der Weg ging bis Cromford, wo ein neuer schiffbarer Kanal angelegt wird, in dem schönen Derwenttal fort. Gerade Cromford gegenüber, an einer sehr schön gewählten Stelle, baut sich jetzt Sir Richard Arkwright ein neues Landhaus. Hinter Cromford kamen wir auf einen sehr hohen Bergrücken von Sandstein, von dem wir nicht nur rechts das nahe, in einem reichen Kessel gelegene niedliche Städtchen Wirksworth, sondern auch vor uns und links das ganze südliche Derbyshire, nebst Nottingham und Leicestershire, und einen Teil von Warwickshire übersahen. Jenseits dieses Berges kamen wir an verschiedenen Orten vorbei, wo man die Erdschollen mit einem Schälpfluge abstach, und zum Dünger verbrannte. Derbyshire hat in dieser Gegend schon viel angenehme Abwechselung, ob es gleich nicht so fett ist, als andere Provinzen. Die Stadt Derby (16 Meilen), die wir um 4 Uhr erreichten, ist von geringer Bedeutung. Man hatte eben heute die so genannte Canvass vorgenommen, d.i. die Herren, welche Parlamentsglieder als Repräsentanten der Stadt werden wollen, waren zu allen Stimmgebenden herumgelaufen, sie um ihre Stimme zu bitten. Eine Formalität, der sie sich unterwerfen müssen.

Den 16. Jun. Um 8 Uhr Morgens reisten wir von Derby ab, nach Burton, einem kleinen eilf Meilen entlegenen Städtchen. Der Weg ging noch über Gebirge von Sandstein, die also auch von der Südwestseite den Kalkdepot des Piks umgeben. An einigen Stellen bemerkten wir viel Sand. Zwischen Atherstone und Burton übersahen wir vom Gipfel eines nicht gar hohen Hügels wieder das schöne Warwickshire; allein wir blickten in die weite Ferne, weil eine Ebene vor uns lag. – Hier sind wir auf klassischem Grunde. Links blieb uns in einer Entfernung von drei bis vier Meilen Bosworth liegen, wo der Herzog von Richmond, hernach Heinrich VII, den König Richard den Dritten schlug, welcher auf der Wahlstatt blieb. – Von Derby nach Burton sind eilf Meilen; nach Atherstone zwanzig; nach Coventry vierzehn Meilen. Coventry mit seinen drei langen spitzen Türmen, worunter die berühmte Kathedralkirche oder Coventrycross die größte ist, hielt uns nur eine halbe Stunde Nachmittags auf, während dass wir aßen. Von da eilten wir durch eine, wie Berkshire angebaute und überaus schöne Gegend nach Warwick. Unterweges blieben uns rechts, in einer schönen schattenreichen Gegend, die Überreste von Kenilworth-Schloß in drei großen Turmmassen liegen. Aber das Schloß von Warwick (zehn Meilen) verdiente näher gesehen zu werden. Wie erinnerte mich hier alles an die tatenreiche, charaktervolle Englische Geschichte: an den Warwick, der größer als ein König war, indem er Könige absetzte oder machte; und – vor allem – an den unsterblichen Dichter, der das Große dieser Idee so ganz zu fassen, und in seinem King Henry the Sixth so göttlich darzustellen gewußt hat! – Gleich bei dem Eingang in die Stadt über dem Stadttor, erinnerte mich der wilde Eberskopf auf einem Speer (seit undenklichen Zeiten das Wapen der Warwicks) an den großen Ritter, der dieses siegreiche Panier so oft vor sich wehen ließ. Wir besahen das Schloß. Unter allen Überresten des zehnten Jahrhunderts hat keins in England sich so herrlich erhalten. – Der jetzige Graf wohnt sogar darin, und hat sich die Zimmer sehr schön einrichten lassen, auch einige Nebengebäude in demselben Geschmack, um der Gleichförmigkeit willen, aufgeführt. Die Mauern sind an einigen Orten vier Ellen dick. Eine Enfilade von Zimmern enthält etliche schöne, und etliche lehrreiche Porträts, z.B. die Königin Elisabeth, Essex, die Königin Marie von Schottland, die Gemahlin Karls I, und diesen unglücklichen König selbst; die Infantin von Parma, und viele andere mehr. Elisabeth sieht ihrem Vater doch sehr ähnlich, und dieser Zug ist ihrem Charakter nicht günstig. Essex hat eine fausse ressemblance von Herrn Koch, dem Schauspieler in Mainz. – Marie von Schottland ist entweder nicht getroffen, oder in einer sehr späten Periode ihres Lebens gemalt.

Die Aussicht aus den Fenstern ist sehr reich und lieblich.

Die Rüstkammer erinnert an den kriegerischen ritterlichen Genius der ehemaligen Bewohner dieser Burg. Wir sahen das lederne Wams, welches Robert Lord Brooke an hatte, als er bei Lichfield erschlagen ward. Auch Südsee-Sachen gibt es hier; ferner eine schöne Büste in Marmor von Edward dem schwarzen Prinzen, nach einem Gemälde; einen schönen Kopf der Pallas; Glasmalerei nach Rubens; Anna und Maria Boleyn von Holbein, vortrefflich erhalten.

Den Garten sahen wir nicht, denn wir eilten (acht Meilen) nach Stratford, wo wir um 7 Uhr ankamen, und die elende Hütte wo Shakespeare geboren ward, den Stuhl in welchem er zu sitzen pflegte, und vermutlich dichtete, das Stadthaus mit seiner Statue in einer Nische von außen, sein Porträt inwendig, von Garrick hin geschenkt, – und sein Grabmal in der Kirche besahen. Der Stuhl ist jetzt in die Wand gemauert, damit er nicht ganz zerfallen möge. Seit funfzehn Jahren, dass ich ihn nicht sah, ist er sehr beschädigt.

Den 17ten Jun., um halb 10 Uhr Vormittags, fuhren wir weiter durch Shipston und Chapel nach Woodstock, und – fast ermüde ich es zu schreiben – wieder durch eine schöne liebliche Gegend. England hat keine Waldungen, weiß jeder Schüler in der Geographie und Länderkunde zu erzählen; – aber dass beinahe ganz England wie ein fortwährender Lustwald aussieht, wo Wiesen und Triften, Äcker und Anger, und die lieblichen Ufer der Flüsse mit dem herrlichsten blühenden Gebüsch und den schattenreichsten Bäumen in ewiger Abwechselung prangen, das sollte man dabei zu erinnern nie vergessen. Wie manchen schönen Landsitz Englischer Landedelleute fuhren wir nicht heute vorbei! wie manches in Haine gleichsam vergrabenes Dorf! Hier hatte einer sein niedliches Haus auf einen reichbeblümten Rasen gebaut. Dahinter zog sich ein kleiner Wald; seitwärts wölbte sich eine zierliche weiße Brücke über einen Graben; jenseits der Heerstraße stürzte sich ein Flüßchen einige Schuh tief über einen Damm; und auf dem schönen Teich, der vor dem Rasenplatz seinen Spiegel ausbreitete, und um grasreiche Ufer, zwischen den Blumen der Wiese, erblickten wir manchen schönen Schwan, an dessen stolzer Form der Eigentümer dieses Gütchens vermutlich sein Vergnügen fand. – O Natur, was ist erquickender und zugleich erlaubter, als deine Werke zu lieben und ihrer froh zu werden! Was kann unschuldiger sein, als die Freude an diesem schönen, in seiner Pracht des Gefieders stolz daher segelnden Vogel! Wenn es einen Genuß auf Erden gibt, den keine Macht verbieten, keine sich ausschließend zueignen darf, der allen ewig gemein bleiben muß, und zu dem man berechtigt ist, indem man Sinn dafür hat: – so ist es der Genuß dieses Anblicks. – Doch ich vergesse, dass der Schwan ein königlicher Vogel ist, und dass es Länder gibt, wo niemand einen Schwan halten darf, als der König, d.i. derjenige, der wahrscheinlicher Weise nicht zu empfinden weiß, wie liebenswürdig die Natur in diesem Tiere ist. – Ich gönne den Großen das Wild, das sie hegen: es ist billig, dass diejenigen unter ihnen, die nicht durch Wohltaten des Herrscheramtes würdig sind, wenigstens zum Scheine fortfahren den Nutzen zu stiften, weshalb man sie zuerst als Beschützer der Wehrlosen über Andere erhob; und wenn es heutiges Tages keine Raubtiere mehr gibt, um derentwillen man Heroen oder Halbgötter zu Hilfe ruft, so mögen ihre Abkömmlinge meinetwegen Hirsche in ihren Parks einsperren, oder ihren Untertanen verbieten einen wilden Eber zu tödten, damit sie an einem gesetzten Tage ihn vor ihrem Richterstuhl vorbei jagen lassen, und mit eignen Händen erlegen können, wie der Kaiser von China jährlich einmal den Pflug mit hoher Hand berührt, zum Zeichen, dass vor mehrern tausend Jahren ein Kaiser durch dieses Werkzeug den Namen eines Landesvaters verdiente. Aber, dass ein Mensch sich erfrecht, allen andern den Besitz eines zahmen Vogels zu verbieten: das scheint so arg, als wollte er ihnen die Fenster an den Häusern, oder die Augen im Kopfe verschließen; und dass Menschen dies von einem dulden, beweiset nur, wie tief die Menschheit sinken kann.

So kamen wir um drei Uhr nach Woodstock, wo die ganze Stadt in Bewegung war, weil die Wahl zweier Repräsentanten heute vor sich ging. Alles, bis auf die Straßenjungen, trug Kokarden, gleichviel von welcher Farbe; die Frauenzimmer, jung und alt, häßlich und schön, reich und dürftig, hatten ihre Feierkleider an, und von allen Seiten ertönte ein ewiges Huzzah! Vor unserm Gasthof wehten hoch in der Luft drei große, weiß-seidne Fahnen, worin die Wapen der Bürgerschaft und der neuen Parlamentsherren, nebst allerlei emblematischen Verzierungen in Farben prangten; denn heute speiste die Bürgerschaft mit den Neugewählten in dem Gasthof, nachdem man diese letzteren, wie die Sitte es mit sich bringt, in große Armstühle gesetzt und herumgetragen hatte. Übrigens war hier keine Uneinigkeit, keine Gegenpartei; der Einfluß des Herzogs von Marlborough ist in Oxfordshire so unwiderstehlich, dass man die Parlamentsglieder, sowohl für Woodstock als für die Grafschaft selbst, ohne Widerrede nach seinem Wunsche wählt. Sein ältester Sohn, der Marquis Blandford, wird in diesem Parlamente die Grafschaft Oxford, und ein jüngerer, Lord Henry Spencer, die Stadt Woodstock repräsentieren. Die Betrachtungen, die sich bei dieser Veranlassung über die Konstitution von England machen lassen, und die wir wirklich zu machen uns nicht enthalten konnten, will ich nicht alle hierher setzen. So viel ist indes gewiß, dass die blinden Verteidiger und übertriebenen Lobredner eben so weit vom Ziele sind, als die plumpen Tadler dieser berühmten und in der Tat merkwürdigen Verfassung. –




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 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 15:12:33 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 
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