13. Oxford


Den 18. Jun.

 

Einen Englischen Musensitz erkennt man leicht an den schwarzen viereckigen Biretten der Studierenden, und an ihren langen schwarzen Mänteln mit kurzen weiten, oder sehr langen engen Ärmeln. Man glaubt, die Schüler eines Jesuiter-Kollegiums zu sehen; und in gewisser Rücksicht sieht man sie in der Tat. Ich wurde sehr lebhaft an Wilna in Litauen erinnert, als ich diese possierlichen Gespenster an mir vorüber flattern sah.

Ich weiß wohl, die Kleidung allein tut nichts zur Sache; sie ist aber auch nicht so gleichgültig, als man denkt: sie steht in unmittelbarer Verbindung mit Gesetzen, Formalitäten und Zwangssystemen, welche eine Falte in den Charakter biegen, deren Spur auf Zeitlebens unauslöschlich bleibt.

Die monastische Ordnung, welche auf den Englischen Universitäten eingeführt ist, hat man oft in Deutschland als musterhaft gepriesen – weil man sie nicht kannte. Die Strenge geht hier so weit, dass man kein Gesetz mehr beobachten kann. Dieser Fall ist in England nicht selten. Die Gesetze gegen die Katholiken sind so drückend, dass man sie schlechterdings nicht mehr in Ausübung bringt; und dennoch hat man nicht den Mut, sie abzuändern. Kein Volk hängt so blindlings an alten Formen, wie das Englische; es knüpft den Begriff seiner politischen Existenz daran. Sagt ihm, die Abschaffung eines einzigen Gesetzes gegen die Katholiken sei gefährlich, so rottet sich der Pöbel noch heute zusammen, und Gordons Wahnsinn wirkt zum zweitenmal eine furchtbare Empörung. – Die Studenten in Oxford müssen sich so manchen Erbärmlichkeiten unterziehen, dass sie im Wesentlichen mehr Freiheit genießen, als andere Studenten auf Deutschen Universitäten; und wohl dem Lande, dass dem also ist! Zwischen dem blinden Gehorsam des Schulknaben, und dem freien Willen des Mannes, muß es einen Mittelzustand geben, in welchem der Mißbrauch der Selbstherrschaft so wenig üble Folgen für das Gemeinwesen hat, als möglich. Sonst wird, wenn der Jüngling auch noch Sklave bleibt, erst der Mann im Amte sich seinen Ausschweifungen überlassen, und sein Toben wird von üblen Folgen für das gemeine Beste sein. Wenn hingegen ein Student seine Freiheit mißbraucht, so schadet er höchstens sich selbst, und gewinnt unter seines Gleichen bald so viel Erfahrung, als er zur Lebensnotdurft bedarf.

Ich weiß zwar wohl, dass es theoretische und praktische Erzieher gibt, welche den Zögling nie genug einzuschränken und zu fesseln glauben: Menschen, die sich vorstellen, man dürfe die menschliche Seele im Erziehungsinstitute treiben, wie man Spargel im Lohbeete treibt, und die dann auch wirklich nur saft- und kraftlose, ekelhafte Geschöpfe in die Welt liefern, unfähig, sich auf einen Augenblick von ihren auswendig gelernten Regeln zu entfernen, und selbstständig zu denken, Maschinen in jeder Bedeutung des Wortes! An ihren Werken müssen wir sie erkennen. Es ist eine leichte Kunst, Maschinen aus Menschen zu schnitzen; aber die menschliche Natur in ihrer Würde zu lassen, und Kräften, die eine höhere Hand schuf und in die einzelnen Keime legte, zu ihrer freien vollkommenen Entwickelung behilflich zu sein, anstatt ihnen unwürdige, verunstaltende Fesseln anzulegen: – das ist die große Kunst, wozu die wenigsten Erzieher Geduld, Billigkeit und Selbstverläugnung genug besitzen. Anstatt den Zögling den Gebrauch seiner Anlagen zu lehren, wollen sie immer nur, dass er sie nach ihrer Art gebrauchen soll, und machen ihn zur schlechten Kopie eines elenden Originals. Ihr kurzsichtiger, enger Egoismus ist nicht zufrieden, Menschen in verschiedenen Graden der Intension, ihrer verschiedenen Organisation und der damit verknüpften Kräfte genießen zu sehen, und sich des mannigfaltigen, unerschöpflichen Reichtums der Natur zu freuen; sondern es ist ihr armseliger Ehrgeiz, nach ihrem Bild alles um sich her modeln zu wollen. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr diese Methode auf die Verewigung der Vorurteile und Irrtümer abzwecken muß: denn ich behaupte sogar, dass, wenn ein solches Unding, wie ein vollkommnes System, möglich wäre, die Anwendung desselben bei der Pädagogik für den Gebrauch der Vernunft dennoch gefährlicher als jedes andere werden müßte. Die Idee des Unverbesserlichen zieht einen lähmenden Mechanismus nach sich, welcher mit dem Chinesischen Sittengesetz am besten exemplifiziert wird und den Begriff von Tugend ganz aufhebt. Der Erzieher hätte meines Erachtens wenig Verdienst um die Menschheit, der die Jugend dahin gebracht hätte, alles zu tun oder zu lassen, je nachdem es dem gewohnten Herkommen gemäß ist oder nicht, oder, was auf Eins hinausläuft, nachdem es mit den Regeln, die er von seinem Lehrer lernte, übereinstimmt, oder ihnen widerspricht. Alle dogmatische, alle geistliche Erziehung hat mehr oder weniger diese Tendenz, und ihr nachteiliger Einfluß, der allerdings hier durch viele andere Umstände gemildert wird, äußert sich doch wirklich noch kenntlich genug in der Denkart und den Handlungen der Engländer. Es ist ihnen freilich eben nicht anzusehen, dass sich alle nach dem Geläute des Tom richten müssen, so wenig es den jungen Edelleuten einen Adelstolz einflößt, dass sie bei den Mahlzeiten an einem eigenen Tische sitzen, und durch allerlei kleine Vorrechte, wie z.B. den Gebrauch der kollegialischen Bibliotheken, vor den Bürgerlichen ausgezeichnet werden. Unstreitig ist ihre Anzahl zu unbedeutend, als dass sie unter sich bleiben, und die große Masse der Studierenden ganz entbehren könnten; daher müssen sie ihre Vorrechte fahren lassen, und wenigstens im Umgange sich der Vorzüge entäußern, welche die monastisch-pfäffische Einrichtung ihnen mit Hinsicht auf einen möglichst zu unterstützenden Despotismus verlieh. Hingegen ist es sehr die Frage, ob da, wo die Eigenliebe des großen Haufens der Studenten nicht in Kollision kommt, nicht der Grund zu jener blinden Anhänglichkeit an religiöse Vorurteile gelegt wird, wodurch die Engländer sich auszeichnen, und worauf unter andern ihr Beharren bei der unsinnigen testact beruht. Ich meines Teils begreife nicht, wie junge Männer der Alternative des Aberglaubens oder des Unglaubens entgehen können, wenn sie sich hier sechs bis acht Jahre lang viermal täglich zum Gebet in der Kapelle ihres Kollegii einstellen müssen. Dieses Opus operatum, wovon sich die guten Wirkungen in der Kapelle von Christchurch College, drei Schritte weit vom Altar, an den in die Bank geschnitzten Eselsköpfen, Namen u.s.f. erkennen lassen, muß einen geistigen Stumpfsinn bewirken, wenn es wirklich zur Gewohnheit wird.

Wer schön erhaltene Gothische Gebäude sehen will, komme hierher. Oxford nimmt sich, nach London, vielleicht unter allen Städten Englands aus der Ferne – und fast möchte ich hinzusetzen, auch in der Nähe – am besten aus. Ein Wald von Gothischen Turmspitzen ragt aus den schattenreichen Gängen und Gefilden an der Kam und Isid hervor, und zwischen ihnen prangt mit allem Pomp der modernen Baukunst der Dom von Radcliffs Rotonda, und das schöne Achteck seiner Sternwarte. Wandelt man auf den reinlichen, wohlgepflasterten, und meistens mit guten neuen Häusern bebauten Straßen, so erstaunt man, überall die weitläuftigen Klostergebäude zu erblicken, welche der Brittischen Jugend, aber noch mehr dem theologischen Wohlleben, gewidmet sind. Aus einem geräumigen Vorhof, aus einer Halle tritt man in die andere, und es gibt hier Kollegia, wie z.B. das von Christchurch, die aus vier großen an einander stoßenden Vierecken bestehen. Der Umfang dieser prächtigen Werke des Altertums ist so ungeheuer, dass man nicht weiß, ob man mehr über die Verwegenheit des Eifers, oder über den Mißbrauch der Kosten erstaunen soll. Die große westliche Facciate des größern Vierecks in Christchurch College hat eine Länge von 382 Fuß, und seine Gothischen Türmchen steigen leicht und kühn in die Luft. Nichts kann einen angenehmeren Effekt machen, als der schöne weite Bogen, der sich über dem Tor von Merton College wölbt, mit den Schnirkeln und Verzierungen, die den innern Raum des Bogens füllen, und den hohen krausen Gipfeln des breiten, viereckten Turms, durch den Ulmenhain gesehn, der dieses Gebäude umgibt. Allsouls College ist beinahe das schönste Gothische Gebäude an Einfachheit und schlanker Kühnheit seiner rund um das Viereck aufsteigenden Pfeiler, und der beiden hohen, wie Zypressengipfel sich verlängernden Türme. Nirgends war mir die Ähnlichkeit dieser Bauart mit einem angepflanzten Walde so auffallend, als hier und vor dem Stufengange, der zum großen Speisesaale in Christchurch College führt. Hier ruhet der Mittelpunkt des Gewölbes auf einer zarten schlanken Säule, deren Äste sich oben palmenförmig ausbreiten, zierlich wölben, und den Wölbungen des Schwibbogens nach allen Seiten hin entgegen streben.

Die Gothische Bauart, wie auffallend auch ihre Mißverhältnisse sind, ergreift die Phantasie auf eine unwiderstehliche Weise. Wie leicht schießen diese schlanken Säulen so himmelhoch hinan! Durch welche Zauberkraft begegnen sich ihre höher sprossenden Äste, und schließen den spitzen kühnen Bogen! Romantische Größe, schauervolle Stille, lichtscheue Schwermut und stolzes Bewußtsein füllten die Seele, die sich in diesen Formen gefiel, und in ihnen sich äußerte; – denn diese Formen wecken jene Gefühle in einem Sinne, der sie wieder auffaßt. –

Die Kollegia sind indes nicht auf einmal zu ihrer jetzigen Größe und Pracht gediehen. Dies läßt sich schon im voraus vermuten, und oft gibt es auch der bloße Anblick, und die heterogene Einmischung Römischer Architektur zwischen den altgothischen Steinmassen. Peckwater court in Christchurch College ist ein modernes mit Radcliffe's Vermächtnis erbautes Viereck; Magdalen College hat ebenfalls eine moderne Partie, u.s.f. Allein sehr alt sind freilich die hiesigen Gebäude nicht. Magdalen College ward als ein Hospital von Heinrich III gestiftet, erst 1456 in ein Collegium verwandelt, und von Wolsey endlich mit dem Turme verziert. Wolsey hat auch Christchurch College erbaut. Von University College ward der Bau erst 1634 angefangen, und durch Dr. John Radcliffe vollendet. Allsouls College ward 1437 gegründet; Brasenhose College in 1507. Hertford College fing man erst vor siebzig Jahren an wieder aufzubauen. Watham College ward erbaut 1613; Trinity 1594; Balhol 1284; St. John's 1557, und später; Worcester 1714; Exeter 1316; Jesus 1571; Lincoln (1717) – Oriel 1324. – Corpus Christi 1706; Merton 1610; Pembroke 1620.

Der Aufwand im Innern dieser Gebäude ist nicht minder ungeheuer, und nicht minder gothisch als die barbarische Pracht ihrer Mauern und ihrer unermeßlichen Säle. Marmorne Statuen der Stifter und Wohltäter sieht man überall; Portraits der berühmten Gelehrten und Staatsmänner, die in den verschiedenen Kollegien jedesmal studierten, verzieren die Wände. Dazu kommt noch, dass fast jedes Kollegium seinen eignen Garten hat. – Magdalen College hat sogar einen Park mit vierzig Stück Damhirschen, von denen die Herren sich gütlich tun. Es ist allerdings eine schöne Sache um diese schattenreichen Gänge, diesen Akadhmeiais bei jedem Kollegium, der Betrachtung und Philosophie geweiht; allein diejenigen, die des Umherlaufens in Gärten am meisten bedürften, sind eben die, welche davon ausgeschlossen sind – Nur die wohlbeleibten und mit reichlichen Einkünften versehenen Fellows haben Erlaubnis dieses Heiligtum zu betreten, und ihnen wird vermutlich auch allein das feiste Wildpret zu Teil.

Die Glasmalerei ist ein anderer Luxus in diesen Gebäuden; beinahe eine jede Kapelle hat etwas von dieser Art aufzuweisen, und eine wetteifert darin mit der andern. Einige Fenster sind so alt, dass man das Datum ihrer Verfertigung nicht weiß; die meisten sind aus dem 16ten, 17ten und Anfang des 18ten Jahrhunderts. Einige, zumal in Allsouls-College, sind von ausgezeichneter Schönheit, und noch immer fährt man fort in dieser kürzlich wiedererfundenen Kunst neue Stücke ausarbeiten zu lassen, und die ungeheuren Einkünfte der Kollegien für bunte Glasscheiben zu vertun.

Eine Seltenheit von ganz besonderer Art sind die emblematischen in Stein gehauenen Figuren, welche in dem Viereck von Magdalen College rund umher an den Wänden angebracht sind. Die bizarren Erfindungen des Sizilianischen Prinzen, von welchem Brydone erzählt, können nicht toller aussehen, und man brauchte ihretwegen nicht so weite Reisen zu tun. Hier gibt man sie für Allegorien aus. Vielleicht sollen auch jene Sizilianischen einen Sinn haben, und es kommt nur darauf an, dass jemand sich die Mühe gibt ihn herauszubringen, und hinterdrein auszurufen: if this be madneß, yet there's method in't.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 16.11.2007 
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